Axonregeneration

BPC-157 lässt durchtrennte Nerven nachwachsen und ist verboten

 Dennis Lenz

BPC-157 lässt durchtrennte Nerven nachwachsen und ist verboten
(Symbolbild). Der Ischiasnerv ist der längste periphere Nerv des menschlichen Körpers und reicht vom Becken bis in den Fuß. Nach einer vollständigen Durchtrennung wächst er nur etwa einen Millimeter pro Tag nach, wenn er überhaupt wieder Anschluss findet. Genau an dieser Schwachstelle setzten die Rattenversuche mit BPC-157 an. Die Ergebnisse sind auffällig, ihre Reichweite bleibt jedoch eng begrenzt. (Foto: © Forschung und Wissen)

Ein Peptid aus menschlichem Magensaft sorgt in sozialen Netzwerken für massives Aufsehen. In Tierversuchen ließ BPC-157 vollständig durchtrennte Nerven messbar schneller nachwachsen, verabreicht in Dosierungen von 10 µg oder 10 ng pro Kilogramm Körpergewicht. Seit dem 1. Januar 2026 steht dieselbe Substanz namentlich auf der aktuellen Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur. Zwischen den Zahlen aus dem Rattenmodell und einer Anwendung beim Menschen liegt eine Lücke, die in vielen Beiträgen schlicht verschwiegen wird.

BPC-157 ist ein synthetisch hergestelltes Pentadecapeptid, also eine kurze Kette aus 15 Aminosäuren mit der Sequenz GEPPPGKPADDAGLV und einer Molekülmasse von etwa 1419 Dalton. Abgeleitet wurde es aus einem größeren Protein, das Forscher der Universität Zagreb in den 1990er Jahren im menschlichen Magensaft beschrieben haben. Der Name steht für Body Protection Compound und beschreibt die Grundidee dahinter: eine körpernahe Substanz, die Gewebe vor Schäden schützt und Reparaturvorgänge beschleunigt. In Zellkulturen und Tiermodellen greift das Molekül an mehreren Stellschrauben gleichzeitig an. Es aktiviert den Rezeptor VEGFR2, stimuliert die Bildung von Stickstoffmonoxid über die Akt-eNOS-Achse und fördert dadurch die Angiogenese, also das Einsprossen neuer Blutgefäße. Genau das macht es für Strukturen interessant, die schlecht durchblutet sind und deshalb sehr langsam heilen, etwa Sehnen, Bänder und Nervenhüllen. Ein Peptid gilt in der Wirkstoffforschung generell als attraktiver Kandidat, weil es präzise an Rezeptoren bindet, und Beispiele wie ein Schmerzmittel aus einem Peptid der Sonnenblume zeigen, wie schnell aus einem Naturstoff ein ernsthafter Wirkstoffkandidat werden kann.

Der Ischiasnerv der Ratte ist in der Neurochirurgie ein etabliertes Modell, weil er dick, gut zugänglich und funktionell klar messbar ist. Wird ein peripherer Nerv vollständig durchtrennt, zerfällt der Abschnitt unterhalb der Verletzung in einem geordneten Prozess, der als Wallersche Degeneration bezeichnet wird. Erst danach können Axone aus dem verbliebenen Stumpf wieder auswachsen, und zwar mit einer Geschwindigkeit von ungefähr einem Millimeter pro Tag. Ob dieser Auswuchs sein Ziel erreicht, hängt von der Durchblutung, der Ausrichtung der Leitstrukturen und dem Zustand der Schwann-Zellen ab. Wissenschaftler prüfen den Erfolg deshalb nicht allein unter dem Mikroskop, sondern über Elektromyografie und über den Sciatic Functional Index, der das Gangbild anhand von Pfotenabdrücken quantifiziert. Wie schwierig eine echte Nervenregeneration bleibt, zeigt auch die Forschung an Systemen, die die Regeneration verletzter Rückenmarksnerven mit Zellträgern und Magnetfeldern anstoßen sollen.

Was der Rattenversuch mit dem durchtrennten Ischiasnerv wirklich zeigt

Die zentrale Arbeit stammt von Miroslav Gjurasin und Kollegen der Universität Zagreb und erschien 2010 im Fachjournal Regulatory Peptides. Das Team durchtrennte den Ischiasnerv von Ratten vollständig und behandelte die Tiere kurz nach der Verletzung mit BPC-157, entweder intraperitoneal, intragastral oder lokal an der Nahtstelle. In einer zweiten Versuchsreihe entfernten die Wissenschaftler ein 7 mm langes Nervensegment und füllten stattdessen ein Röhrchen mit der Substanz. Wie die Autoren in ihrer Arbeit zur Peptidtherapie bei traumatischer Nervenverletzung berichten, zeigten die behandelten Tiere ein homogeneres Regenerationsmuster, eine höhere Dichte und Größe der regenerierenden Fasern sowie bessere Werte in Elektromyografie und Gangbild. Auch die Autotomie, ein Selbstverstümmelungsverhalten nach Nervenschäden, ging zurück. Beobachtet wurde das über ein bis zwei Monate. Der Tierversuch belegt damit eine beschleunigte Axonregeneration, nicht die Heilung eines menschlichen Nervs.

Warum die Zahlen aus dem Tiermodell nicht auf Patienten übertragbar sind

Die präklinische Datenlage zu BPC-157 ist breit, die klinische dagegen praktisch nicht vorhanden. Ein im August 2025 veröffentlichter Übersichtsartikel zu BPC-157 in der muskuloskelettalen Medizin fasst den Stand zusammen und kommt zu einem nüchternen Ergebnis: Es existieren lediglich drei publizierte Studien am Menschen, darunter eine offene Untersuchung zu Kniegelenksbeschwerden, eine Pilotstudie zur interstitiellen Zystitis und eine kleine Sicherheits- und Pharmakokinetikstudie mit intravenöser Gabe. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden dabei nicht berichtet, belastbare randomisierte Studien fehlen jedoch vollständig. Die Autoren stufen die Substanz deshalb ausdrücklich als experimentell ein. Hinzu kommt ein theoretisches Risiko, weil eine gesteigerte Angiogenese bei bestehenden Tumoren unerwünscht sein kann. Diesen Abstand zwischen spektakulärem Laborbefund und gesicherter Therapie zeigt auch die Debatte um Melittin aus Bienengift gegen Brustkrebszellen sehr deutlich.

Was die Aufnahme in die Verbotsliste 2026 für Sportler bedeutet

Seit 2022 führt die Welt-Anti-Doping-Agentur BPC-157 namentlich in ihrem Regelwerk, und die Einstufung gilt unverändert weiter. In der seit dem 1. Januar 2026 gültigen Fassung nennt die deutsche Fassung der Verbotsliste 2026 die Substanz in der Klasse S0 und stellt sie damit auf eine Stufe mit 2,4-Dinitrophenol und Troponin-Aktivatoren. Diese Klasse erfasst pharmakologisch wirksame Stoffe, die von keiner staatlichen Gesundheitsbehörde für die therapeutische Anwendung am Menschen zugelassen sind. Das Verbot gilt jederzeit, innerhalb wie außerhalb des Wettkampfs, und eine medizinische Ausnahmegenehmigung ist ausgeschlossen. Anti-Doping-Labore können das Peptid und seine Abbauprodukte massenspektrometrisch nachweisen. Für Leser in Deutschland ist vor allem eines relevant: Weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel besitzt BPC-157 eine Zulassung, und Präparate aus dem Onlinehandel unterliegen keiner pharmazeutischen Qualitätskontrolle.

Regulatory Peptides, Peptide therapy with pentadecapeptide BPC 157 in traumatic nerve injury; doi:10.1016/j.regpep.2009.11.005
Current Reviews in Musculoskeletal Medicine, Regeneration or Risk? A Narrative Review of BPC-157 for Musculoskeletal Healing; doi:10.1007/s12178-025-09990-7

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