Seltener Tumor

Blinddarmkrebs: Viele Patienten könnten auf Chemotherapie verzichten

 Dennis Lenz

Blinddarmkrebs: Viele Patienten könnten auf Chemotherapie verzichten
(Symbolbild) Nach der Entfernung eines örtlich begrenzten Blinddarmkrebses erhalten viele Patienten vorsorglich eine Chemotherapie. Eine große Studie stellt diesen Ansatz nun infrage. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Blinddarmkrebs ist selten und wird oft zufällig entdeckt, etwa bei einer Operation wegen einer vermeintlich gewöhnlichen Blinddarmentzündung. Nach der Entfernung des Tumors erhalten viele Patienten vorsorglich eine Chemotherapie, wie sie bei Darmkrebs üblich ist. Eine Auswertung des MD Anderson Cancer Center in Houston zeigt nun, dass die Mehrheit der Patienten mit örtlich begrenzter Erkrankung darauf möglicherweise verzichten kann. Selbst bei Risikopatienten brachte die Chemotherapie keinen erkennbaren Vorteil.

Der Wurmfortsatz, im Alltag meist Blinddarm genannt, ist ein kleines Anhängsel des Dickdarms. Tumore in diesem Organ gehören zu den seltenen Krebsarten und bleiben lange unbemerkt, weil sie kaum typische Beschwerden verursachen. Häufig werden sie erst entdeckt, wenn der Wurmfortsatz wegen einer Entzündung entfernt und das Gewebe anschließend unter dem Mikroskop untersucht wird. Eine besondere Form ist das Adenokarzinom des Wurmfortsatzes, ein bösartiger Tumor, der von den Drüsenzellen der Schleimhaut ausgeht. Weil die Erkrankung so selten ist, fehlen große Studien zu ihrer Behandlung. Ärzte orientieren sich deshalb oft an den Empfehlungen für Dickdarmkrebs, bei dem nach der Operation in bestimmten Stadien eine Chemotherapie das Rückfallrisiko nachweislich senkt. Ob diese Übertragung gerechtfertigt ist, war bislang ungeklärt. Genau diese Frage untersuchte ein Team um den Onkologen John Paul Shen und den Mediziner Sacha El Khoury vom MD Anderson Cancer Center der University of Texas.

Die Forscher werteten die Krankheitsverläufe von 439 Patienten aus, die zwischen 2000 und 2024 am MD Anderson Cancer Center wegen eines Blinddarmkrebses in den Stadien 1 bis 3 behandelt worden waren. In diesen Stadien ist der Tumor noch nicht in entfernte Organe gestreut. Bei 202 dieser Patienten, die operiert worden waren, untersuchten die Forscher im Detail, ob und wann der Krebs zurückkehrte und welchen Einfluss eine anschließende Chemotherapie hatte. Nach Angaben der Klinik handelt es sich um die bislang größte Untersuchung zum örtlich begrenzten Blinddarmkrebs. Die Ergebnisse erschienen bereits Anfang September in der Fachzeitschrift JAMA Surgery. Am 25. September stellte das MD Anderson Cancer Center die Studie in seiner Übersicht aktueller Forschungsergebnisse erneut heraus. Sie könnte die Behandlung einer Patientengruppe verändern, die bislang mangels eigener Daten häufig wie Darmkrebspatienten behandelt wurde, obwohl sich die beiden Erkrankungen biologisch offenbar deutlich unterscheiden.

Wie selten kehrt Blinddarmkrebs nach der Operation zurück?

Das wichtigste Ergebnis betrifft das Rückfallrisiko. Bei weniger als 10 Prozent der Patienten kehrte der Krebs nach der Operation zurück. Für die große Mehrheit war die Entfernung des Tumors also bereits die entscheidende Behandlung. Noch bemerkenswerter ist der zweite Befund: Eine Chemotherapie im Anschluss an die Operation, in der Fachsprache adjuvante Chemotherapie genannt, war weder mit einem längeren Überleben noch mit einem geringeren Rückfallrisiko verbunden. Das galt ausdrücklich auch für Patienten, die nach bisherigen Kriterien als Hochrisikopatienten eingestuft worden waren. Eine Chemotherapie bringt erhebliche Belastungen mit sich, darunter Übelkeit, Erschöpfung, Nervenschäden und ein erhöhtes Infektionsrisiko. Wenn sie keinen Nutzen hat, bedeutet jede unnötige Behandlung vermeidbare Nebenwirkungen und Kosten. Die Mitteilung des MD Anderson Cancer Center fasst die Befunde als Hinweis zusammen, dass viele Betroffene nach der Operation keine weitere Behandlung benötigen.

Blinddarmkrebs ist biologisch kein Darmkrebs

Nach Ansicht von John Paul Shen hat eine überholte Vorstellung die Behandlung jahrelang geprägt: die Annahme, Blinddarmkrebs verhalte sich ähnlich wie Dickdarmkrebs. Die neuen Ergebnisse zeigen aus seiner Sicht, dass der Tumor eine eigene Biologie besitzt und dass das Rückfallrisiko bei örtlich begrenzter Erkrankung für die meisten Patienten gering ist. Dass der Wurmfortsatz anatomisch zum Dickdarm gehört, bedeutet also nicht, dass sich seine Tumore gleich verhalten. Die Forscher fanden zudem bestimmte Merkmale des Tumorgewebes und genetische Veränderungen im Erbgut der Krebszellen, die helfen könnten, jene Minderheit von Patienten zu erkennen, bei denen der Krebs mit höherer Wahrscheinlichkeit zurückkehrt. Für diese Patienten könnte eine engmaschigere Nachsorge sinnvoll sein. Allen anderen würde eine belastende Behandlung erspart. Nach Shens Einschätzung hilft das Verständnis der individuellen Tumoreigenschaften, beides zu erreichen: gefährdete Patienten genauer zu überwachen und anderen unnötige Therapien zu ersparen.

Welche Grenzen die Studie hat

Die Aussagekraft der Arbeit ist durch ihr Studiendesign begrenzt. Es handelt sich um eine rückblickende Auswertung von Patientenakten aus einer einzigen, hoch spezialisierten Krebsklinik über einen Zeitraum von fast 25 Jahren. In dieser Zeit haben sich Diagnostik und Behandlung verändert. Zudem wurden die Patienten nicht zufällig einer Chemotherapie oder einer reinen Nachbeobachtung zugeteilt. Ärzte könnten Patienten mit ungünstigeren Befunden häufiger eine Chemotherapie gegeben haben, was einen Vergleich erschwert. Die Forscher berücksichtigten zwar Risikofaktoren, doch verborgene Unterschiede lassen sich in solchen Studien nie ganz ausschließen. Da nur 202 Patienten im Detail auf Rückfälle untersucht wurden, ist die Zahl der Rückfälle klein, was statistische Aussagen zu einzelnen Untergruppen erschwert. Eine randomisierte Studie wäre der sicherste Weg zu einer klaren Empfehlung, ist bei einer so seltenen Erkrankung aber schwer umzusetzen. Die vollständige Analyse ist in der Originalstudie in JAMA Surgery nachzulesen.

Was Patienten mit Blinddarmkrebs jetzt wissen sollten

Für Betroffene bedeutet die Studie nicht, dass eine Chemotherapie grundsätzlich überflüssig ist. Sie betrifft ausschließlich örtlich begrenzte Tumore, die vollständig entfernt wurden. Bei fortgeschrittenen Formen, etwa wenn sich Tumorzellen im Bauchraum ausgebreitet haben, gelten andere Behandlungsstrategien. Zudem unterscheiden Fachleute beim Blinddarmkrebs mehrere Tumorarten, darunter schleimbildende Formen und neuroendokrine Tumore, die sich jeweils anders verhalten. Die Entscheidung über eine Behandlung sollte deshalb immer in einem spezialisierten Zentrum und unter Berücksichtigung der individuellen Tumoreigenschaften getroffen werden. Die neue Arbeit liefert dafür eine wichtige Datengrundlage. Sie zeigt, dass das Rückfallrisiko bei den meisten Patienten gering ist, und gibt erste Hinweise darauf, woran sich ein erhöhtes Risiko erkennen lässt. Damit könnte sie dazu beitragen, dass sich die Behandlung dieser seltenen Krebsart künftig stärker an ihrer eigenen Biologie ausrichtet und weniger an Regeln, die für eine andere Erkrankung entwickelt wurden.

JAMA Surgery, Risk of Relapse and Efficacy of Adjuvant Chemotherapy in Localized Appendiceal Adenocarcinoma; doi:10.1001/jamasurg.2026.4000

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