Der Mensch hat 206 Knochen, so steht es im Lehrbuch. Doch bei immer mehr Menschen wächst im Knie ein kleiner Zusatzknochen heran, den die Evolution eigentlich fast abgeschafft hatte. Eine Auswertung von 21.676 Kniegelenken aus 150 Jahren zeigt, dass dieser als Fabella bezeichnete Knochen heute mehr als dreimal so häufig vorkommt wie vor rund einem Jahrhundert. Weil er mit Kniearthrose in Verbindung steht, ist sein rätselhaftes Comeback nicht nur eine anatomische Kuriosität, sondern auch medizinisch von Bedeutung.
Die Fabella, lateinisch für kleine Bohne, ist ein winziger Knochen in einer Sehne hinter dem Knie. Sie zählt zu den sogenannten Sesambeinen, also Knochen, die in eine Sehne eingebettet sind. Das bekannteste und größte Sesambein des Menschen ist die Kniescheibe. Solche Knochen können die Reibung in Sehnen verringern, Muskelkräfte umlenken oder deren mechanische Wirkung verstärken. Die Fabella galt lange als evolutionäres Überbleibsel, das beim Menschen im Lauf der Stammesgeschichte zunehmend verschwunden war, während es bei vielen anderen Säugetieren erhalten blieb. Genau deshalb überraschte es Forscher, dass dieser scheinbar aussterbende Knochen offenbar ein Comeback erlebt. Eine Arbeitsgruppe der Abteilung für Bioingenieurwesen am Imperial College London ging der Frage nach und wertete dafür Knieuntersuchungen aus 150 Jahren systematisch aus.
Für ihre Metaanalyse durchforsteten die Wissenschaftler zahlreiche veröffentlichte Studien und werteten insgesamt 21.676 einzelne Kniegelenke aus 27 Ländern aus. Die Daten stammten aus unterschiedlichen Untersuchungsmethoden, darunter Röntgenaufnahmen, anatomische Präparationen und Kernspintomografien. Um verlässliche Aussagen über die zeitliche Entwicklung zu treffen, erstellten die Forscher ein statistisches Modell, das die Häufigkeit der Fabella vorhersagt und dabei für Störgrößen wie das Untersuchungsland und die verwendete Methode korrigiert. So ließ sich abschätzen, wie sich die Verbreitung des Knochens über die Jahrzehnte verändert hat, ohne dass unterschiedliche Messverfahren das Ergebnis verzerren. Die früheste ausgewertete Aufzeichnung reichte bis ins Jahr 1875 zurück, was einen außergewöhnlich langen Beobachtungszeitraum von rund anderthalb Jahrhunderten ergab und die Aussagekraft der Trendanalyse deutlich erhöhte.
Die zentrale Zahl der Studie ist eindrücklich. Zwischen 1918 und 2018 hat sich die Häufigkeit der Fabella mehr als verdreifacht. Das statistische Modell ergab, dass der Knochen im Jahr 1918 bei etwa 11,2 Prozent der Weltbevölkerung vorhanden war, während es 2018 rund 39 Prozent waren, was einem Anstieg um das etwa 3,5-Fache entspricht. Die Verbreitung schwankt allerdings stark je nach Region und Bevölkerung und reicht insgesamt von wenigen Prozent bis zu sehr hohen Werten. In genaueren Auswertungen zeigte sich zudem, dass die Fabella häufiger bei älteren Menschen auftritt, etwas öfter bei Männern als bei Frauen und besonders häufig in asiatischen Bevölkerungen. Diese Muster deuten darauf hin, dass sowohl genetische als auch umweltbedingte Faktoren die Ausbildung des Knochens beeinflussen und dass sein Auftreten mit dem Alter zunehmen kann.
Die genaue Ursache des Comebacks ist bislang nicht abschließend geklärt. Eine naheliegende Hypothese verweist auf veränderte Lebensbedingungen. Bessere Ernährung könnte dazu führen, dass Menschen heute im Durchschnitt größer und schwerer sind und über kräftigere Waden verfügen. Größere mechanische Kräfte im Knie könnten wiederum die Bildung des Sesambeins in der Sehne begünstigen. Da Sesambeine typischerweise in Reaktion auf mechanische Belastung entstehen, würde ein solcher Zusammenhang gut zu der beobachteten Zunahme passen. Belegt ist dieser Mechanismus jedoch nicht, und die Forscher betonen, dass die Funktion der Fabella beim Menschen bis heute weitgehend unbekannt ist. Der Knochen wächst gewissermaßen wieder zurück in den menschlichen Körper, ohne dass klar wäre, wozu er dient und warum er ausgerechnet jetzt so viel häufiger auftritt.
Das Comeback des Knochens ist nicht nur eine Frage der Anatomie, sondern hat medizinische Folgen. Menschen mit Kniearthrose besitzen etwa doppelt so häufig eine Fabella wie Menschen ohne diese Gelenkerkrankung. Ob der Knochen die Arthrose mitverursacht oder umgekehrt und über welchen Mechanismus ein Zusammenhang bestünde, ist bislang ungeklärt. Fest steht, dass die Fabella für sich genommen Schmerzen und Beschwerden auslösen kann und dass sie bei Operationen im Kniebereich stören kann. Insbesondere bei einem künstlichen Kniegelenk kann der zusätzliche Knochen den Eingriff erschweren. Mit der wachsenden Verbreitung der Fabella gewinnt daher das Wissen um ihr Vorhandensein an praktischer Bedeutung, etwa für die Beurteilung von Knieschmerzen und für die Planung von Eingriffen am Gelenk.
Für die Betroffenen ergibt sich daraus vor allem der Wert einer genauen Diagnostik. Wer über anhaltende Knieschmerzen klagt, bei dem kann eine Fabella als mögliche Mitursache in Betracht gezogen werden, auch wenn sie längst nicht bei jedem Beschwerden verursacht. Die Studienautoren betonen, dass ihre Erkenntnisse die Behandlung von Knieschmerzen und die Versorgung von Menschen mit Kniearthrose beeinflussen könnten. Zugleich zeigt der Fall exemplarisch, dass der menschliche Körper kein starres Gebilde ist, sondern sich innerhalb von Generationen messbar verändert. Der gängige Lehrsatz von den 206 Knochen wird durch die zurückkehrende Fabella infrage gestellt. Manche Forscher schlagen halb im Scherz vor, den rätselhaften Knochen als eine Art Blinddarm des Skeletts zu betrachten, ein Bauteil ohne klaren Nutzen, das dennoch Probleme bereiten kann.
Journal of Anatomy, Fabella prevalence rate increases over 150 years, and rates of other sesamoid bones remain constant: a systematic review; doi:10.1111/joa.12994