Robert Klatt
Menschen, die vor einer Impfung das Belohnungszentrum ihres Gehirns gezielt mit positiven Gedanken aktivieren, etwa mit positiven Erinnerungen, produzieren nach einer Impfung mehr Antikörper.
Tel Aviv (Isreal). In der Medizin ist es seit Langem bekannt, dass positive Gedanken und optimistische Erwartungen die Ergebnisse einer Therapie über den Placeboeffekt hinaus verbessern können. Welche neuronalen Mechanismen dafür verantwortlich sind, konnte die Forschung bisher aber kaum identifizieren. Wissenschaftler der Tel Aviv University (TAU) haben deshalb eine Studie durchgeführt, in deren Rahmen 85 Probanden eine Impfung gegen Hepatitis B erhalten haben.
Die Forscher haben 34 der 85 Probanden die Methode „Neurofeedback“ vermittelt, mit der Menschen bestimmte Regionen des Gehirns gezielt aktivieren können, während sie sich in einem Gehirnscanner befinden. Die Probanden haben daraufhin gezielt das Belohnungszentrum ihres Gehirns aktiviert, etwa indem sie sich auf bestimmte Regionen ihres Körpers konzentriert oder indem sie positive Erinnerungen aufgerufen haben.
„Wir öffnen eine Art Fenster zu einer unbewussten neuronalen Aktivität.“
Die übrigen Probanden wurden in zwei Gruppen unterteilt. Eine Gruppe hat gezielt andere Hirnbereiche abseits des Belohnungszentrums aktiviert und die dritte Gruppe hat keinerlei Hirnbereiche gezielt angesprochen. Im Anschluss darauf haben die Probanden aus allen Gruppen die Impfung gegen Hepatitis B erhalten.
Die Forscher haben daraufhin im Abstand von zwei und vier Wochen nach der Impfung die Hepatitis-B-Antikörper im Blut der Teilnehmer gemessen. Menschen mit einer höheren Aktivität im ventralen tegmentalen Areal (VTA), das zu den Belohnungsbahnen in den tiefen Hirnstrukturen gehört, hatten einen höheren Antikörperspiegel im Blut als die Probanden aus den zwei anderen Gruppen. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass positive Gedanken, die die Belohnungsbahnen des VTA aktivieren, dazu führen, dass das Immunsystem eine stärkere Immunantwort auf die Impfstoffe auslöst und dadurch mehr Antikörper produziert.
„Es muss einen biologischen Mechanismus geben, der erklärt, warum sich tatsächlich etwas in unserem Körper verändert, wenn wir etwas Positives erwarten.“
Laut Isaac Chiu von der Harvard University, der selbst nicht an der Studie beteiligt war, zeigen die neuen Ergebnisse als eine der ersten Studien, dass die Aktivität in der Hirnregion mit nachgeschalteten Antikörperreaktionen verbunden ist.
Der beobachtete Effekt ist laut Jeremy Howick von der Universität Leicester relativ gering. Es ist laut dem Professor für empathische Gesundheitsversorgung, der an der Studie nicht beteiligt war, zudem denkbar, dass der Effekt bei Impfungen im klinischen Alltag nicht im selben Maße auftritt. Die Ergebnisse sieht Howick trotzdem positiv.
„Da es für medizinisches Fachpersonal kostenlos ist, Dinge zu sagen, die positive Erwartungen wecken können, ohne zu übertreiben, wie zum Beispiel: ›Wir werden unser Bestes tun, um Sie zu versorgen‹ oder: ›Ich habe gesehen, dass diese Behandlung bei Menschen wie Ihnen wirkt‹, ist dies ein ziemlich deutliches Signal dafür, dass wir dies öfter tun sollten.“
Die Studienautoren wollen nun untersuchen, wie die Reaktion des Immunsystems genau verursacht wird. Es ist laut ihnen denkbar, dass das Gehirn bei positiven Gedanken über die Nervenbahnen Signale an die Immunzellen sendet, die dort die stärkere Immunantwort auslösen.
Quellen:
Studie im Fachmagazin Nature Medicine, doi: 10.1038/s41591-025-04140-5