Ein Bluttest hat in einer großen US-Studie Krebssignale aus 17 verschiedenen Krebsarten aufgespürt, darunter Eierstock-, Lungen-, Brust- und Darmkrebs. Bei gut der Hälfte der neu entdeckten Tumoren handelte es sich um frühe Stadien. Einen Tag nach der Veröffentlichung empfahl ein Beratergremium der US-Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung des Tests. Eine britische Studie kam allerdings zu widersprüchlichen Ergebnissen, und auch Fehlalarme bleiben ein Problem.
Für die meisten Krebsarten gibt es bis heute keine Vorsorgeuntersuchung. Darmspiegelung, Mammografie oder Gebärmutterhalsabstrich decken nur einen kleinen Teil der Tumoren ab, viele andere Krebsarten werden erst entdeckt, wenn sie Beschwerden verursachen und oft schon gestreut haben. Seit Jahren arbeiten Forscher deshalb an Bluttests, die viele Krebsarten gleichzeitig erkennen sollen. Das Prinzip: Tumorzellen geben kleine Bruchstücke ihres Erbguts ins Blut ab, die sich in bestimmten chemischen Mustern von gesundem Erbgut unterscheiden. Der Test Galleri des US-Unternehmens Grail analysiert solche Bruchstücke und sucht nach typischen Signaturen von Krebs. Findet er ein Signal, schätzt er zusätzlich, aus welchem Organ der Tumor wahrscheinlich stammt, damit Ärzte gezielt weiter untersuchen können. In den USA ist der Test bereits erhältlich, kostet aber mehrere Hundert Dollar und hatte bislang keine Zulassung der FDA. Die neue Studie sollte zeigen, wie gut er unter realen Bedingungen funktioniert.
An der Studie PATHFINDER 2 nahmen 35.878 Erwachsene ab 50 Jahren teil, bei denen kein Krebsverdacht bestand. Die Ergebnisse erschienen am 22. September im Fachjournal Nature Medicine, wie die Mayo Clinic mitteilte, deren Onkologe Karthik Giridhar Seniorautor ist. In die Auswertung flossen 32.007 Teilnehmer ein. Bei 287 von ihnen schlug der Bluttest an, bei 173 dieser Personen wurde anschließend tatsächlich Krebs diagnostiziert. Das entspricht einem positiven Vorhersagewert von 60,3 Prozent. Gleichzeitig lag die Spezifität bei 99,64 Prozent, der Test meldete also nur sehr selten Krebs bei Menschen, die keinen hatten. Wenn das Signal stimmte, traf die Vorhersage des Ursprungsorgans in 91,3 Prozent der Fälle zu, gemessen an den zwei wahrscheinlichsten Organen, die der Test angab.
Besonders bemerkenswert ist, welche Tumoren der Test entdeckte. 72,8 Prozent der gefundenen Krebsfälle betrafen Krebsarten, für die in den USA keine empfohlene Vorsorgeuntersuchung existiert. Darunter fallen etwa Tumoren der Bauchspeicheldrüse, der Leber, der Speiseröhre oder der Eierstöcke, die häufig erst spät auffallen. Bei 151 Teilnehmern entdeckte der Test mindestens einen neuen Primärtumor. Davon befanden sich 53 Prozent im Stadium 1 oder 2 und 70,9 Prozent in den Stadien 1 bis 3, also noch nicht im fortgeschrittensten Stadium mit Fernmetastasen. Giridhar sieht darin einen Hinweis, dass ein solcher Bluttest bestehende Vorsorgeuntersuchungen ergänzen könnte, indem er Krebssignale aufspürt, die bei der Routinevorsorge unentdeckt blieben. Einen Ersatz für Darmspiegelung, Mammografie und andere bewährte Untersuchungen stelle er aber ausdrücklich nicht dar.
So eindrucksvoll die Zahlen klingen, sie haben eine Kehrseite. Von den 287 Menschen mit positivem Testergebnis wurde bei rund 40 Prozent kein Krebs gefunden. Für die Betroffenen bedeutet ein solcher Fehlalarm Wochen der Angst, zusätzliche Untersuchungen wie Computertomografien oder Gewebeentnahmen und mögliche Komplikationen durch diese Eingriffe. Umgekehrt entdeckt der Test nicht jeden Tumor, ein negatives Ergebnis ist also keine Garantie. Die Studie hat zudem methodische Grenzen, die die Autoren selbst benennen. Es handelte sich um eine einarmige Studie ohne Vergleichsgruppe, deren Endpunkte beschreibend waren. Ob Menschen, die den Test machen, tatsächlich seltener an Krebs sterben, lässt sich daraus nicht ableiten. Dafür seien randomisierte Studien und eine längere Nachbeobachtung nötig. Außerdem verwendete die Studie eine ältere Version des Tests, die inzwischen durch eine kommerzielle Version ersetzt wurde. Grail hat die Studie entworfen, finanziert und an der Auswertung mitgewirkt.
Einen Tag nach der Veröffentlichung, am 23. September, stimmte ein Beratergremium der FDA einstimmig dafür, dass der Test sicher ist, und empfahl seine Zulassung. Uneiniger waren die Experten bei der Frage, ob er Krebs tatsächlich früher erkennt und damit Leben rettet. Die Mitglieder diskutierten unter anderem, ob es neben der Untergrenze von 50 Jahren auch eine Altersobergrenze geben sollte, und wie mit der Angst durch falsch positive Ergebnisse umzugehen sei, wie die Zeitung Star Tribune berichtete. Die endgültige Entscheidung trifft die FDA später. Sie ist nicht an das Votum gebunden, folgt ihm aber in der Regel. Eine Zulassung wäre die erste für einen Bluttest, der viele Krebsarten zugleich erkennen soll, und dürfte weitere Tests dieser Art auf den Markt bringen.
Ein Grund für die Zurückhaltung ist eine große britische Studie mit demselben Test, die parallel im Fachjournal The New England Journal of Medicine erschien und bereits beim Jahreskongress der Amerikanischen Gesellschaft für Klinische Onkologie vorgestellt worden war. Ihre Ergebnisse fielen weniger eindeutig aus als die der US-Studie, was die Fachwelt über den tatsächlichen Nutzen des Tests uneins zurücklässt. Für Deutschland hat die Entwicklung vorerst keine unmittelbaren Folgen. Solche Bluttests sind hierzulande nicht Teil der Krebsfrüherkennung der gesetzlichen Krankenkassen, und die bewährten Untersuchungen bleiben die Grundlage der Vorsorge. Fachleute raten dazu, die etablierten Vorsorgeangebote wahrzunehmen, deren Nutzen in großen Studien belegt ist. Ob Tests wie Galleri künftig eine Ergänzung werden, hängt davon ab, ob künftige Studien zeigen, dass die frühere Entdeckung die Sterblichkeit tatsächlich senkt und der Nutzen die Belastung durch Fehlalarme überwiegt.
Nature Medicine, PATHFINDER 2 (Studie zum Multikrebs-Früherkennungstest Galleri, 22. September 2026)