Rituale

Körpereigene Opioide erhöhen religiöse Verbundenheit

Robert Klatt

Religiöse Rituale schütten im Gehirn Opioide aus, die die Verbundenheitswerte zwischen den Teilnehmer signifikant erhöhen.

Coventry (England). In fast alle menschlichen Kulturkreisen der Erde existieren religiöse Rituale, aus synchronen Bewegungen, Gesang und Musik, die eine entscheidende Rolle für den Zusammenhalt einer Gesellschaft bilden und das Gemeinschaftsgefühl einer Gruppe stärken. Studien haben Hinweise darauf gefunden, dass während dieser Rituale Opioide wie Endorphine vom Gehirn ausgeschüttet werden, die die beobachteten Effekte auslösen können. Es handelt sich dabei um Botenstoffe, die Euphorie erzeugen und Schmerzen lindern aber die auch die soziale Bindung zwischen Menschen beeinflussen.

Ein Team um Sarah Charles von der Coventry University hat laut einer Publikation in den Royal Society Biology Letters nun erstmals untersucht, ob ein direkter Zusammenhang zwischen der Ausschüttung körpereigener Opioide und dem Gemeinschaftsgefühl während religiöser Rituale besteht. Die Wissenschaftler untersuchten im ersten Studienabschnitt dazu neun europäische Teilnehmerinnen eines Yoga-Kurses. Um zu untersuchen, wie stark sich körpereigene Opioide auf das dabei empfundene Gemeinschaftsgefühl auswirken, erhielt die Hälfte der Teilnehmer das Medikament Naltrexon. Es handelt sich dabei um ein Mittel, das normalerweise in Entzugstherapien für Opioid-Abhängige eingesetzt wird, weil es Opioid-Rezeptoren blockiert und die Wirkung der Botenstoffe damit unterdrückt. Die Kontrollgruppe erhielt vor der Yoga-Stunde ein Placebo.

Opioide erhöhen Gemeinschaftsgefühl

Im Anschluss an die Yoga-Stunde wurde anhand eines Fragebogens ermittelt, wie stark sich die Probandinnen mit den anderen Teilnehmerinnen verbunden füllen und wie sie ihr Vertrauen in die anderen Personen einstufen. Wie erwartet gaben die Probandinnen der Kontrollgruppe dabei hohe Verbundenheitswerte an. Bei den zuvor mit Naltrexon behandelten Probandinnen gab es diesen Effekt nicht. Sie fühlten sich im Mittel mit den anderen Teilnehmerinnen sogar weniger stark verbunden als vor der Yoga-Stunde. Laut Charles sind die Ergebnisse trotz der geringen Probadinnenanzahl statistisch signifikant.

Umbanda-Ritual aus Brasilien verifiziert Ergebnisse

Zur Validierung der Ergebnisse der ersten Studienphase führten die Wissenschaftler anschließend ein Experiment mit 24 Frauen und Männern aus Brasilien durch, die dort an einem Umbanda-Ritual teilnahmen. Es handelt sich dabei um eine Religion aus dem afro-brasilianischen Kulturkreis, die spirituellen Elemente, römisch-katholische Gebete und afrikanische Tänze verbindet. Von den 24 Probanden erhielten elf Personen das Medikament Naltrexon und dreizehn Personen ein Placebo. Anschließend wurden mit einem Fragebogen auch hier die empfundenen Verbundenheitswerte abgefragt.

Laut Charles „zeigten die Probanden, die Naltrexon bekommen hatten nach dem Ritual signifikant geringere Verbundenheitswerte als die Placebogruppe.“ Die Studienergebnisse wurden dadurch „mit einer größeren Stichprobe und in einem ganz anderen religiösen und kulturellen Kontext bestätigt, was nahelegt, dass der Endorphin-Effekt vom kulturellen Kontext unabhängig ist.“ Die Studienautoren konstatieren, dass „ihre Ergebnisse die Ersten sind, die die pharmakologische Basis für die Rolle religiöser Rituale bei sozialen Bindungen untersuchen. Sie geben einen ersten Einblick, welche neurochemischen Mechanismen der sozialen Bindung durch Rituale zugrunde liegen.“

Royal Society Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2020.0485

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