Biologisch aktiv

Nebenwirkungen bei vielen Medikamentenzusätzen nachgewiesen

von Robert Klatt

Viele Medikamentenzusätze sind biologisch aktiv. Sie haben somit das Potenzial Nebenwirkungen auszulösen. Dies ist besonders kritisch, weil diese Stoffe auch in Lebensmitteln, Getränken und Kosmetika häufig eingesetzt werden und ihre Wirkung sich im Menschen addieren könnte.

San Francisco (U.S.A.). Der medizinische Wirkstoff hat bei den meisten Medikamenten nur einen geringen Anteil. Zusatzstoffe, darunter Stabilisatoren wie Laktose und Pektin, Füllstoffe, Konservierungsmittel, Farbstoffe und Mittel, die die Löslichkeit im Verdauungssystem regulieren, überwiegen hingegen bei fast allen Arzneimitteln. Eingesetzt werden dürfen diese Zusatzstoffe aber nur, wenn sie biologisch inaktiv sind, also weder eine medizinische Wirkung besitzen noch mit menschlichen Zellen oder anderen Biomolekülen interagieren.

Wie Joshua Pottel von University of California in San Francisco erklärt, „geht die Einstufung dieser Stoffe als inaktiv meist nur auf eine gute Verträglichkeit in Tierversuchen oder auf historische Erfahrungen zurück.“ Es bleibt laut Pottel „dabei aber weitgehend unerforscht, auf welche Weise diese Substanzen mit Molekülen interagieren.“ Die Medizin kann deshalb oft nicht klar einschätzen, ob ein als biologisch inert eingestufter Zusatzstoff dies im menschlichen Körper auch tatsächlich ist.

3.300 Zusatzstoffe analysiert

Laut der im wissenschaftlichen Journal Science hat das Team um Pottel deshalb 3.300 Medikamentenzusätze auf molekulare Wechselwirkungen untersucht. Im ersten Schritt erfolgte dies durch eine Simulation, bei der die Bindungsfähigkeit mit mehr als 3.000 Proteinen aus menschlichen Zellen und Gewebe analysiert wurde. Dabei fanden die Wissenschaftler 69 Zusatzstoffe, die Bindungen eingehen und damit möglicherweise eine biologische Wirkung auslösen können. Anschließend wurden diese Zusatzstoffe in Labortests untersucht, bei denen sie unterschiedlichen menschlichen Enzymen und Zellkulturen ausgesetzt wurden.

38 der 69 Zusatzstoffe nicht biologisch inaktiv

Die Laborexperimente zeigen, dass der 38 der 69 vermeintlich biologisch inaktiven Zusatzstoffe sich an menschlichen Proteine binden und bereits in relativ geringen Mengen Veränderungen in Zellen auslösen können. Wie Pottel erklärt, „waren die Wissenschaftler überraschend, wie potent einige dieser Zusatzstoffe waren, vor allem wenn man die hohen Mengen berücksichtigt, in denen sie in typischen Medikamenten verwendet werden.“

Als Beispiele nennen die Studienautoren das Antioxidationsmittel Propylgallat, das die Zellteilung hemmt sowie das Konservierungsmittel Butylparaben, das Entzündungsvorgänge steuert und immunsuppressiv wirkt. Thiomersal, ein antimikrobielles Konservierungsmittel, kann sich hingegen an einen Dopaminrezeptor binden und wirkt bereits ab 3,3 Mikromol zelltoxisch.

Nebenwirkungen unerwartet stark

Laut Pottel „zeigt die Studie damit, dass viele vermeintlich inaktive, in vielen Arzneimitteln eingesetzte Zusatzstoffe in vitro auf biologische relevante Enzyme, Rezeptoren, Ionenkanäle und Transportermoleküle wirken können.“ Bei einigen Zusatzstoffen „sind diese Aktivitäten potenter als die einiger therapeutischen Wirkstoffe.“ Überdies könnte sich laut den Studienautoren die Wirkung addieren, weil einige der Zusatzstoffe auch in Getränken, Lebensmitteln und Kosmetika enthalten sind.

Zusatzstoffe austauschen

Die Studienergebnisse belegen allerdings nicht, dass die Zusatzstoffe tatsächlich schädliche Nebenwirkungen beim Menschen auslösen, sondern nur, dass sie mit biologische relevanten Proteinen interagieren. Weitere Studien müssen deshalb untersuchen, ob die Zusatzstoffe tatsächlich eine toxische Wirkung besitzen. Bis dahin empfehlen die Forscher alle, als biologisch aktiv bekannten Zusatzstoffe gegen tatsächlich inerte Zusatzstoffe auszutauschen. Zumindest bei Personen, die regelmäßig Medikamente nehmen müssen, sind laut Pottel verborgene Nebenwirkungen ansonsten nicht auszuschließen.

Die Studien

Science, doi: 10.1126/science.aaz9906

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