Melatonin gilt als sanfte, natürliche Einschlafhilfe und liegt in Millionen Nachttischen. Eine Auswertung von Gesundheitsdaten aus mehr als 130.000 Menschen mit Schlaflosigkeit stellt dieses Bild infrage: Wer das Mittel über ein Jahr hinweg nahm, entwickelte innerhalb von fünf Jahren rund 90 Prozent häufiger eine Herzschwäche. Die Zahl klingt dramatisch, hat aber einen entscheidenden Haken.
Melatonin ist kein Fremdstoff, sondern ein Hormon, das die Zirbeldrüse im Gehirn selbst produziert. Es steigt am Abend an, signalisiert dem Körper die Dunkelheit und steuert damit den Schlaf-Wach-Rhythmus. Als Präparat wird es in den USA und vielen anderen Ländern frei verkauft, in Deutschland sind niedrig dosierte Produkte teils als Nahrungsergänzungsmittel, teils als Arzneimittel erhältlich. Der Ruf ist durchweg gut: natürlich, nicht abhängig machend, ohne den Hangover-Effekt klassischer Schlafmittel. Genau dieser Ruf hat dazu geführt, dass viele Menschen das Mittel über Monate oder Jahre nehmen, obwohl es ursprünglich für kurzfristige Anwendungen gedacht war, etwa bei Jetlag oder Schichtarbeit. Belastbare Daten zur Langzeitsicherheit fehlten bislang weitgehend.
Ein Forschungsteam wertete deshalb ein internationales Netzwerk elektronischer Gesundheitsakten aus und identifizierte 130.828 Erwachsene mit diagnostizierter Schlaflosigkeit, im Mittel etwa 56 Jahre alt. Rund die Hälfte von ihnen hatte Melatonin über mindestens zwölf Monate verordnet bekommen, die andere Hälfte nicht. Wer bereits eine Herzschwäche hatte oder andere Schlafmedikamente erhielt, wurde ausgeschlossen. Anschließend glichen die Forscher beide Gruppen über mehr als 40 Ausgangsmerkmale ab, darunter Alter, Vorerkrankungen und Begleitmedikation, und verfolgten sie fünf Jahre lang.
Innerhalb dieser fünf Jahre entwickelten 4,6 Prozent der Langzeitnutzer eine Herzschwäche, in der Vergleichsgruppe waren es 2,7 Prozent. Der relative Unterschied entspricht einem um etwa 89 bis 90 Prozent erhöhten Risiko, der absolute Unterschied beträgt 1,9 Prozentpunkte. Noch deutlicher fielen zwei weitere Werte aus: Krankenhausaufenthalte wegen Herzschwäche traten bei 19,0 Prozent der Nutzer gegenüber 6,6 Prozent der Nichtnutzer auf, und die Sterblichkeit aus allen Ursachen lag bei 7,8 gegenüber 4,3 Prozent. Eine strengere Zusatzanalyse, die mindestens zwei Verordnungen im Abstand von 90 Tagen verlangte, kam auf ein um 82 Prozent erhöhtes Risiko, wie die American Heart Association zur Vorstellung der Ergebnisse mitteilt.
Hier beginnt der entscheidende Teil. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die Zusammenhänge zeigt, aber keine Ursachen beweist, und sie wurde als vorläufiges Kongressabstract im November 2025 präsentiert, also ohne die übliche Begutachtung durch unabhängige Fachleute. Der naheliegende Einwand lautet: Alle Teilnehmer litten unter chronischer Schlaflosigkeit, und wer zum Mittel greift, schläft womöglich besonders schlecht. Schlechter Schlaf selbst erhöht Blutdruck, Herzfrequenz und Entzündungswerte und gilt als eigenständiger Risikofaktor für Herzerkrankungen. Möglich ist deshalb auch die umgekehrte Lesart: Nicht das Präparat schädigt das Herz, sondern es markiert jene Menschen, deren Schlafproblem am schwersten wiegt. Fachleute weisen zudem darauf hin, dass Melatonin ein zugrunde liegendes Herzproblem eher verdecken als verursachen könnte.
Praktisch folgt daraus keine Panik, aber eine Prüfung der eigenen Gewohnheit. Für die kurzfristige Anwendung, etwa bei Jetlag oder vorübergehenden Schlafproblemen, gilt Melatonin weiterhin als vergleichsweise sicher. Wer es dagegen seit Monaten oder Jahren jeden Abend nimmt, sollte das ärztlich besprechen und dabei auch klären lassen, ob hinter der Schlaflosigkeit etwas anderes steckt, etwa eine unerkannte Schlafapnoe, eine Schilddrüsenstörung oder eine depressive Erkrankung. Eigenmächtiges Absetzen verordneter Medikamente ist keine gute Idee. Als wirksamste Behandlung chronischer Schlaflosigkeit gilt ohnehin nicht ein Präparat, sondern die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie, deren Wirkung in Studien über Jahre anhält. Nötig sind nun randomisierte Studien, die klären, ob Dosis, Einnahmedauer oder Wechselwirkungen mit Herzmedikamenten eine Rolle spielen.