Covid-19-Spätfolgen

Long Covid lässt sich vorhersagen

Robert Klatt

Long Covid, also Spätfolgen von Covid-19, lassen sich bereits in der Akutphase der Infektion mit hoher Genauigkeit vorhersagen.

London (England). 76 Prozent aller in einem Klinikum behandelten Covid-19-Patienten leiden laut einer chinesischen Studie nach ihrer akuten Infektion unter Long Covid. Zu den Spätfolgen, die oft noch monatelang nach der eigentlichen Infektionen auftreten, gehören unter anderem Lungenschäden, Herzprobleme und neurologische Ausfälle. Manchmal tritt Long Covid aber auch bei Menschen, bei denen die Infektion mild verlief, nach einigen Wochen Pause plötzlich auf.

„Aber bisher ist nur wenig darüber bekannt, wie oft diese Spätfolgen auftreten, welche Risikofaktoren es gibt und ob es möglich ist, ein Long Covid schon zu Beginn der Erkrankung vorherzusagen“, erklärt Carole Sudre vom King’s College London (KCL). Die Wissenschaftler haben deshalb den Krankheitsverlauf von 4.182 mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen genau analysiert.

Covid-19-Verläufe im Detail protokolliert

Laut ihrer Publikation im Fachmagazin Nature Medicine nutzte das Team um Sudre dazu eine App, mit der die Probanden regelmäßig ihre Symptome und ihr allgemeines Befinden protokollierten. Die Wissenschaftler konnten den Gesundheitszustand der Probanden so über mehr als drei Monate beobachten. 558 Patienten (13,3 %) der Patienten hatten einen Monat nach der Infektion noch Symptome, nach zwei Monaten waren es 189 Patienten und nach drei Monaten 95 Patienten.

Long Covid abhängig vom Geschlecht und Alter

Die Daten zeigen deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit für Long Covid vor allem vom Geschlecht und Alter abhängt. Patienten bis 49 Jahre hatten zu 9,9 Prozent Spätfolgen, im Alter ab 70 Jahren waren es hingegen 21,9 Prozent. In der jüngeren Altersgruppe trat bei Frauen Long Covid bei 14,9 Prozent der Patientinnen auf, bei gleichaltrigen Männern litten nur 9,5 Prozent unter Spätfolgen.

„Wir haben dabei zwei verschiedene Symptommuster bei den Spätfolgen gefunden: Personen, die unter Erschöpfung, Kopfschmerzen und Beschwerden der Atemwege litten, und Menschen, die zusätzlich multisystemische Folgen aufwiesen, darunter anhaltendes Fieber oder gastrointestinale Symptome“, erklärt Sudre. Am häufigsten berichteten die Probanden von wiederkehrende Kopfschmerzen und Erschöpfung.

Anzahl der Symptome ist Indikator für Spätfolgen

Die Analyse zeigt außerdem, dass die Anzahl der Symptome während der Akutphase Rückschlüsse auf das Risiko für Spätfolgen erlaubt. Laut Sudre „hatten die Patienten, die in der ersten Woche mehr als fünf Symptome dokumentierten, signifikant größeres Risiko, auch nach mehr als einem Monat noch unter Beschwerden zu leiden.“ Als Grund dafür sehen die Forscher die multisystemische Ausprägung der Infektion, die mehrere Organe parallel angreift.

Am häufigsten trat Long Covid bei Patienten auf, die während der Akutphase ihrer Infektion unter Muskelschwäche, Schlafstörungen, Erschöpfung, Kopfschmerzen und Heiserkeit litten. „Diese frühen Krankheitsmerkmale waren unseren Beobachtungen nach prädiktiv für den späteren Verlauf“, erklärt Sudre. Bei Patienten über 70 Jahren sind außerdem die typischen Riechstörungen ein Voranzeiger für potenzielle Spätfolgen.

Prognosemodell an weiteren Covid-19-Patienten erprobt

Um ihre Ergebnisse zu überprüfen, testeten die Wissenschaftler ihr Prognosemodell mit 2.400 weiteren Covid-19-Patienten. Die Trefferquote lag bei rund 75 Prozent. „Mit nur drei Merkmalen – der Zahl der Symptome in der ersten Woche, dem Alter und dem Geschlecht – haben wir ein Prognosemodell entwickelt, das kurzes und langes Covid-19 unterscheiden kann“, erklärt Sudre.

Laut den Wissenschaftler können „diese Erkenntnisse dabei helfen, Risikogruppen zu erkennen und frühzeitig gezielt zu behandeln.“ Außerdem soll das Wissen bei der Entwicklung von Rehabilitations- und Nachsorgeprogrammen helfen.

Nature Medicine, doi: 10.1038/s41591-021-01292-y

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