Gehirnanalysen

Doppelmoral hat beim Menschen eine biologische Ursache

 Robert Klatt

Doppelmoral ist im Gehirn sichtbar )moc.sotohptisopedlatigidnoillib(Foto: © 

Die Moral des Menschen definiert, welche Handlungen er für richtig oder falsch hält. Moralische Inkonsistenz (Doppelmoral) kann deshalb zu gesellschaftlich unerwünschtem Verhalten führen. Nun wurde entdeckt, dass Doppelmoral biologisch bedingt ist.

Hefei (China). Die Moralvorstellungen des Menschen definieren, was er für richtig und falsch hält. Bei vielen Personen existiert aber eine Doppelmoral, die dazu führt, dass sie andere Menschen für eine Handlung moralisch verurteilen, obwohl sie diese als moralisch unproblematisch beurteilen, wenn sie sie selbst ausführen. Forscher der Chinesischen Universität für Wissenschaft und Technik (USTC) haben nun eine Studie publiziert, laut der diese moralischen Widersprüchlichkeiten eine biologische Basis besitzen, die im Gehirn sichtbar ist. Die Doppelmoral, die nicht bei allen Menschen gleich stark vorhanden ist, kann demnach anhand von Aktivitätsmustern in einem bestimmten Gehirnareal beobachtet werden.

„Als Neurowissenschaftler wollten wir verstehen, warum das Wissen darüber, was richtig ist, nicht immer dazu führt, dass man auch entsprechend handelt. Um ein 'moralischer Mensch' zu sein, muss das Gehirn moralisches Wissen in das tägliche Verhalten integrieren, ein Prozess, der selbst bei Menschen scheitern kann, die das moralische Prinzip genau kennen.“

Hirnregionen für Moral und Doppelmoral

Die Forscher haben zunächst mit der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) analysiert, welche Bereiche des Gehirns mit der moralischen Konsistenz und der moralischen Inkonsistenz (Doppelmoral) verknüpft sind. Dazu haben die Probanden Aufgaben absolviert, bei denen sie sich zwischen Ehrlichkeit und Gewinn entscheiden mussten, während die fMRT ihr Gehirn beobachtet hat. Studienteilnehmer, die sich für ein unehrliches, also unmoralisches Verhalten entschieden haben, konnten in dem Experiment mehr Geld verdienen.

Anschließend haben die Probanden ihr eigenes Verhalten von "extrem unmoralisch“ bis „extrem moralisch“ bewertet. Die Probanden haben außerdem das Verhalten anderer Teilnehmer beim Bearbeiten der identischen Aufgabe auf der 10-Punkte-Skala beurteilt, während die Forscher die Gehirnaktivität der Beurteilenden überwacht haben.

Hohe Aktivität im ventromedialen präfrontalen Cortex (vmPFC)

Die Gehirnscans zeigen, dass beim Bearbeiten der Aufgaben die Aktivität im ventromedialen präfrontalen Cortex (vmPFC) zunimmt, also einem Bereich, der für Entscheidungen, das Steuern von Emotionen und das Verständnis von sozialen Situationen zuständig ist. Der vmPFC beurteilt zudem Risiken und verknüpft Handlungen mit emotionalen Reaktionen.

Bei moralisch konsistenten Personen, die für sich und andere Personen dieselben moralischen Maßstäbe ansetzen, war dieser Bereich beim Bearbeiten der Aufgaben und bei der Beurteilung anderer Personen ähnlich aktiv. Moralisch inkonsistente Probanden, die nur das Betrügen durch andere Teilnehmer, nicht aber ihr eigenes Betrugsverhalten als unmoralisch einstuften, zeigten beim Bearbeiten der Aufgaben eine deutlich geringere Aktivität im vmPFC als beim Beurteilen der anderen Personen. Ihr vmPFC war außerdem nicht so stark mit Arealen verknüpft, die mit moralischen Bewertungen und Entscheidungen zusammenhängen.

Stimulation des Gehirns

Die Wissenschaftler haben bei einigen Probanden zudem den vmPFC mit einer nicht-invasiven Methode stimuliert, bevor diese die Verhaltens- und Beurteilungsaufgaben absolviert haben. Sie wollten so untersuchen, ob diese Hirnregion tatsächlich die Doppelmoral auslöst. Das Experiment zeigt, dass eine Aktivierung des vmPFC tatsächlich die Doppelmoral reduziert, aber nicht komplett unterbindet. Wie die Forscher erklären, sprechen diese Ergebnisse dafür, dass Menschen mit einer stark ausgeprägten Doppelmoral ihren vmPFC nicht oder kaum bei Verhaltensentscheidungen nutzen.

„Personen mit moralischer Inkonsistenz sind nicht unbedingt blind für ihre eigenen moralischen Prinzipien; sie können diese biologisch bedingt lediglich nicht in ihrem eigenen moralischen Verhalten berücksichtigen und anwenden.“

Quellen:

Studie im Fachmagazin Cell Reports, doi: 10.1016/j.celrep.2026.117058 

Spannend & Interessant
VGWortpixel