Gene und Ernährung

Cholesterinrisiko hängt auch mit der Ernährung zusammen

 Dennis Lenz

Cholesterinrisiko hängt auch mit der Ernährung zusammen
(Symbolbild) Das Cholesterinrisiko hängt nicht allein von den Genen ab. Eine Studie mit 1.020 Erwachsenen aus Chennai fand, dass eine ungünstige Ernährungsqualität mit höheren LDL- und Gesamtcholesterinwerten bei Menschen mit erhöhtem genetischem Risiko zusammenhing. Die Untersuchung beweist nicht, dass eine Ernährungsumstellung die Werte bei jedem Menschen senkt, unterstreicht aber die Bedeutung des gesamten Speiseplans. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Das Cholesterinrisiko hängt offenbar nicht nur von den Genen ab, sondern auch davon, wie ausgewogen sich ein Mensch ernährt. Eine Studie mit 1.020 Erwachsenen aus Chennai in Indien fand, dass eine geringe Ernährungsqualität bei Menschen mit höherem genetischem Risiko mit ungünstigeren Werten für Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin verbunden war. Bei einer besseren Ernährungsqualität war dieser Unterschied nicht in gleicher Weise erkennbar. Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang und beweisen noch nicht, dass eine bestimmte Ernährungsumstellung das Cholesterin bei jedem Betroffenen senkt.

Ein hoher LDL-Cholesterinspiegel gilt als wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weil sich das Fett an den Innenwänden von Blutgefäßen ablagern kann. Bei manchen Menschen bleiben die Werte trotz eines bewussten Lebensstils erhöht, während andere trotz ähnlicher Essgewohnheiten niedrigere Werte haben. Gene sind ein Teil der Erklärung. Die neue Untersuchung deutet darauf hin, dass die Qualität der Ernährung mitbestimmt, wie stark sich eine genetische Veranlagung in den Blutfettwerten niederschlägt.

Das Forschungsteam analysierte Daten aus der Chennai Urban Rural Epidemiology Study (CURES). Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift PLOS One. Untersucht wurden 1.020 Erwachsene zwischen 25 und 80 Jahren. Die Autoren verglichen einen genetischen Risikoscore mit einem Ernährungsqualitätsscore und prüften, wie beide Faktoren mit verschiedenen Stoffwechselwerten zusammenhingen. Im Mittelpunkt standen dabei nicht einzelne Lebensmittel, sondern das Muster der Ernährung insgesamt. Die Originalstudie in PLOS One beschreibt diese Wechselwirkungen für Erwachsene aus Südindien.

Wie Gene und Ernährung mit dem Cholesterinrisiko zusammenhängen

Die Forscher verwendeten einen genetischen Risikoscore, der drei Varianten in den Genen TCF7L2 und FTO berücksichtigte. Diese Varianten sind vor allem im Zusammenhang mit Stoffwechsel und Diabetesrisiko untersucht worden. Zusätzlich bewertete das Team die Ernährung anhand des Indian Diet Quality Score, der acht Lebensmittelgruppen einbezieht und an die Essgewohnheiten der untersuchten Bevölkerung angepasst ist. So konnten die Wissenschaftler vergleichen, ob ein höherer genetischer Risikoscore bei Menschen mit unterschiedlich guter Ernährungsqualität jeweils mit anderen Blutwerten einherging.

Die statistische Auswertung zeigte eine Wechselwirkung zwischen genetischem Risiko und Ernährungsqualität bei zwei Messgrößen: Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin. Menschen mit höherem genetischem Risiko hatten bei geringer Ernährungsqualität höhere Werte als Teilnehmer mit niedrigerem genetischem Risiko. Dieser Unterschied war bei einer besseren Ernährungsqualität nicht in derselben Weise nachweisbar. Das bedeutet nicht, dass Gene bei guter Ernährung verschwinden oder keine Rolle mehr spielen. Die Daten legen vielmehr nahe, dass der Zusammenhang zwischen genetischer Veranlagung und bestimmten Blutfettwerten vom Ernährungsumfeld abhängen kann.

Was die Daten über LDL-Cholesterin zeigen

LDL-Cholesterin wird häufig als „schlechtes“ Cholesterin bezeichnet, weil erhöhte Werte die Entstehung von Ablagerungen in den Arterien begünstigen können. Die Studie fand für LDL-Cholesterin eine statistisch signifikante Wechselwirkung zwischen genetischem Risikoscore und Ernährungsqualität. Auch beim Gesamtcholesterin zeigte sich eine entsprechende Wechselwirkung. Die Effektgrößen waren allerdings klein. Das ist bei komplexen Eigenschaften wie Blutfettwerten nicht ungewöhnlich, weil viele Gene, Ernährungsgewohnheiten, Medikamente, Bewegung und weitere Faktoren zusammenwirken.

Der Befund betrifft also keine einfache Regel, nach der eine bestimmte Kost ein genetisch bedingtes Cholesterinproblem vollständig ausgleicht. Er zeigt vielmehr, dass die Ernährungsqualität die Verbindung zwischen genetischem Risiko und Cholesterinwerten verändern könnte. Bei den anderen untersuchten Stoffwechselmerkmalen waren die Ergebnisse nicht in gleicher Weise überzeugend. Die Autoren fanden unter anderem keine vergleichbar robuste Wechselwirkung für alle untersuchten Blutfett- und Körpermaße. Deshalb wäre es falsch, aus der Studie eine allgemeine Aussage über sämtliche Stoffwechselkrankheiten abzuleiten.

Warum der gesamte Speiseplan wichtiger sein könnte als ein einzelnes Lebensmittel

Der Ernährungsqualitätsscore bewertet mehrere Lebensmittelgruppen gemeinsam. Damit richtet die Studie den Blick auf das Zusammenspiel der Ernährung und nicht auf die Frage, ob ein einzelnes Produkt gesund oder ungesund ist. Ein Speiseplan kann sich beispielsweise darin unterscheiden, wie häufig Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und andere nährstoffreiche Lebensmittel gegessen werden und welche Produkte sie ersetzen. Solche Kombinationen lassen sich mit einer Betrachtung nur eines Nährstoffs oft nicht angemessen erfassen.

Das passt zu anderen Untersuchungen, die zeigen, dass der Einfluss einzelner Lebensmittel auf Cholesterinwerte vom gesamten Ernährungsmuster abhängen kann. So berichtete Forschung und Wissen bereits über eine Studie, nach der Eier bei einer fettarmen Ernährung die LDL-Cholesterinwerte nicht erhöhten, während eine Kost mit vielen gesättigten Fettsäuren ungünstiger ausfiel. Auch die Analyse zu Lebensmitteln, die mit einem niedrigeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sind, betrachtet mehrere Lebensmittelgruppen gemeinsam statt einzelne Produkte isoliert zu bewerten.

Welche Grenzen die Untersuchung hat

Die Ergebnisse beruhen auf einer Querschnittsanalyse. Ernährungsdaten und Stoffwechselwerte wurden ausgewertet, ohne dass die Studie eine Ernährungsumstellung über längere Zeit kontrolliert hat. Deshalb lässt sich aus dem Ergebnis nicht ableiten, dass eine bessere Ernährungsqualität die Cholesterinwerte bei den untersuchten Personen tatsächlich gesenkt hat. Es ist auch möglich, dass weitere Faktoren sowohl die Ernährung als auch die Blutwerte beeinflussten, obwohl die statistischen Modelle relevante Einflussgrößen berücksichtigten.

Hinzu kommt, dass die Teilnehmer aus Chennai stammen und damit eine spezifische Bevölkerungsgruppe in Südindien abbilden. Ernährungsgewohnheiten, genetische Varianten und die Häufigkeit von Stoffwechselerkrankungen können sich zwischen Bevölkerungen unterscheiden. Die Studie sollte deshalb nicht ohne weitere Prüfung auf Menschen in Deutschland oder auf andere ethnische Gruppen übertragen werden. Auch der genetische Risikoscore erfasste nur drei Varianten und bildet nicht das gesamte genetische Risiko für erhöhte Cholesterinwerte ab.

Was das für Menschen mit familiär erhöhtem Cholesterin bedeutet

Die Untersuchung liefert keine Grundlage, Medikamente gegen hohe Cholesterinwerte abzusetzen oder eine bestimmte Diät als sichere Lösung zu betrachten. Sie ergänzt vielmehr die Erkenntnis, dass genetische Veranlagung und Lebensstil gemeinsam betrachtet werden sollten. Wer in der Familie häufig erhöhte Cholesterinwerte oder frühe Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat, sollte die eigenen Werte ärztlich kontrollieren lassen. Ein Bluttest kann zeigen, ob LDL-Cholesterin erhöht ist; die genetische Veranlagung allein verrät den aktuellen Wert nicht.

Für die Forschung ist nun wichtig, die Ergebnisse in anderen Bevölkerungsgruppen zu überprüfen und Menschen über längere Zeit zu beobachten. Kontrollierte Studien könnten klären, ob bestimmte Verbesserungen der Ernährungsqualität bei Menschen mit erhöhtem genetischem Risiko besonders wirksam sind und welche Lebensmittelmuster dabei eine Rolle spielen. Bis solche Daten vorliegen, ist die vorsichtige Schlussfolgerung am belastbarsten: Gene beeinflussen das Cholesterinrisiko, aber die Ernährung ist ein möglicher veränderbarer Faktor, der mit diesem Risiko zusammenspielt.

Manahil M. Bineid et al., PLOS One, Low diet quality increases the genetic risk of high blood cholesterol levels in Asian Indian adults; doi:10.1371/journal.pone.0357182

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