Musikalische Begleitung

Lieblingsmusik lindert den Schmerz nach dem Nadelstich

 Dennis Lenz

Lieblingsmusik lindert den Schmerz nach dem Nadelstich
(Symbolbild) Lieblingsmusik wurde in einem Zürcher Klinikversuch während eines kurzen medizinischen Eingriffs untersucht. Der Vergleich mit anderen Musikbedingungen zeigt Unterschiede im zeitlichen Verlauf der Schmerzempfindung. Auch bereits vorhandene Beschwerden spielten bei der Auswertung eine Rolle. Die Ergebnisse betreffen eine ergänzende Maßnahme und keinen Ersatz für notwendige Schmerzbehandlungen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Lieblingsmusik ging in einem Zürcher Klinikversuch mit weniger Schmerzen nach einem Nadelstich einher. Bei 204 Patienten verglichen Forscher selbst gewählte Stücke, Mozart, Entspannungsmusik und keine Musik. Ein Unterschied zur Gruppe ohne Musik zeigte sich nach 30 Sekunden und nach zwei Minuten. Welche Beschwerden bereits vor dem Eingriff bestanden, machte die Auswertung zusätzlich interessant.

Ein Popsong, ein Stück von AC/DC oder eine klassische Komposition: Die persönliche Musikauswahl der Patienten hatte wenig mit einer einheitlichen Entspannungsplaylist gemeinsam. Genau diese Vielfalt war Teil des Versuchs am Universitätsspital Zürich. Die Teilnehmer kamen zu einer geplanten Magnetresonanztomografie, für die ein Kontrastmittel und deshalb ein Venenzugang erforderlich waren. Das Team um Andrei Cristinel Dragnea und Meritxell Garcia Alzamora untersuchte, ob Musik die Wahrnehmung dieses kurzen Eingriffs beeinflussen konnte. Die am 9. Oktober 2026 in Frontiers in Pain Research veröffentlichte Arbeit beruht auf Untersuchungen zwischen Oktober 2024 und Juni 2025. Sie entstand im klinischen Alltag und nicht in einem Versuchslabor mit gesunden Freiwilligen. Die Teilnehmer hatten unterschiedliche neurologische Beschwerden oder Erkrankungen; untersucht werden sollten Gehirn, Wirbelsäule oder die Kopf-Hals-Region. Entscheidend war deshalb nicht nur, welche Musik lief, sondern auch, in welcher Situation sie gehört wurde.

Die Forscher fragten die Schmerzempfindung viermal ab. Zunächst bewerteten die Patienten ihre bereits vorhandenen Beschwerden, ungefähr drei bis zehn Minuten vor dem Betreten des Untersuchungsraums. Weitere Angaben folgten unmittelbar nach der Punktion, nach etwa 30 Sekunden und nach zwei Minuten. Verwendet wurde eine Schmerzskala von null für Schmerzfreiheit bis zehn für den stärksten beschriebenen Schmerz. Der Vergleich erfasste damit einen kurzen Verlauf, nicht bloß eine rückblickende Einschätzung am Ende des Termins. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil ein Nadelstich einen anderen Reiz setzt als eine anhaltende Vorerkrankung. Von den 204 Patienten berichteten 71 schon vor der Punktion über Schmerzen. Das Team wertete deshalb sowohl die gesamte Gruppe als auch diese Teilgruppe gesondert aus. Beschwerden, die sich allein durch den Wechsel vom Sitzen zum Liegen besserten, waren ein Ausschlussgrund, damit eine solche Veränderung nicht versehentlich der Musik zugeschrieben wurde.

Wie die Lieblingsmusik in den Versuch kam

Die vier Gruppen waren annähernd gleich groß. 52 Patienten hörten den Beginn von Mozarts Sonate KV 448, 51 ihre Lieblingsmusik und 50 ein ausgewähltes Entspannungsstück. Weitere 51 bildeten die Kontrollgruppe ohne Musik. Die persönlichen Wünsche reichten von Adele und Michael Jackson über Rap und Metal bis zu Beethoven und Schweizer Volksmusik. Lieblingsmusik bezeichnete also kein bestimmtes Genre, sondern die Beziehung des einzelnen Hörers zu einem Stück. Sie lief bereits beim Betreten des Untersuchungsraums und wurde über Lautsprecher wiedergegeben. Die Patienten bestätigten, dass sie sie gut hören konnten. Die Schmerzmessungen fanden vor der eigentlichen Bildaufnahme statt, sodass der typische Lärm des laufenden MRT-Geräts den Vergleich kaum beeinflusste. Auch beruhigende Medikamente wurden vor der Untersuchung nicht verabreicht. Damit beschrieb der Versuch eine überschaubare Veränderung innerhalb eines realen medizinischen Ablaufs: Die Behandlung blieb bestehen, ihre akustische Begleitung wurde verändert.

Was nach dem Nadelstich messbar anders war

In der Gesamtauswertung meldete die Gruppe mit Lieblingsmusik nach 30 Sekunden und nach zwei Minuten niedrigere Schmerzwerte als die Kontrollgruppe. Die Berechnungen berücksichtigten dabei die jeweiligen Ausgangswerte. Unmittelbar nach dem Einstich war dieser Unterschied über alle Patienten hinweg noch nicht statistisch gesichert. Das zeitliche Muster gehört damit zum Ergebnis: Die Musik ging nicht einfach in jedem Moment mit derselben Veränderung einher. Bei den 71 Teilnehmern mit schon vorher bestehenden Beschwerden war der Unterschied zur Kontrollgruppe deutlicher. In dieser kleineren Auswertung zeigte er sich auch unmittelbar nach der Punktion. Der Vergleich beschreibt Gruppenmittel und nicht die Garantie, dass jeder einzelne Patient weniger empfand. Die Untersuchung dokumentiert außerdem keine vollständige Betäubung durch Musik. Erfasst wurde, wie die Teilnehmer ihre Schmerzen unter den jeweiligen Bedingungen bewerteten. Der körperliche Eingriff wurde durch das Hören eines bekannten Stücks weder vermieden noch technisch verändert.

Welche Rolle Mozart und Entspannungsmusik spielten

Für Mozart ergab sich ein enger begrenztes Bild. Über alle 204 Patienten hinweg war der Unterschied gegenüber keiner Musik nicht statistisch gesichert. Bei den Teilnehmern mit vorhandenen Ausgangsschmerzen fanden die Forscher dagegen nach zwei Minuten niedrigere Werte. Nach 30 Sekunden lag das Ergebnis in dieser Teilgruppe knapp außerhalb der festgelegten Signifikanzgrenze. Der umgangssprachliche Mozart-Effekt lässt sich hier deshalb nicht als allgemeine Eigenschaft klassischer Musik verstehen. Getestet wurde ein bestimmter Abschnitt einer bestimmten Sonate. Aus dem Ergebnis folgt weder, dass jede Komposition von Mozart gleich wirkt, noch dass andere Komponisten schlechter abschneiden. Auch die geringere Zahl der Patienten mit Ausgangsschmerzen begrenzt die Sicherheit der Aussage. Die interessante Beobachtung besteht darin, dass dieselbe musikalische Bedingung je nach Ausgangssituation unterschiedlich deutlich mit der späteren Schmerzbewertung verbunden war. Ob dieser Unterschied in größeren Versuchen wiederkehrt, gehört zu den offenen Fragen.

Das getestete Entspannungsstück unterschied sich nicht statistisch gesichert von der Kontrollbedingung. Daraus lässt sich jedoch keine belastbare Rangliste aller Musikarten ableiten. Auch die direkten Vergleiche zwischen Lieblingsmusik und Mozart sowie zwischen Lieblingsmusik und Entspannungsmusik ergaben keine statistisch gesicherten Unterschiede. Dass eine Gruppe gegenüber keiner Musik einen auffälligen Befund erreicht und eine andere nicht, beweist nicht automatisch einen Unterschied zwischen diesen beiden Musikgruppen. Die Zahlen stützen somit am klarsten den Vergleich von Lieblingsmusik mit keiner Musik. Für das ausgewählte Entspannungsstück nennen die Autoren eine mögliche Erklärung: Es war relativ gleichförmig und könnte die Aufmerksamkeit weniger stark gebunden haben. Das ist eine Interpretation, kein gemessener Mechanismus. Die begleitende Veröffentlichung des Fachverlags ordnet die persönliche Musikauswahl entsprechend als vielversprechenden Ansatz ein, nicht als universell nachgewiesene Überlegenheit eines Genres.

Warum Vertrautheit eine Rolle spielen könnte

Ein bekanntes Lied kann die Aufmerksamkeit anders beanspruchen als ein kaum vertrautes Hintergrundstück. Die Forscher diskutieren deshalb mehrere mögliche Erklärungen für ihre Beobachtung: Ablenkung, emotionale Reaktionen, Erwartungen und die Verarbeitung von Schmerzsignalen. Gerade der Zeitverlauf könnte dazu passen, dass die Aufmerksamkeit unmittelbar beim Einstich zunächst stark auf die Punktion gerichtet bleibt und sich erst danach wieder verlagert. In der untersuchten Situation kam die bevorstehende MRT-Untersuchung hinzu, die für manche Patienten mit Unsicherheit verbunden gewesen sein dürfte. Solche Deutungen sind plausibel, wurden in diesem Versuch aber nicht durch Messungen der Hirnaktivität oder eine Bestimmung entsprechender Botenstoffe bestätigt. Die Studie zeigt deshalb nicht, dass ein bestimmtes Lied nachweislich eine genau festgelegte Menge körpereigener Schmerzhemmer freisetzte. Ihr Befund betrifft die berichtete Schmerzempfindung. Welche biologischen und psychologischen Prozesse daran welchen Anteil hatten, bleibt eine eigenständige Untersuchungsfrage.

Was den Klinikversuch von einem streng randomisierten Test unterscheidet

Die Zuteilung erfolgte nach der Reihenfolge der Untersuchungstermine und nicht durch eine vollständig zufällige Auslosung. Die Autoren bezeichnen das Verfahren deshalb als Pseudorandomisierung. Im wechselnden Klinikbetrieb war diese Lösung praktikabel, sie kann aber Unterschiede zwischen Gruppen weniger zuverlässig ausschließen als eine echte Randomisierung. Zudem legten fünf verschiedene Mitarbeiter die Zugänge. Die benötigte Kanülengröße richtete sich nach der geplanten Untersuchung und den Gefäßverhältnissen. In zusätzlichen Analysen fand das Team keinen statistischen Einfluss des jeweiligen Mitarbeiters oder des Kanülentyps auf die untersuchte Schmerzempfindung. Dennoch bleibt der menschliche Kontakt Teil der Situation: Dieselben Mitarbeiter führten den Eingriff aus und fragten nach den Beschwerden. Ihre Anwesenheit und ihr Gespräch konnten ebenfalls beruhigend wirken. Weil das in allen Gruppen ähnlich gehandhabt wurde, ist es nicht einfach eine Erklärung für jeden Unterschied. Vollständig vom übrigen Behandlungsgeschehen isoliert war die Musik jedoch nicht.

Welche Aussage für weitere Untersuchungen bleibt

Der Versuch betraf einen kurzen, vergleichsweise milden Schmerzreiz. Aussagen über schwere Verletzungen, Operationen oder eine langfristige Behandlung chronischer Schmerzen lassen sich daraus nicht ableiten. Ebenso wurde nicht geprüft, ob Musik notwendige Schmerzmittel ersetzen oder deren Dosierung senken könnte. Die Nachbeobachtung der Schmerzempfindung endete nach zwei Minuten. Größere randomisierte Untersuchungen müssten klären, wie stabil der beobachtete Unterschied ist, wie lange er anhält und welche Patienten besonders davon profitieren. Interessant wäre auch, mehrere Entspannungsstücke und unterschiedliche vertraute beziehungsweise unbekannte Titel zu vergleichen. Damit ließe sich besser trennen, ob vor allem die persönliche Vorliebe, bestimmte musikalische Eigenschaften oder ihre Kombination ausschlaggebend sind. Der konkrete Fortschritt liegt zunächst in einer alltäglichen Kliniksituation: Während derselbe notwendige Eingriff stattfand, ging die selbst gewählte musikalische Begleitung mit einer veränderten Schmerzbewertung einher. Am klarsten belegt ist in dieser Auswertung der Unterschied zwischen der persönlichen Musikauswahl und keiner Musik.

Frontiers in Pain Research, Effect of music on short-term pain perception during peripheral intravenous cannulation; doi:10.3389/fpain.2026.1923943

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