Die Computertomographie gehört zu den wichtigsten diagnostischen Verfahren der modernen Medizin und rettet täglich Leben. Eine aktuelle Modellstudie aus den USA lenkt den Blick nun auf eine selten diskutierte Kehrseite dieser Untersuchung. Forscher schätzen, wie viele künftige Krebserkrankungen die enorme Zahl jährlicher CT-Scans nach sich ziehen könnte. Die berechnete Größenordnung liegt deutlich höher als in früheren Einschätzungen. Für das Gesundheitssystem und für einzelne Patienten wirft das neue Fragen zum verantwortungsvollen Umgang mit Strahlendosen auf.
Die Computertomographie, kurz CT, erzeugt mithilfe von Röntgenstrahlung detaillierte Schnittbilder des Körperinneren und macht Verletzungen, Tumoren oder Blutungen sichtbar, die auf einfachen Röntgenaufnahmen verborgen bleiben. Der diagnostische Nutzen ist unbestritten, denn viele Behandlungsentscheidungen in Notfallmedizin, Onkologie und Chirurgie beruhen auf diesen Bildern. Zugleich setzt jede Untersuchung den Körper ionisierender Strahlung aus, die als Auslöser von Krebs gilt, weil sie das Erbgut in Zellen schädigen kann. Die Strahlendosis eines einzelnen CT-Scans liegt je nach untersuchter Körperregion oft um ein Vielfaches über der einer klassischen Röntgenaufnahme. Fachleute unterscheiden deshalb streng zwischen dem geringen Risiko einer einzelnen Aufnahme und der Belastung, die entsteht, wenn Millionen Menschen jedes Jahr untersucht werden. Genau dieser Zusammenhang zwischen individueller Dosis und gesellschaftlichem Gesamteffekt steht im Zentrum der neuen Berechnungen und macht das Thema für die öffentliche Gesundheit bedeutsam.
Grundlage der Diskussion ist ein statistisches Modell, das die bekannte Strahlenexposition vieler Untersuchungen mit etablierten Risikoschätzungen für strahlenbedingten Krebs verknüpft. Solche Modelle beruhen auf Daten aus großen Kohorten, unter anderem aus Untersuchungen zu Überlebenden hoher Strahlendosen, und rechnen das Risiko auf den Bereich niedriger Dosen herunter. Die Ergebnisse sind daher keine gezählten Krankheitsfälle, sondern Prognosen über einen langen Zeitraum, in dem sich strahlenbedingte Tumoren erst entwickeln. In der Strahlenmedizin gilt vorsorglich die Annahme, dass jede zusätzliche Dosis das Risiko geringfügig erhöht, auch wenn sich im niedrigen Bereich keine exakten Einzelwerte messen lassen. Der Wert einer solchen Rechnung liegt weniger in der genauen Zahl als in der Größenordnung, die sie sichtbar macht. Sie zeigt, dass ein für den Einzelnen kleines Risiko sich über eine ganze Bevölkerung zu einer relevanten Größe summieren kann, und liefert damit ein Argument für einen bewussteren Einsatz der Forschung rund um Krebs und seine vermeidbaren Ursachen.
Die Arbeitsgruppe um die Radiologin Rebecca Smith-Bindman von der University of California in San Francisco stützte sich auf Daten aus einem internationalen CT-Dosisregister mit Angaben von mehr als 140 Einrichtungen und nutzte ein Risikobewertungswerkzeug des US-Krebsinstituts, um die Strahlenexposition in Krebsprognosen zu übersetzen. Für das Jahr 2023 legten die Forscher rund 93 Millionen CT-Untersuchungen an etwa 62 Millionen Patienten in den Vereinigten Staaten zugrunde. Aus dieser Datenbasis ergab sich die Schätzung, dass allein die Scans dieses einen Jahres über die Lebenszeit der Untersuchten zu etwa 103.000 zusätzlichen Krebserkrankungen führen könnten. Dieser Wert liegt drei- bis viermal höher als in älteren Einschätzungen, was die Autoren unter anderem auf die gestiegene Zahl der Untersuchungen und auf breitere Datengrundlagen zurückführen. Sollten sich die derzeitigen Dosis- und Nutzungspraktiken fortsetzen, könnten CT-bedingte Tumoren nach dieser Rechnung langfristig etwa fünf Prozent aller jährlichen Krebsdiagnosen ausmachen und damit in eine Größenordnung wie Alkoholkonsum oder starkes Übergewicht rücken.
Ein zentrales Ergebnis betrifft die ungleiche Verteilung des Risikos zwischen den Altersgruppen. Pro einzelner Untersuchung tragen Säuglinge und Kinder ein höheres Risiko, weil ihr Gewebe empfindlicher auf Strahlung reagiert und ihnen mehr Lebensjahre bleiben, in denen sich ein strahlenbedingter Tumor entwickeln kann. Am höchsten fällt das rechnerische Risiko bei Kindern im ersten Lebensjahr aus. Trotzdem erwarten die Forscher die meisten prognostizierten Krebsfälle bei Erwachsenen, schlicht weil diese Gruppe den weitaus größten Anteil aller CT-Scans erhält. Bei Erwachsenen zählen die Modelle vor allem Lungenkrebs, Dickdarmkrebs, Leukämie und Blasenkrebs zu den häufiger prognostizierten Tumorarten, während bei Kindern Schilddrüsen-, Lungen- und Brustkrebs im Vordergrund stehen. Untersuchungen von Bauch und Becken trugen mit fast vierzig Prozent den größten Anteil zu den berechneten Fällen bei. Diese Aufschlüsselung zeigt, dass Strahlenschutz sowohl bei den empfindlichsten Patienten als auch bei der breiten Masse der Untersuchungen ansetzen muss, um wirksam zu sein.
Auch wenn die Berechnungen auf US-Daten beruhen, ist das Thema für Deutschland unmittelbar relevant. Nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz werden hierzulande jährlich rund 130 Millionen Röntgenuntersuchungen durchgeführt, von denen die Computertomographie nur einen kleinen Anteil ausmacht. Trotzdem tragen CT und ähnlich dosisintensive Verfahren fast neun Zehntel zur medizinischen Strahlenexposition der Bevölkerung bei, obwohl sie zahlenmäßig nur einen Bruchteil aller Untersuchungen stellen. Die mittlere effektive Dosis pro Person und Jahr wird maßgeblich von diesen Untersuchungen bestimmt, und ihre Zahl ist über die vergangenen Jahre gestiegen. Zugleich ist die Dosis pro einzelner Untersuchung durch technischen Fortschritt und gesenkte Referenzwerte zurückgegangen. Fachleute betonen ausdrücklich, dass medizinisch notwendige Scans nicht aus Angst vermieden werden sollten, da ihr Nutzen das geringe Risiko in aller Regel deutlich überwiegt. Die zentrale Botschaft der Studie zielt auf unnötige Untersuchungen und auf überhöhte Dosen. Ärzte sollten CT-Scans sorgfältig abwägen, auf medizinisch nicht gebotene Aufnahmen verzichten und stets die niedrigste Dosis wählen, die noch aussagekräftige Bilder liefert.
JAMA Internal Medicine, Projected Lifetime Cancer Risks From Current Computed Tomography Imaging; doi:10.1001/jamainternmed.2025.0505