Fehleinschätzung

Der eigene Alkoholpegel wird oft unterschätzt

Robert Klatt

Viele Menschen unterschätzten ihren Alkoholpegel laut eines Experiments, bei dem sie sich unter kontrollierten Bedingungen mit Pils und Weißwein betranken, deutlich.

Witten (Deutschland). Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke haben herausgefunden, dass Menschen ihren Alkoholpegel oft deutlich unterschätzten. Laut der Publikation im Harm Reduction Journal führte das Team um Studienleiter Kai Hensel ein Experiment mit 90 Probanden durch, die sich unter kontrollierten Bedingungen mit Pils und Weißwein betranken. Die Teilnehmer waren im Mittel 24 Jahre alt und körperlich fit.

Während des Experiments sollten die Probanden solange weitertrinken, bis sie ihrer Meinung nach die gesetzliche Promillegrenze zum Autofahren erreicht hatten. Diese liegt in Deutschland bei 0,5 Promille.

Schlechte Einschätzung der Fahrtüchtigkeit

Am ersten Studientag meldeten sich 39 Prozent der Probanden erst, nachdem sie die gesetzliche Promillegrenze überschritten hatten, also nicht mehr fahrtüchtig waren. Am zweiten Studientag tranken sogar 53 Prozent der Probanden so viel, dass sie nicht mehr Autofahren dürften. Ein Teil der Probanden lag an beiden Studientagen sogar deutlich über dem gesetzlichen Limit, schätze sich aber trotzdem noch als fahrtüchtig ein.

Im Mittel tranken die Teilnehmer 1,4 Liter Bier in etwa zwei Stunden, bis ihre Promillegrenze überschritten war. Beim Weißwein waren es im Mittel etwa eine Flasche. Wie Hensel erklärt „ist davon auszugehen, dass der nach mehr als zwei Stunden gemessene Atemalkoholwert von dann jeweils 0,6 Promille auch nach Trinkstopp noch weiter ansteigt, weil der Alkohol nach und nach ins Blut übergeht.“

Reihenfolge des Alkoholkonsums

Laut der Studie traten diese Fehleinschätzungen unabhängig davon ein, ob die Teilnehmer zuerst Wein oder Bier getrunken hatten. Auch das Geschlecht spielt bei der Einschätzung der Fahrtüchtigkeit keine signifikante Rolle.

„Die Häufigkeit der Fehleinschätzungen muss uns deshalb Sorgen machen, weil im Straßenverkehr ja wenige reichen, um schwerwiegende Unfälle auszulösen“, erklärt Hensel. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind Verletzungen im Straßenverkehr bei Menschen zwischen 5 und 29 Jahren inzwischen global die häufigste Todesursache. Eine die häufigsten Ursachen für schwere Verkehrsunfälle sind laut der WHO Fahrer unter Alkoholeinfluss.

Aufklärungskampagnen könnten Unfälle verhindern

„Allerdings gibt die Studie auch Hinweise auf gewisse Lerneffekte, sodass wir glauben, dass es durchaus helfen kann, das eigene Bewusstsein für den Effekt von Alkohol auf die Fahrtüchtigkeit zu schärfen“, so Hensel. Der Studienleiter hält daher Aufklärungskampagnen, in denen gezeigt wird, wie schnell Alkohol die eigene Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt, für sinnvoll. Denkbar sind laut ihm etwa Teststationen in Bereichen, wo typischerweise Alkohol konsumiert wird.

Harm Reduction Journal, doi: 10.1186/s12954-021-00567-4

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