Vier statt sechzehn: So viele Nierenkranke brauchten in zehn Jahren eine Dialyse oder eine neue Niere, wenn sie zusätzlich basisch wirkendes Obst und Gemüse bekamen, verglichen mit der normalen Versorgung. Ins Krankenhaus mussten sie 14-mal statt 64-mal. Die übliche Behandlung mit Natrontabletten brachte im selben Versuch keinen gesicherten Vorteil gegenüber der normalen Versorgung. Das berichtet ein Team um die Nierenärztin Nimrit Goraya von Baylor Scott and White Health in Texas auf der Kidney Week 2026 der American Society of Nephrology in Denver. Die Studie mit 108 Teilnehmern ist allerdings klein, und die Auswertung liegt bisher nur als Kongressbeitrag vor.
Untersucht wurden 108 Erwachsene mit einer chronischen Nierenkrankheit im mittleren Stadium 3, die zudem eine sogenannte metabolische Azidose hatten, also eine leichte Übersäuerung des Blutes. Alle hatten viel Eiweiß im Urin und keinen Diabetes. Die Forschenden teilten sie in drei gleich große Gruppen mit je 36 Personen ein und begleiteten sie jedes Jahr, insgesamt zehn Jahre lang. Die eine Gruppe bekam so viel basisch wirkendes Obst und Gemüse, dass die Säurelast ihrer Ernährung um die Hälfte sinken sollte. Die zweite Gruppe schluckte täglich Natriumhydrogencarbonat, besser bekannt als Natron, in einer Dosis, die rechnerisch ebenfalls die Hälfte der Säure ausgleicht. Die dritte Gruppe erhielt die übliche Versorgung für Nierenkranke ohne eine der beiden Zusatzbehandlungen. Die American Society of Nephrology hat die Ergebnisse in einer Pressemitteilung vorgestellt.
Über die zehn Jahre kam es in allen drei Gruppen zusammen zu 115 Krankenhausaufenthalten und 166 Besuchen in der Notaufnahme. 34 Teilnehmer wurden so krank, dass sie eine Nierenersatztherapie brauchten, also Dialyse oder eine neue Niere. Die Verteilung war sehr ungleich. In der Obst-und-Gemüse-Gruppe zählten die Forschenden 14 Klinikaufenthalte, in der Gruppe mit normaler Versorgung 64. Notaufnahmen gab es 20 gegenüber 88. Eine Nierenersatztherapie benötigten 4 Personen mit Obst und Gemüse, aber 16 Personen ohne Zusatzbehandlung. Alle drei Unterschiede waren statistisch klar.
Die Natron-Gruppe lag dazwischen und unterschied sich nicht deutlich von der normalen Versorgung. Laut dem Kongressbeitrag kam sie auf 37 Klinikaufenthalte, 58 Notaufnahmen und 14 Fälle von Nierenersatztherapie. Beim Dialyse-Endpunkt lag der Wert knapp an der üblichen Schwelle für einen gesicherten Unterschied, aber eben nicht darunter. In absoluten Zahlen mussten in der Natron-Gruppe damit mehr als dreimal so viele Menschen an die Dialyse oder transplantiert werden wie in der Obst-und-Gemüse-Gruppe. Einen eigenen statistischen Test für den direkten Vergleich zwischen Obst und Natron nennt die Kurzfassung allerdings nicht.
Gesunde Nieren scheiden täglich Säure aus, die beim Verdauen der Nahrung entsteht. Besonders tierisches Eiweiß und Getreide hinterlassen im Stoffwechsel Säure, während viele Obst- und Gemüsesorten nach der Verdauung basisch wirken. Lässt die Nierenleistung nach, bleibt ein Teil der Säure im Körper, und der Säuregehalt des Blutes steigt. Fachleute sprechen dann von einer metabolischen Azidose. Sie gilt als Faktor, der den Nierenschaden selbst weiter beschleunigen kann. Die Standardtherapie ist deshalb Natron in Tablettenform, das die überschüssige Säure direkt abpuffert. Obst und Gemüse setzen dagegen an der Quelle an, weil sie die Säurelast der Ernährung insgesamt senken.
Bei den Teilnehmern wirkten beide Wege gegen die Übersäuerung ähnlich gut. Das hatte dieselbe Arbeitsgruppe schon nach fünf Jahren im American Journal of Nephrology beschrieben. Damals sank der Säurewert in beiden Behandlungsgruppen vergleichbar, und die Nierenfunktion verschlechterte sich langsamer als bei normaler Versorgung. Die Obst-und-Gemüse-Gruppe hatte nach fünf Jahren aber zusätzlich einen niedrigeren systolischen Blutdruck und niedrigere LDL-Cholesterinwerte als die beiden anderen Gruppen. Das könnte erklären, warum sich ihr Vorteil über die Jahre auch bei Klinikbesuchen zeigt, die nicht nur mit den Nieren zu tun haben.
Nach den Angaben der früheren Auswertung im Journal of Renal Nutrition bekamen die Teilnehmer das Obst und Gemüse kostenlos über die Lebensmittelausgabe eines Gemeindezentrums. Je nach Säurewirkung waren das im Schnitt umgerechnet etwa zwei bis vier Tassen pro Tag. Beim Obst waren es vor allem Äpfel, Aprikosen, Orangen, Pfirsiche, Birnen, Rosinen und Erdbeeren. Beim Gemüse standen Karotten, Blumenkohl, Auberginen, Salat, Kartoffeln, Spinat, Tomaten und Zucchini auf dem Plan. Feste Diätvorschriften gab es nicht, die Lebensmittel konnten frei in die gewohnte Ernährung eingebaut werden. Damit die Portion nicht in der Familie verteilt wurde, erhielten auch die übrigen Haushaltsmitglieder ihre eigene Menge. Die Natron-Gruppe nahm ihre Dosis als Tabletten, verteilt auf drei Einnahmen am Tag.
Ein wichtiger Punkt für Betroffene: Viele Obst- und Gemüsesorten enthalten viel Kalium, das kranke Nieren in späten Stadien nicht mehr gut ausscheiden können. Zu viel Kalium im Blut kann gefährliche Herzrhythmusstörungen auslösen. Die Teilnehmer der Studie befanden sich im mittleren Stadium 3, bekamen eine berechnete Menge und wurden ärztlich begleitet. Wer an einer Nierenkrankheit leidet, sollte seine Ernährung oder Medikamente deshalb nicht eigenmächtig umstellen, sondern das mit der behandelnden Praxis besprechen.
Ein naheliegender Einwand lautet, dass Obst und Gemüse für ein Gesundheitssystem teurer sind als ein paar Tabletten. Die Gesamtkosten der Behandlung über zehn Jahre unterschieden sich zwischen den drei Gruppen jedoch nicht. In der Obst-und-Gemüse-Gruppe stiegen die jährlichen Behandlungskosten aber langsamer an als bei normaler Versorgung, in der Natron-Gruppe war dieser Unterschied nicht gesichert. Nach den Modellrechnungen des Teams lagen die jährlichen Behandlungskosten im zehnten Jahr in der Obst-und-Gemüse-Gruppe rund 20 Prozent unter denen der Standardversorgung und rund 5 Prozent unter denen der Natron-Gruppe. Die eingesparten Klinikaufenthalte wiegen die Ausgaben für das Essen demnach auf.
„Die Behandlung der metabolischen Azidose mit Obst und Gemüse ging mit günstigeren Langzeitergebnissen und einer geringeren Inanspruchnahme der Versorgung einher als die Standardbehandlung mit Natron oder die übliche Versorgung, und das ohne höhere Gesamtkosten für das Gesundheitssystem oder die Gesellschaft“, sagt Goraya laut der Mitteilung der Fachgesellschaft. Ernährung solle man bei chronischer Nierenkrankheit deshalb nicht nur für einzelne Patienten, sondern auch auf Ebene der ganzen Bevölkerung als Behandlung prüfen.
So deutlich die Unterschiede wirken, die Aussagekraft der Studie ist begrenzt. Mit 36 Personen pro Gruppe ist sie klein, und schon wenige zusätzliche Krankheitsfälle hätten das Bild verändern können. Die Zahlen zu Klinikaufenthalten, Notaufnahmen und Kosten stammen aus einer nachträglichen Auswertung, einer sogenannten Post-hoc-Analyse. Der Versuch war ursprünglich vor allem darauf ausgelegt, das Fortschreiten bis zur Nierenersatztherapie zu messen. Nachträgliche Auswertungen können Zusammenhänge zeigen, gelten aber als weniger belastbar als vorab festgelegte Fragen. Hinzu kommt, dass die Ergebnisse bisher nur als Kurzfassung eines Kongressvortrags vorliegen und noch nicht in einer begutachteten Fachzeitschrift ausführlich veröffentlicht sind.
Auch die Teilnehmer waren eine besondere Gruppe: Menschen ohne Diabetes, mit viel Eiweiß im Urin und in einem mittleren Krankheitsstadium. Ob sich die Ergebnisse auf Nierenkranke mit Diabetes oder in fortgeschrittenen Stadien übertragen lassen, ist offen. Eine Verblindung war zudem nicht möglich, denn wer Obst und Gemüse geliefert bekommt, weiß, zu welcher Gruppe er gehört. Möglich ist auch, dass die regelmäßigen Lieferungen und der Kontakt mit dem Studienteam das Gesundheitsverhalten zusätzlich verändert haben. Alle bisherigen Daten zu diesem Versuch stammen außerdem aus derselben Arbeitsgruppe um Goraya und den Nierenarzt Donald Wesson von der Dell Medical School der University of Texas in Austin.
Trotz dieser Einschränkungen passt das Ergebnis zu einer wachsenden Zahl von Studien, nach denen eine pflanzenbetonte Ernährung den Nieren guttut. Auf Forschung und Wissen ging es etwa schon darum, dass pflanzliche Proteine die Nieren schützen können. Umgekehrt gibt es Hinweise, dass bestimmte Nahrungsbestandteile wie Fruktose die Nieren dauerhaft belasten. Die aktuelle Auswertung geht einen Schritt weiter, weil sie nicht nur Laborwerte, sondern harte Ereignisse wie Klinikaufenthalte und Dialyse über zehn Jahre vergleicht.
Bislang empfehlen Leitlinien bei metabolischer Azidose in erster Linie Natron oder andere basische Medikamente. Sollten größere Studien die Ergebnisse bestätigen, könnte gezielt verordnetes Obst und Gemüse für einen Teil der Nierenkranken eine gleichwertige oder sogar bessere Alternative werden. Bis dahin bleibt die Studie ein starker Hinweis, dass der Speiseplan bei chronischer Nierenkrankheit mehr ist als eine Nebensache. Entscheidend wird sein, ob unabhängige Forschergruppen mit mehr Teilnehmern zu einem ähnlichen Ergebnis kommen.
American Society of Nephrology, Kidney Week 2026, Abstract TH-OR054: Long-Term Outcomes and Health Care Costs of Fruits and Vegetables vs. Sodium Bicarbonate or Usual Care for Metabolic Acidosis in CKD: Post Hoc Analysis of a 10-Year Randomized Trial
American Journal of Nephrology, Fruit and Vegetable Treatment of Chronic Kidney Disease-Related Metabolic Acidosis Reduces Cardiovascular Risk Better than Sodium Bicarbonate; doi:10.1159/000500042
Journal of Renal Nutrition, Treatment of Chronic Kidney Disease-Related Metabolic Acidosis With Fruits and Vegetables Compared to NaHCO3 Yields More and Better Overall Health Outcomes and at Comparable Five-Year Cost
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