Anschreien & Schläge

Kindergehirne schrumpfen durch strenge Erziehung

Robert Klatt

Eine dauerhaft strenge Erziehung löst bei der Gehirnentwicklung von Kindern ähnliche Folgen aus wie körperlicher Missbrauch.

Montreal (Kanada). Die Wissenschaft hat die Auswirkungen von schwerem körperlichem Missbrauch von Kindern bereits intensiv erforscht. Laut einer Studie der Harvard University sorgen Traumata nicht nur für psychische Probleme, sondern schädigen auch den Körper und das Gehirn. Auch eine Studie vom Institut für Medizinische Psychologie der Charité fand heraus, dass Hirnregionen, die in die Wahrnehmung und Verarbeitung von Missbrauch involviert sind, sich nach entsprechenden Erfahrungen bei Kindern schwächer entwickeln.

Nun haben Wissenschaftler der Universität Montreal (UdeM) untersucht, ob auch eine strenge Erziehung sich auf die Entwicklung des Gehirns bei Kindern auswirkt. Diese umfasst laut der im Fachmagazin Development and Psychopathology publizierten Studie auch eine körperliche Züchtigung des Kindes, die zwar nicht an einen Kindesmissbrauch heranreicht, laut dem Übereinkommen über die Rechte des Kindes (KRK) der Vereinten Nationen (UN) aber dennoch verboten ist.

Anschreien, Wutausbrüche und Schläge

Es handelt sich dabei laut der Hauptautorin Sabrina Suffren um die erste Studie, die die Auswirkungen von Anschreiben, Wutausbrüchen und Schlägen durch die Eltern auf die Entwicklung des Kinderhirns untersucht. Analysiert wurde die Entwicklung von knapp 100 Kindern von ihrer Geburt bis zum Teenageralter. Im Alter zwischen zwei und neun Jahren wurden die Kinder mithilfe eines standardisierten Fragebogens zum Erziehungsstil ihrer Eltern befragt. Außerdem wurden Daten zu Gefühls- bzw. Angstzuständen der Probanden ermitteln.

Hirnscans zeigen Entwicklung

Im Alter zwischen 12 und 16 Jahren scannten die Wissenschaftler per MRT die Gehirne der Kinder. Sie stellten dabei fest, dass bei sehr streng erzogenen Kindern der präfrontale Cortex und die Amygdala kleiner waren als bei den Gleichaltrigen. Es handelt sich dabei um Regionen des Gehirns, die eine zentrale Rolle in der Regulierung von Gefühlen sowie in der Entstehung von Ängsten und Depressionen haben.

„Diese Ergebnisse sind sowohl bedeutsam als auch neu. Es ist das erste Mal, dass harte Erziehungspraktiken, die nicht als schwerer Missbrauch gelten, mit einer verringerten Größe der Gehirnstruktur in Verbindung gebracht wurden, ähnlich wie bei Opfern schwerer Missbrauchshandlungen. Es ist wichtig für Eltern und die Gesellschaft zu verstehen, dass häufige strenge Erziehungsmaßnahmen die Entwicklung des Kindes beschädigen können – sozial wie auch emotional“, erklärt Suffren.  Die Studie zeigt somit, dass auch eine dauerhaft strenge Erziehung ähnliche Folgen nach sich zieht wie Kindesmissbrauch.

Development and Psychopathology, doi: 10.1017/S0954579420001716

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