Tetanustoxin

Hochpotentes Nervengift hilft bei Muskelschwund

Robert Klatt

Das Nervengift Tetanustoxin (TeNT) kann laut Versuchen mit Hunden durch intramuskuläre Injektionen die Auswirkungen von Muskelschwund begrenzen. Nun sollen klinische Studien die Wirksamkeit, Sicherheit und Dosierung beim Menschen untersuchen.

Göttingen (Deutschland). Rückenmarksverletzungen, Schlaganfall und Multiple Sklerose gehören zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Zu den Folgen gehören teils starke Einschränkungen der motorischen Fähigkeiten. Diese beeinträchtigen die Lebensqualität der Patienten und erhöhen das Risiko für verschiedene Folgeerkrankungen wie dauerhaften Lähmungen und Muskelschwund deutlich.

Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben das hochpotente Nervengift Tetanustoxin (Auslöser von Wundstarrkrampf) als neuen pharmakologischen Ansatz bei Muskelschwund erprobt.

Querschnittsgelähmte Hunde

Als Untersuchungsobjekt dienten laut der Veröffentlichung im Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle Hunde, die aufgrund eines Bandscheibenvorfalls an einer Querschnittlähmung litten. Es sollte so erforscht werden, ob intramuskuläre Injektionen von Tetanusneurotoxin durch die Verringerung der spinalen inhibitorischen Aktivität Symptome wie Muskelschwund verbessert.

Die 25 Versuchstiere erhielten entweder ein Placebo oder Injektionen von Tetanusneurotoxin (TeNT) in den Musculus gluteus medius sowie Musculus rectus femoris. Ob die Mittel die Muskeldichte beeinflussen, beobachteten die Wissenschaftler per Ultraschall. Außerdem wurde über ein modifiziertes funktionelles Scoring-System ermittelt, ob sich die Gangfunktion der Hunde verändert.

Tetanustoxin reduziert Muskelschwund

„Wochen nach der Injektion von Tetanustoxin in die vom Muskelschwund betroffene Muskulatur ergab die erneute Messung eine signifikante Zunahme der Muskeldicke im Vergleich zu den mit Placebo inji­zierten Hunden“, erklärt Dr. Anja Manig Ärztin an der Klinik für Neurologie der UMG. Unterschiede bei der Gangfunktion gab es zwischen der TeNT- und der Placebogruppe jedoch nicht.

Behandlung von Muskelatrophien

Die Autoren schlussfolgern daraus, dass mit intramuskulären Injektionen von TeNT die Auswirkungen von Muskelatrophien begrenzt werden könnten. Zudem zeigen die Studiendaten, dass die Behandlung mit einer niedrigen Dosis sicher ist. Bei Menschen wurde TeNT bisher nicht verwendet. Es folgen deshalb noch Studien, in denen die Wirksamkeit, Sicherheit und Dosierung des Gifts beim Menschen untersucht wird.

„Es ist das erste Mal überhaupt, dass mit einer medikamentösen Behandlung ein Muskelaufbau bei ge­lähmten Muskeln erzielt werden konnte. Obwohl Tetanustoxin eine hohe Ähnlichkeit mit Botulinumtoxin aufweist, wirkt es genau gegenteilig. Während Botulinumtoxin zu Lähmung und Muskelatrophie führt, bewirkt Tetanustoxin eine Zunahme des Muskeltonus und der Muskelmasse“, erklärt Liebetanz, Leiter des Projekts.

Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle, doi: 10.1002/jcsm.12836

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