Zahnersatz bedeutet bisher immer Prothese oder Implantat, denn verlorene Zähne wachsen beim Menschen nicht nach. Ein japanisches Forschungsteam will das ändern und testet erstmals ein Medikament, das echte neue Zähne im Kiefer entstehen lassen soll. Der Antikörper TRG035 hat eine Sicherheitsstudie ohne schwere Nebenwirkungen durchlaufen. Im Sommer 2026 beginnt die Phase II an Patienten, denen von Geburt an sechs oder mehr bleibende Zähne fehlen. Gelingt der Nachweis, könnte die Zahnmedizin ein völlig neues Kapitel aufschlagen.
Der Mensch bekommt in seinem Leben zwei Zahngenerationen, das Milchgebiss und die bleibenden Zähne. Geht ein bleibender Zahn durch Karies, Parodontitis oder einen Unfall verloren, bleibt die Lücke dauerhaft bestehen und kann bisher nur mit Brücken, Prothesen oder Zahnimplantaten geschlossen werden. Dabei trägt der Kiefer nach heutigem Kenntnisstand mehr Potenzial in sich, als er nutzt. Im Kieferknochen schlummern sogenannte Zahnkeime, also angelegte Vorstufen weiterer Zähne, die sich normalerweise nie entwickeln. Verantwortlich dafür ist unter anderem das Protein USAG-1, das die für das Zahnwachstum wichtigen Signalwege unterdrückt und damit wie eine molekulare Bremse wirkt. Genau an dieser Bremse setzt ein neuer Therapieansatz aus Japan an, der die verborgenen Anlagen gezielt aktivieren soll und damit erstmals biologischen Zahnersatz in Aussicht stellt.
Entwickelt wird der Wirkstoff TRG035 von Toregem BioPharma, einer im Jahr 2020 gegründeten Ausgründung der Universität Kyoto. Der humanisierte Antikörper bindet an USAG-1 und neutralisiert dessen hemmende Wirkung, sodass die ruhenden Zahnkeime ihre Entwicklung fortsetzen können. Die wissenschaftliche Grundlage lieferte eine Studie im Fachjournal Science Advances, in der ein Anti-USAG-1-Antikörper bei Mäusen das Wachstum zusätzlicher Zähne auslöste und damit das Prinzip erstmals belegte. Seither treibt das Team um den Zahnmediziner Katsu Takahashi die Übertragung auf den Menschen voran. Das erklärte Ziel ist ein Medikament, das um das Jahr 2030 regulär verfügbar sein soll und den Traum vom nachwachsenden Gebiss in eine reale Therapieoption verwandelt.
Die erste Studienphase am Menschen begann im Oktober 2024 am Universitätsklinikum Kyoto. Rund 30 gesunde Männer zwischen 30 und 64 Jahren, denen mindestens ein Backenzahn fehlte, erhielten eine einmalige intravenöse Dosis des Antikörpers oder ein Placebo. Diese Phase diente ausschließlich der Prüfung von Sicherheit, Dosierung und Verstoffwechselung, nicht dem Nachweis neuer Zähne. Nach Angaben des Unternehmens traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf, womit die wichtigste Hürde für den nächsten Schritt genommen ist. Im Mai 2026 sicherte sich Toregem eine Finanzierungsrunde über umgerechnet rund 5,3 Millionen US-Dollar, die Gesamtfinanzierung des Programms übersteigt inklusive Fördermitteln inzwischen 29 Millionen US-Dollar. Damit ist der Weg frei für die Phase II, in der der Wirkstoff erstmals an tatsächlich betroffenen Patienten erprobt wird und seine Wirksamkeit beweisen muss.
Zielgruppe der neuen Studienphase sind Patienten mit schwerer angeborener Hypodontie, denen sechs oder mehr bleibende Zähne fehlen. Diese Oligodontie betrifft weltweit etwa ein Prozent der Bevölkerung und ist in Japan als seltene Erkrankung anerkannt, TRG035 erhielt dort den Status eines Orphan-Arzneimittels. Betroffene Kinder tragen bisher über Jahre immer wieder angepasste Prothesen, bevor im Erwachsenenalter Zahnimplantate gesetzt werden können. Genau hier soll der Antikörper ansetzen und die vorhandenen Anlagen zur Entwicklung vollwertiger Zähne bringen. Wichtig bleibt die Einordnung, dass bislang keine Daten zur Wirksamkeit am Menschen vorliegen, das Nachwachsen von Zähnen wurde bisher nur im Tiermodell gezeigt. Details zum Entwicklungsstand nennt eine offizielle Mitteilung von Toregem BioPharma, die langfristig auch eine Ausweitung auf erworbenen Zahnverlust ankündigt. Sollte sich der Ansatz bestätigen, käme das Medikament später also auch für Millionen Erwachsene infrage, die Zähne durch Karies oder Zahnfleischerkrankungen verloren haben.
Science Advances, Anti-USAG-1 therapy for tooth regeneration through enhanced BMP signaling; doi:10.1126/sciadv.abf1798