Neue Kombinationstherapie

Lungenkrebs: Doppel-Antikörper senkt Risiko für Tumorwachstum um 48 Prozent

 Dennis Lenz

Lungenkrebs: Doppel-Antikörper senkt Risiko für Tumorwachstum um 48 Prozent
(Symbolbild) Bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs mit EGFR-Mutation verlieren gezielte Medikamente mit der Zeit ihre Wirkung. Eine Kombination aus Doppel-Antikörper und Chemotherapie verlängerte in einer Phase-3-Studie die Zeit ohne Fortschreiten der Erkrankung. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Für Patienten mit einer bestimmten Form von Lungenkrebs gibt es eine neue Behandlungsoption. Wenn gezielte Medikamente gegen eine EGFR-Mutation nicht mehr wirken, bleiben bislang nur wenige Möglichkeiten. In einer internationalen Phase-3-Studie senkte der Doppel-Antikörper Ivonescimab zusammen mit einer Chemotherapie das Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung oder den Tod um 48 Prozent. Wie viel Zeit das den Patienten gibt, zeigen die Ergebnisse ebenfalls.

Lungenkrebs gehört weltweit zu den häufigsten Krebsarten und verursacht mehr Todesfälle als jede andere Krebsart. Die meisten Patienten leiden an nicht-kleinzelligem Lungenkrebs. Bei einem Teil von ihnen ist das Wachstum des Tumors auf eine Veränderung im EGFR-Gen zurückzuführen, das den Bauplan für einen Wachstumsrezeptor auf der Zelloberfläche enthält. Solche EGFR-Mutationen treten besonders häufig bei Menschen auf, die nie geraucht haben. Für diese Patienten gibt es seit Jahren zielgerichtete Medikamente, sogenannte Tyrosinkinasehemmer, die den veränderten Rezeptor blockieren und den Tumor oft über lange Zeit in Schach halten. Das Problem: Früher oder später finden die Krebszellen Wege, die Blockade zu umgehen. Nach Worten der Onkologin Xiuning Le vom MD Anderson Cancer Center, einer der Leiterinnen der neuen Studie, ist diese Resistenz trotz großer Fortschritte für die meisten Patienten unvermeidlich. Danach sind die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt, meist bleibt eine klassische Chemotherapie.

Genau für diese Situation wurde die internationale Phase-3-Studie HARMONi aufgelegt. Sie prüfte, ob die Zugabe des neuartigen Antikörpers Ivonescimab zur Chemotherapie die Behandlungsergebnisse verbessert. Ivonescimab gehört zu den sogenannten bispezifischen Antikörpern. Anders als herkömmliche Antikörper, die an ein einziges Zielmolekül binden, greift er an zwei Stellen gleichzeitig an. Er blockiert zum einen PD-1, einen Schalter auf Immunzellen, den Tumore nutzen, um die körpereigene Abwehr auszubremsen. Zum anderen hemmt er VEGF, einen Botenstoff, mit dem Tumore die Bildung neuer Blutgefäße anregen, die sie mit Nährstoffen versorgen. Die Kombination beider Wirkprinzipien in einem einzigen Molekül soll die Immunabwehr gegen den Tumor stärken und gleichzeitig seine Versorgung einschränken. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift The Lancet Oncology veröffentlicht und am 25. September vom MD Anderson Cancer Center in Houston in einer Übersicht aktueller Forschungsergebnisse vorgestellt.

Wie stark der Doppel-Antikörper den Lungenkrebs bremst

In der HARMONi-Studie erhielten Patienten mit EGFR-mutiertem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, deren Erkrankung trotz gezielter Therapie fortgeschritten war, entweder Ivonescimab zusammen mit einer Chemotherapie oder die Chemotherapie allein. Das Ergebnis: Patienten mit der Kombinationsbehandlung hatten ein um 48 Prozent geringeres Risiko, dass ihr Krebs fortschritt oder sie starben. Die mittlere Zeit ohne Verschlechterung der Erkrankung, in der Fachsprache progressionsfreies Überleben genannt, lag unter der Kombination bei 6,8 Monaten, unter der Chemotherapie allein bei 4,4 Monaten. Zudem sprachen die Tumore häufiger auf die Behandlung an. Die Nebenwirkungen blieben nach Angaben der Forscher beherrschbar. Nach Einschätzung von Xiuning Le zeigen die Ergebnisse, dass die Zugabe von Ivonescimab die Krankheitskontrolle verlängern und diesen Patienten eine wichtige neue Option bieten kann. Einzelheiten fasst die Mitteilung des MD Anderson Cancer Center zusammen.

Was 2,4 Monate für Patienten bedeuten

Der Unterschied von 2,4 Monaten in der mittleren Zeit ohne Fortschreiten mag auf den ersten Blick gering erscheinen. In der Situation, um die es geht, ist er jedoch bedeutsam. Die Patienten haben bereits eine zielgerichtete Therapie hinter sich, und ihre Krebszellen haben Resistenzen entwickelt. Jede zusätzliche Behandlungsoption, die das Wachstum des Tumors bremst, verschafft Zeit, in der sich weitere Therapien anschließen können. Zudem beschreibt der Medianwert nur die Mitte der Verteilung. Manche Patienten profitieren deutlich länger, andere kaum. Das um 48 Prozent verringerte Risiko ist ein Maß dafür, wie stark die Kombination das Fortschreiten über den gesamten Beobachtungszeitraum bremste. Für die Einordnung wichtig ist eine weitere Größe, das Gesamtüberleben, also wie lange Patienten insgesamt leben. Dazu enthält die Mitteilung der Klinik keine Angaben. Sie ist bei Zulassungsentscheidungen und Therapieempfehlungen ein zentrales Kriterium und wird die Bewertung der Kombination maßgeblich mitbestimmen.

Wie bispezifische Antikörper die Krebstherapie verändern

Ivonescimab steht für einen Trend in der Krebsmedizin. Bislang wurden Immuntherapien mit PD-1-Hemmern und Medikamente gegen die Blutgefäßbildung meist als getrennte Wirkstoffe gegeben. Ein bispezifischer Antikörper vereint beide Ansätze in einem Molekül. Die Idee dahinter: VEGF wirkt nicht nur auf die Blutgefäße, sondern trägt im Umfeld des Tumors auch dazu bei, das Immunsystem zu unterdrücken. Wird beides gleichzeitig am selben Ort blockiert, könnte sich die Wirkung gegenseitig verstärken. Gerade bei EGFR-mutiertem Lungenkrebs haben klassische Immuntherapien bislang oft enttäuscht, weil diese Tumore häufig ein Umfeld schaffen, das Immunzellen schlecht erreichen. Die Kombination mit einem Hemmstoff der Gefäßbildung gilt als möglicher Weg, dieses Hindernis zu überwinden. Die HARMONi-Studie liefert nun Daten aus einer großen internationalen Patientengruppe. Die vollständigen Ergebnisse sind in der Veröffentlichung in The Lancet Oncology nachzulesen.

Welche Fragen vor einem breiten Einsatz offen sind

Ob Ivonescimab zur neuen Standardbehandlung wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Neben den Daten zum Gesamtüberleben spielt eine Rolle, wie sich die Kombination im Vergleich zu anderen neuen Behandlungen schlägt, die für Patienten nach dem Versagen zielgerichteter Medikamente entwickelt werden. Dazu zählen etwa Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, die ein Zellgift gezielt in die Krebszellen transportieren. Zudem müssen Zulassungsbehörden in den USA und in Europa die Daten prüfen. Für Patienten in Deutschland steht die Behandlung außerhalb von Studien derzeit nicht als reguläre Therapie zur Verfügung. Offen ist auch, welche Patienten am stärksten profitieren. Die Wirkung könnte je nach Art der Resistenz, die ein Tumor entwickelt hat, unterschiedlich ausfallen. Nachfolgende Auswertungen sollen hier Klarheit schaffen. Fest steht, dass die Studie eine Behandlungslücke adressiert, die für viele Betroffene nach Jahren wirksamer Tablettentherapie plötzlich entsteht, wenn die Resistenz einsetzt.

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