Robert Klatt
Ein Retinoblastom lässt sich bisher nur mit Methoden behandeln, die auch das gesunde Gewebe des Auges schädigen. Nun wurden Augentropfen auf Basis von Exosomen entwickelt, die Wirkstoffe durch die Hornhaut und die Bindehaut direkt zu den Krebszellen transportieren können.
Shenyang (China). Ein Retinoblastom ist eine sehr seltene Augenkrebsart, die in der Netzhaut (Retina) auftritt, also dem Bereich des Organs, der das Licht wahrnimmt und damit entscheidend für das Sehen ist. Bei einem Retinoblastom vermehren sich die unreifen Zellen der Netzhaut unkontrolliert, so dass sich ein Tumor im Auge bildet. Wenn ein Retinoblastom früh erkannt wird, sind die Heilungschancen hoch und der Sehsinn kann oft zumindest teilweise erhalten werden. Ein unbehandeltes Retinoblastom kann sich hingegen auf andere Körperteile ausbreiten und tödlich enden.
Die Medizin behandelt ein Retinoblastom, das überwiegend bei Kindern auftritt, bisher mit Injektionen direkt ins Auge, Chemotherapie, Bestrahlung oder Lasertherapie. Diese Methoden haben jedoch einen großen Nachteil, weil sie auch gesundes Gewebe im Auge schädigen können.
Forscher der Shenyang Pharmaceutical University (SPU) haben deshalb neue Augentropfen entwickelt, die auf einem Bestandteil von Schweinespermien bestehen. Der neue Behandlungsansatz basiert auf Exosomen aus den Spermien der Tiere. Es handelt sich dabei um winzige, bläschenartige Strukturen, die als Botenstoffe Informationen wie Proteine und RNA zwischen den Zellen übertragen. Experimente zeigen, dass diese „Transportmittel“ Wirkstoffe über die Hornhaut und die Bindehaut bis in den hinteren Augenabschnitt befördern können.
Um die Wirksamkeit der Augentropfen zu untersuchen, haben die Wissenschaftler die Exosomen mit einem Krebsmedikament aus Mangandioxid und Glukoseoxidase beladen. Anschließend haben sie die Augentropfen an Mäusen mit Retinoblastom erprobt.
In dem Experiment konnten die Exosomen tief in das Auge der Tiere eindringen und die dortigen Krebszellen erreichen und in sie eindringen. Die dort freigesetzten Wirkstoffe haben dazu geführt, dass sich die Krebszellen selbst zerstören.
Mäuse, die mit den Augentropfen behandelt wurden, haben ihr Sehvermögen behalten und das Tumorwachstum stoppte. Bei Mäusen, die hingegen nur das Medikament ohne Exosomen erhalten hatten, setzte sich das Tumorwachstum weiter fort, weil die Wirkstoffe nicht die natürlichen Schutzbarrieren des Auges überwunden hatten und somit nicht in die Krebszellen eindringen konnten.
Laut den Wissenschaftlern soll nun untersucht werden, ob es bei einer längeren Behandlung zu Nebenwirkungen kommt. Außerdem möchten sie untersuchen, ob eine industrielle Produktion der Augentropfen möglich ist. Es dauert also noch lange, bis klinische Studien mit Menschen erfolgen können.
Unabhängig davon sind die Forscher der Ansicht, dass ihre Entdeckung großes Potenzial hat und auch für den Transport von Wirkstoffen in anderen Bereichen eingesetzt werden könnte, etwa über Schleimhäute oder die Blut-Hirn-Schranke.
Quellen:
Studie im Fachmagazin Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.adw7275