Wer in die Ferne blickt und alles verschwimmt, ist kurzsichtig, und diese Sehschwäche breitet sich weltweit rasant aus. Eine vielzitierte Metaanalyse prognostiziert, dass bis zum Jahr 2050 rund die Hälfte der Weltbevölkerung betroffen sein wird. Fast eine Milliarde Menschen droht dann eine stark ausgeprägte Form mit erhöhtem Risiko für dauerhafte Sehverluste. Als treibende Faktoren gelten veränderte Lebensgewohnheiten, allen voran viel Naharbeit und wenig Zeit im Freien, was vor allem den Nachwuchs betrifft.
Bei Kurzsichtigkeit, medizinisch Myopie, treffen einfallende Lichtstrahlen nicht auf der Netzhaut, sondern davor zusammen, weshalb entfernte Objekte unscharf erscheinen. Ursächlich ist meist ein zu langer Augapfel, dessen Wachstum in Kindheit und Jugend maßgeblich geprägt wird. Über Jahrzehnte galt Myopie als reiner Sehfehler, der sich mit Brille oder Kontaktlinsen unkompliziert ausgleichen lässt. Diese Sicht greift jedoch zu kurz, denn die Häufigkeit der Kurzsichtigkeit hat in vielen Regionen dramatisch zugenommen, besonders in Teilen Ostasiens. Eine Forschergruppe um Professor Brien Holden am gleichnamigen Vision Institute in Australien untersuchte deshalb systematisch, wie sich die weltweite Verbreitung bis zur Mitte des Jahrhunderts entwickeln könnte. Die Ergebnisse wurden zu einer der zentralen Referenzarbeiten der Myopieforschung und prägen bis heute die Debatte über Vorsorge und Versorgung.
Für ihre Projektion führten die Forscher eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse durch und kombinierten Häufigkeitsdaten mit Bevölkerungsprognosen, um die Entwicklung über 35 Jahre abzuschätzen. Als hohe Myopie definierten sie besonders starke Werte ab etwa minus fünf Dioptrien, die mit einem deutlich erhöhten Risiko für schwere Augenerkrankungen einhergehen. Die Datengrundlage reichte bis in die 1990er Jahre zurück und umfasste zahlreiche Einzelstudien aus verschiedenen Weltregionen. Auf dieser Basis modellierten die Wissenschaftler, wie viele Menschen im Jahr 2000, 2020 und 2050 von Kurzsichtigkeit betroffen sein dürften. Die Arbeit liefert damit nicht nur eine einzelne Zahl, sondern eine differenzierte Landkarte der zu erwartenden Belastung, die für die Planung von Augenheilkunde und Prävention weltweit Bedeutung hat.
Die Kernzahlen der Analyse sind eindrücklich. Für das Jahr 2000 schätzten die Forscher rund 1,4 Milliarden Kurzsichtige, was etwa 22,9 Prozent der damaligen Weltbevölkerung entsprach. Bis 2050 soll diese Zahl auf etwa 4,76 Milliarden steigen, was rund 49,8 Prozent und damit annähernd der Hälfte der Menschheit entspricht. Noch stärker fällt der Anstieg bei der hohen Myopie aus. Sie könnte von rund 2,7 Prozent im Jahr 2000 auf etwa 9,8 Prozent im Jahr 2050 klettern, was fast einer Milliarde Menschen entspricht. Damit würde sich der Anteil der besonders stark Betroffenen etwa verfünffachen. Die Forscher warnen, dass unkorrigierte und hohe Myopie so zu einer führenden Ursache dauerhafter Sehbeeinträchtigung werden könnte, mit erheblichen Folgen für Gesundheitssysteme und Lebensqualität.
Die Gefahr liegt weniger in der Sehschwäche selbst als in ihren Folgeerkrankungen. Ein stark verlängerter Augapfel dehnt die Netzhaut und begünstigt Komplikationen wie myopische Makuladegeneration, Netzhautablösung, grünen Star und grauen Star. Diese Erkrankungen können das Sehvermögen dauerhaft schädigen und in schweren Fällen zur Erblindung führen. Genau deshalb behandeln Fachleute die hohe Myopie nicht als kosmetisches Problem, sondern als ernstzunehmendes medizinisches Risiko. Die Studienautoren leiten daraus die Notwendigkeit ab, die augenmedizinische Versorgung frühzeitig auf eine deutlich wachsende Zahl von Betroffenen einzustellen. Vorsorge, regelmäßige Kontrollen und ein Bewusstsein für Risikofaktoren gewinnen dadurch an Bedeutung, denn je früher eine fortschreitende Kurzsichtigkeit erkannt wird, desto eher lassen sich schwere Verläufe abmildern.
Die Ursachen der Myopie sind sowohl genetisch als auch umweltbedingt, doch die rasante Zunahme lässt sich mit Erbfaktoren allein nicht erklären. Die Forscher verweisen vor allem auf veränderte Lebensgewohnheiten, insbesondere auf eine Kombination aus weniger Zeit im Freien und mehr Naharbeit. Zur Naharbeit zählen Lesen, Schreiben und vor allem die intensive Nutzung von Bildschirmen und Smartphones. Zugleich verbringen viele Kinder deutlich weniger Zeit draußen als frühere Generationen, was als eigenständiger Risikofaktor gilt. Tageslicht im Freien scheint das übermäßige Längenwachstum des Auges zu bremsen, weshalb der Aufenthalt draußen als schützend diskutiert wird. Die zunehmende Verstädterung verstärkt diese Entwicklung, weil sie Naharbeit fördert und Freiflächen reduziert. Damit rückt der kindliche Alltag ins Zentrum der Vorsorge, denn genau dort werden die Weichen für die Sehkraft gestellt.
Aus den Befunden ergeben sich konkrete Ansatzpunkte, ohne dass die Studie individuelle Handlungsanweisungen ersetzen könnte. Fachleute betonen den Wert regelmäßiger augenärztlicher Kontrollen im Kindesalter, mehr Zeit im Freien und einer maßvollen Nutzung von Geräten mit Naharbeit. Wichtig ist die Einordnung, dass es sich um eine Projektion handelt, die auf Modellannahmen beruht und die tatsächliche Entwicklung von zukünftigem Verhalten und von Vorsorgemaßnahmen abhängt. Gerade darin liegt jedoch eine Chance, denn anders als bei rein genetisch bedingten Erkrankungen lässt sich der Trend durch veränderte Gewohnheiten beeinflussen. Die Studie liefert damit weniger eine unausweichliche Prognose als eine Warnung, die zum Handeln einlädt, bevor die Kurzsichtigkeit weltweit zu einer der häufigsten Ursachen für dauerhafte Sehverluste wird.
Ophthalmology, Global Prevalence of Myopia and High Myopia and Temporal Trends from 2000 through 2050; doi:10.1016/j.ophtha.2016.01.006