Robert Klatt
Die meisten Säugetiere können auch durch ihren Darm Sauerstoff aufnehmen. Nun wurde die sogenannte Darmbeatmung erstmals in einer klinischen Studie beim Menschen erprobt. In Zukunft könnte sie unter anderem Menschen mit akutem Lungenversagen helfen.
Cincinnati (U.S.A.). Der Ig-Nobelpreis ist eine satirische Auszeichnung, die von der Zeitschrift Annals of Improbable Research an Arbeiten aus der Forschung verliehen wird, die „Menschen zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen“. Es werden also vorwiegend Studien geehrt, die auf den ersten Blick absurd wirken, aber trotzdem tiefere wissenschaftliche Erkenntnisse liefern. 2024 haben Forscher den IgNobel-Preis dafür erhalten, dass sie entdeckt haben, dass viele Säugetiere auch durch ihren After atmen könnten.
Wissenschaftler des Cincinnati Children's Hospital Medical Center (CCHMC) haben nun die erste klinische Studie zur Darmbeatmung abgeschlossen. An der Studie haben 27 gesunde Männer aus Japan teilgenommen, denen eine sauerstoffreiche Flüssigkeit über den After verabreicht wurde. So konnten die Sicherheit und Verträglichkeit dieser Art der Sauerstoffversorgung untersucht werden. Die Beatmung über dem Darm könnte in Zukunft unter anderem Menschen mit akutem Lungenversagen helfen, indem sie die Lunge entlastet und die Sauerstoffversorgung verbessert.
„Dies sind die ersten Daten beim Menschen, und die Ergebnisse beschränken sich ausschließlich auf die Sicherheit des Verfahrens, nicht auf seine Wirksamkeit. Aber da wir nun die Verträglichkeit nachgewiesen haben, ist der nächste Schritt, die tatsächliche Sauerstoffaufnahme ins Blut zu untersuchen.“
Die Probanden im Alter zwischen 20 und 45 Jahren haben einmalig bis zu 1.500 Milliliter der nicht-oxygenierten Flüssigkeit Perfluordecalin rektal erhalten. Anschließend mussten sie diese für 60 Minuten in ihrem Darm behalten, während die Forscher die potenziellen Nebenwirkungen, die Nebenwirkungen und die Aufnahme der Substanz überwacht haben. Perfluordecalin wurde verwendet, weil es eine sehr hohe Sauerstoffbindungskapazität besitzt und in der Medizin bereits als Sauerstoffträger verwendet wird.
20 der 27 Probanden haben die Flüssigkeit ausreichend lange behalten. Es kam selbst bei den größeren Mangen zu keinen starken Nebenwirkungen. Leichte Beschwerden wie ein aufgeblähter Bauch und leichtes Unwohlsein traten aber auf. Die Vitalparameter, darunter auch die Leber- und Nierenwerte, blieben im Normalbereich.
„Diese erste Studie am Menschen zeigt, dass die rektale Gabe von nicht-oxygeniertem Perfluordecalin sicher, durchführbar und gut verträglich ist. Diese Ergebnisse schaffen eine entscheidende Sicherheitsgrundlage und ebnen den Weg für die weitere Entwicklung der enteralen Ventilation mit vollständig oxygeniertem Perfluordecalin als ergänzende Strategie zur Unterstützung von Patienten mit Atemversagen.“
Die Wissenschaftler erklären, dass die Darmatmung in Zukunft Menschen mit schweren Atemwegserkrankungen, blockierten Atemwegen und bei Verletzungen, die die Lungenfunktion stark einschränken, helfen kann. Eine Folgestudie soll bald untersuchen, wie viel Flüssigkeit erforderlich ist und wie lange diese im Körper verbleiben muss, um die Sauerstoffwerte im Blut zu verbessern.
Quellen:
Pressemitteilung des Cincinnati Children's Hospital Medical Center (CCHMC)
Studie im Fachmagazin Med, doi: 10.1016/j.medj.2025.100887