Fast jeder lernt in der Kindheit, dass die normale Körpertemperatur des Menschen bei 37 Grad Celsius liegt. Eine umfangreiche Auswertung von rund 677.000 Messungen aus 150 Jahren stellt diesen scheinbar festen Wert infrage. Männer sind demnach heute im Schnitt etwa 0,59 Grad kühler als zu Beginn des 19. Jahrhunderts, und der wahre Normalwert liegt eher bei 36,6 Grad. Warum der Mensch über Generationen hinweg messbar abgekühlt ist und was das über unseren Körper verrät, ist bemerkenswert.
Die verbreitete Zahl von 37 Grad geht auf den deutschen Arzt Carl Reinhold August Wunderlich zurück, der Mitte des 19. Jahrhunderts Millionen Messungen an rund 25.000 Menschen in Leipzig auswertete und daraus den bis heute geläufigen Standardwert ableitete. Seither hat sich die Vorstellung einer festen Normaltemperatur tief im Alltagswissen verankert, obwohl der menschliche Körper in Wahrheit innerhalb enger Grenzen schwankt. Die Körperkerntemperatur folgt einem Tagesrhythmus, ist morgens niedriger als nachmittags und steigt bei körperlicher Aktivität an. Vor diesem Hintergrund stellten Forscher der Stanford University die Frage, ob die im 19. Jahrhundert ermittelte Norm überhaupt noch zur heutigen Bevölkerung passt. Ihre Vermutung lautete, dass sich die durchschnittliche Körpertemperatur über die Zeit verändert haben könnte, und genau das prüften sie mit historischen und modernen Daten.
Für ihre Untersuchung kombinierten die Wissenschaftler drei große Datensätze aus unterschiedlichen Epochen. Der erste umfasste Veteranen des amerikanischen Bürgerkriegs mit Messungen aus den Jahren 1860 bis 1940, der zweite stammte aus einer nationalen Gesundheitserhebung der 1970er Jahre, der dritte aus einer modernen klinischen Datenbank der Jahre 2007 bis 2017. Insgesamt flossen rund 677.000 Temperaturmessungen in die Analyse ein. Um verlässliche Vergleiche zu ermöglichen, berücksichtigten die Forscher Einflussgrößen wie Alter, Größe, Gewicht sowie in manchen Modellen die Tageszeit. So ließ sich prüfen, ob ein etwaiger Rückgang ein echter physiologischer Wandel ist oder nur auf unterschiedliche Messmethoden zurückgeht. Das Ergebnis fiel eindeutig aus, denn die mittlere Körpertemperatur nahm über die Zeit kontinuierlich ab.
Die zentrale Kennzahl der Studie ist ein stetiger Rückgang um etwa 0,03 Grad Celsius pro Geburtsjahrzehnt. Über den gesamten untersuchten Zeitraum bedeutet das für Männer eine um rund 0,59 Grad niedrigere Körpertemperatur im Vergleich zu den frühen Geburtsjahrgängen des 19. Jahrhunderts. Bei Frauen fiel der Rückgang seit den 1890er Jahren mit etwa 0,32 Grad ebenfalls deutlich aus. Statt der klassischen 37 Grad liegt der heutige Normalwert damit eher bei 36,6 Grad. Wichtig ist, dass die Forscher denselben Abwärtstrend auch innerhalb der Bürgerkriegs-Kohorte fanden, also innerhalb einer einzigen historischen Gruppe. Dieser Befund macht die Erklärung durch bloße Messfehler unwahrscheinlich, denn ein reiner Gerätefehler würde nicht innerhalb derselben Kohorte einen gleichgerichteten Rückgang über die Geburtsjahrgänge erzeugen. Die Autoren werten die Veränderung deshalb als realen physiologischen Wandel.
Für die Deutung ist die Körpertemperatur ein Spiegel des Stoffwechsels. Der Ruheumsatz, also der Energieverbrauch des Körpers in Ruhe, gehört zu den wichtigsten Einflussgrößen auf die Wärmeproduktion. Sinkt die durchschnittliche Temperatur über Generationen, deutet das darauf hin, dass sich auch der Stoffwechsel der Bevölkerung verändert hat. Die Forscher interpretieren die Abkühlung daher als Hinweis auf einen langsameren Ruhestoffwechsel und einen insgesamt gewandelten Zustand des menschlichen Körpers seit der Industrialisierung. Damit wird aus einer scheinbar trockenen Messgröße ein Fenster auf tiefere Veränderungen der menschlichen Physiologie. Der Rückgang der Körpertemperatur ist in dieser Lesart kein Zufall, sondern ein messbares Anzeichen dafür, wie sehr sich Lebensbedingungen und Gesundheit der Menschen in rund zwei Jahrhunderten gewandelt haben.
Als wichtigste Erklärung nennen die Forscher den Rückgang chronischer Entzündungen in der Bevölkerung. Wenn das Immunsystem dauerhaft gegen Erreger ankämpft, steigert das den Stoffwechsel und erhöht die Körpertemperatur, selbst wenn kein eindeutiges Fieber messbar ist. Im 19. Jahrhundert waren Infektionen und Entzündungen weit verbreitet und schwer behandelbar, viele Menschen litten an latenten Infekten etwa durch Tuberkulose oder andere chronische Erkrankungen. Bessere Hygiene, sauberes Wasser, verbesserte Zahngesundheit, der Rückgang von Krankheiten wie Tuberkulose und Malaria sowie der Beginn des Antibiotika-Zeitalters haben die Zahl solcher Dauerentzündungen deutlich gesenkt. Ein Körper, der seltener gegen chronische Infektionen kämpft, produziert weniger überschüssige Wärme. Der historische Rückgang der Körpertemperatur wäre damit paradoxerweise ein Zeichen für einen insgesamt gesünderen Zustand der modernen Bevölkerung.
Neben den Entzündungen diskutieren Fachleute weitere Faktoren, die zur Abkühlung beigetragen haben könnten. Dazu zählen ein niedrigerer Ruhestoffwechsel, veränderte Ernährung sowie das Leben in temperaturregulierten Umgebungen mit Heizung und Klimatisierung, das die eigene Wärmeproduktion des Körpers entlastet. Für die Praxis bedeutet der Befund, dass die starre Vorstellung eines einzigen Normalwerts überholt ist. Die Körpertemperatur variiert zwischen Menschen, im Tagesverlauf und offenbar auch über historische Zeiträume hinweg. Das ändert nichts an der Aussagekraft von Fieber als Warnsignal, rückt aber die Bewertung leichter Abweichungen in ein neues Licht. Die Studie zeigt eindrücklich, dass selbst eine so vertraute Zahl wie die 37 Grad kein für alle Zeiten festes Naturgesetz ist, sondern ein Wert, der sich mit den Lebensbedingungen des Menschen verschiebt.
eLife, Decreasing human body temperature in the United States since the Industrial Revolution; doi:10.7554/eLife.49555