BTK Hemmung

Fenebrutinib senkt MS Schübe in Phase III Studien deutlich

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Fenebrutinib gehört zu einer neuen Wirkstoffklasse, die Entzündungsprozesse bei Multipler Sklerose gezielter beeinflussen soll. Die aktuellen Studiendaten rücken erstmals einen oral verfügbaren BTK-Hemmer in den Mittelpunkt, der sowohl Schübe als auch fortschreitende Krankheitsanteile adressiert. Für Patienten mit unterschiedlichen Verlaufsformen könnte diese Entwicklung die Therapielandschaft verändern. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Neue Phase III Studien zu Fenebrutinib zeigen bei Multipler Sklerose deutlich weniger Schübe als unter einer etablierten Vergleichstherapie. Der experimentelle Wirkstoff gehört zu den Bruton-Tyrosinkinase-Hemmern und soll nicht nur akute Entzündungen, sondern auch chronische Entzündungsprozesse im zentralen Nervensystem beeinflussen. Besonders auffällig sind die Daten zur Schubrate und zu neuen Gehirnläsionen. Noch ist der Wirkstoff nicht zugelassen, doch der Zulassungsantrag wird nun auf Basis des gesamten Studienprogramms vorbereitet.

Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der fehlgeleitete Immunreaktionen Gehirn und Rückenmark schädigen. Typisch sind Entzündungsherde, Schäden an der Myelinschicht der Nervenfasern und im weiteren Verlauf ein zunehmender Verlust neurologischer Funktionen. Die Erkrankung verläuft bei vielen Patienten zunächst schubförmig, kann aber auch von Beginn an langsam fortschreiten. Genau diese biologische Vielfalt macht die Behandlung anspruchsvoll, weil akute Entzündungen, stille Krankheitsaktivität im MRT und eine schleichende Verschlechterung nicht immer durch denselben Mechanismus getrieben werden. Die neue Datenlage zu Fenebrutinib ist deshalb medizinisch relevant, weil der Wirkstoff an einer Schnittstelle ansetzt, die für mehrere Krankheitsprozesse wichtig sein könnte. Die Früherkennung von Multipler Sklerose bleibt dabei ein zweiter zentraler Baustein, weil frühe Krankheitsaktivität oft beginnt, bevor bleibende Schäden sichtbar werden.

Fenebrutinib hemmt die Bruton-Tyrosinkinase, ein Enzym, das in bestimmten Immunzellen eine wichtige Rolle spielt. Dazu gehören B-Zellen, die an der fehlgeleiteten Immunantwort beteiligt sind, und Mikroglia, die als Immunzellen des Gehirns an chronischer Entzündung mitwirken können. Diese BTK Hemmung unterscheidet sich von klassischen Ansätzen, die vor allem zirkulierende Immunzellen im Blut beeinflussen. Das Ziel ist ein Wirkstoff, der Entzündung außerhalb und innerhalb des zentralen Nervensystems erreicht. Nach Angaben von Roche wurde der Wirkstoff in den Studien FENhance 1 und FENhance 2 gegen Teriflunomid geprüft, eine seit Jahren eingesetzte orale Therapie bei schubförmiger Multipler Sklerose. Die aktuellen Ergebnisse wurden im Umfeld der Jahrestagung der American Academy of Neurology 2026 veröffentlicht und liefern damit einen konkreten Anlass für die Neubewertung dieser Wirkstoffklasse.

Weniger Schübe in zwei großen Vergleichsstudien

In den beiden Phase III Studien FENhance 1 und FENhance 2 wurde Fenebrutinib bei erwachsenen Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose untersucht. Zusammen umfassten die Studien 1.497 Teilnehmer und waren als randomisierte, doppelblinde Parallelgruppenstudien angelegt. Der wichtigste Endpunkt war die annualisierte Schubrate, also die durchschnittliche Zahl klinischer Schübe pro Jahr. In FENhance 1 sank diese Rate gegenüber Teriflunomid um 51 Prozent, in FENhance 2 um 59 Prozent. Roche fasst die beiden Ergebnisse als Größenordnung von ungefähr einem Schub in 17 Jahren zusammen. Diese Zahl beschreibt einen statistischen Mittelwert über die Studienpopulation und ist keine individuelle Vorhersage für einzelne Patienten. Für die klinische Einordnung ist dennoch entscheidend, dass beide Studien denselben primären Endpunkt erreichten und die Ergebnisse in dieselbe Richtung zeigen.

Auch bildgebende Befunde stützen die Wirkung auf die entzündliche Krankheitsaktivität. In beiden Studien wurden nach Angaben des Herstellers weniger aktive Gehirnläsionen im MRT gemessen. Solche Gehirnläsionen sind bei Multipler Sklerose wichtig, weil sie Krankheitsaktivität sichtbar machen können, selbst wenn nicht jeder Entzündungsherd sofort einen klaren Schub auslöst. Die Kombination aus niedriger Schubrate und weniger MRT-Aktivität deutet darauf hin, dass Fenebrutinib sowohl klinisch sichtbare als auch subklinische Entzündungen reduziert. Für Patienten und Ärzte wäre das relevant, weil Therapieentscheidungen heute nicht nur an akuten Beschwerden, sondern auch an MRT-Befunden, Behinderungsprogression und langfristiger Krankheitskontrolle ausgerichtet werden. Der Vergleich mit Teriflunomid zeigt jedoch nicht automatisch, wie der Wirkstoff gegenüber allen hochwirksamen MS-Therapien abschneiden würde.

Warum die Daten zur primär progredienten MS besonders wichtig sind

Ein zweiter Teil des Studienprogramms betrifft die primär progrediente MS, bei der sich neurologische Einschränkungen von Beginn an langsam verschlechtern, ohne dass klassische Schübe im Vordergrund stehen müssen. Diese Verlaufsform ist therapeutisch besonders schwierig, weil zugelassene Optionen begrenzt sind und die Krankheit stärker von chronischen Entzündungsprozessen im zentralen Nervensystem geprägt sein kann. In der FENtrepid-Studie wurde Fenebrutinib direkt mit Ocrelizumab verglichen, der bisherigen Standardtherapie in diesem Bereich. Nach Angaben von Roche zu FENtrepid erreichte die Studie ihr primäres Ziel, indem Fenebrutinib bei der Verzögerung bestätigter Behinderungsprogression nicht unterlegen war. Zusätzlich wurde eine numerische Verringerung des Progressionsrisikos um 12 Prozent gegenüber Ocrelizumab berichtet.

Diese Ergebnisse sind für die Forschung besonders interessant, weil Fenebrutinib oral eingenommen wird und laut Studienprogramm in Krankheitsprozesse eingreifen soll, die innerhalb des Gehirns und Rückenmarks ablaufen. Die Behinderungsprogression bei primär progredienter MS hängt nicht allein von sichtbaren Schüben ab. Sie wird auch mit dauerhafter Entzündung, Gewebeschädigung, Mikroglia-Aktivität und schleichendem Verlust von Nervenzellen in Verbindung gebracht. Ein BTK-Hemmer, der das zentrale Nervensystem erreicht, könnte deshalb eine andere therapeutische Logik verfolgen als Medikamente, die vor allem periphere Immunzellen kontrollieren. Gleichzeitig bleibt die Einordnung vorsichtig, weil numerische Vorteile nicht automatisch eine abschließende Überlegenheit bedeuten. Für die medizinische Praxis zählt am Ende, ob Nutzen, Sicherheit, Dosierung und Langzeitdaten in der Prüfung durch die Behörden überzeugen.

Zulassungsantrag trifft auf offene Sicherheitsfragen

Roche will die Gesamtdaten aus FENhance 1, FENhance 2 und FENtrepid bei den Zulassungsbehörden einreichen. Ein Zulassungsantrag wäre der nächste Schritt, damit Fenebrutinib für schubförmige und primär progrediente Multiple Sklerose geprüft werden kann. Die Studien liefern dafür eine ungewöhnlich breite Datenbasis, weil sie zwei wichtige Krankheitsbereiche abdecken: die entzündliche Schubaktivität und die langsamere Behinderungsprogression. Genau diese Breite macht den Wirkstoff wissenschaftlich bedeutsam. Sie macht die Prüfung aber auch anspruchsvoll, weil die Behörden nicht nur auf einzelne Wirksamkeitswerte schauen, sondern das gesamte Verhältnis von Nutzen und Risiko bewerten. Dazu gehören Studiendesign, Vergleichstherapie, Nebenwirkungen, Leberwerte, schwere unerwünschte Ereignisse und die Frage, für welche Patientengruppen der Wirkstoff am besten geeignet sein könnte.

Die Sicherheitsbewertung ist bei neuen Immuntherapien besonders wichtig, weil starke Eingriffe in das Immunsystem immer sorgfältig überwacht werden müssen. Roche beschreibt die Leber-Sicherheitsdaten als konsistent mit früheren Fenebrutinib-Studien, zugleich werden weitere Sicherheitsdaten ausgewertet. Für Patienten bedeutet das: Die Phase III Studien zeigen einen klaren therapeutischen Ansatz mit messbarer Wirkung auf Schubrate, Gehirnläsionen und Krankheitsprogression, aber die Anwendung außerhalb klinischer Studien hängt von der regulatorischen Prüfung ab. Sollte Fenebrutinib zugelassen werden, könnte erstmals ein oral verfügbarer, hirngängiger BTK-Hemmer für mehrere Formen der Multiplen Sklerose verfügbar werden. Für die Forschung wäre das mehr als eine weitere Tablette, weil damit eine Wirkstoffklasse klinisch relevant würde, die gezielt zwischen akuter und chronischer Entzündung vermitteln soll.

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