Ozempic und das Herz

Absetzen der Abnehmspritze erhöht Herzinfarktrisiko um 22 Prozent

 Dennis Lenz

Absetzen der Abnehmspritze erhöht Herzinfarktrisiko um 22 Prozent
(Symbolbild) GLP-1-Mittel wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro schützen neben Blutzucker und Gewicht auch das Herz. Eine Studie mit mehr als 333.000 US-Veteranen mit Typ-2-Diabetes zeigt jedoch, dass dieser Schutz nach dem Absetzen rasch verschwindet. Wer die Mittel zwei Jahre lang nicht mehr nahm, hatte ein um 22 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod als Patienten, die die Behandlung fortsetzten. Etwa die Hälfte der Nutzer beendet die Therapie kurz nach dem Beginn. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Abnehmspritzen wie Ozempic senken nicht nur Gewicht und Blutzucker, sie schützen auch das Herz. Eine große Studie zeigt nun, wie schnell dieser Schutz verloren geht, wenn Patienten die Mittel absetzen. Nach zwei Jahren ohne Behandlung lag das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod um 22 Prozent höher als bei Menschen, die die Therapie fortsetzten. Schon eine Pause von sechs Monaten hinterließ Spuren.

GLP-1-Rezeptoragonisten gehören zu den erfolgreichsten Medikamenten der vergangenen Jahre. Zu ihnen zählen die Wirkstoffe Semaglutid, enthalten in Ozempic und Wegovy, sowie Tirzepatid, enthalten in Mounjaro und Zepbound. Ursprünglich wurden sie zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt, inzwischen werden sie millionenfach auch zum Abnehmen eingesetzt. In den USA nimmt nach Angaben der Forscher etwa jeder achte Erwachsene ein solches Mittel. Neben der Gewichtsabnahme senken die Wirkstoffe Blutdruck, Cholesterin, Insulinresistenz und Entzündungen und schützen dadurch das Herz-Kreislauf-System. Viele Patienten nehmen die Mittel jedoch nicht dauerhaft. Der Epidemiologe Ziyad Al-Aly von der Washington University School of Medicine in St. Louis beobachtete, dass etwa die Hälfte der Nutzer die Behandlung kurz nach dem Beginn wieder beendet, häufig wegen der Kosten, wegen Nebenwirkungen oder wegen Lieferengpässen. Er wollte wissen, welche Folgen das Absetzen für das Herz hat.

Dass Patienten nach dem Absetzen wieder zunehmen, ist gut belegt. Weniger klar war bislang, ob auch der Schutz für Herz und Gefäße verloren geht und wie schnell das geschieht. Die Frage ist für die öffentliche Debatte über Abnehmspritzen zentral. Kritiker bemängeln, dass die Mittel womöglich ein Leben lang genommen werden müssen, um ihre Wirkung zu behalten, was hohe Kosten für Patienten und Gesundheitssysteme bedeutet. Befürworter verweisen auf den großen Nutzen für Menschen mit Diabetes und Übergewicht. Die neue Studie liefert beiden Seiten Argumente. Sie zeigt, wie stark die Mittel das Herz schützen, solange sie genommen werden, und wie rasch dieser Schutz nach dem Absetzen schwindet. Wichtig für die Einordnung ist die untersuchte Gruppe: Es handelt sich um Menschen mit Typ-2-Diabetes, nicht um Patienten, die die Spritzen ausschließlich zum Abnehmen nutzen.

Wie die Abnehmspritze das Herz schützt

Die Forscher werteten Gesundheitsdaten von mehr als 333.000 US-Veteranen mit Typ-2-Diabetes aus und verfolgten sie drei Jahre lang. Etwa ein Drittel erhielt GLP-1-Mittel, die übrigen zwei Drittel Sulfonylharnstoffe, eine ältere Klasse von Diabetesmedikamenten. Alle sechs Monate prüften die Forscher, ob die Patienten ihre GLP-1-Behandlung fortsetzten, unterbrachen oder beendeten. Im Studienzeitraum brachen 26 Prozent der Nutzer die Behandlung ab, etwa 23 Prozent unterbrachen sie für mindestens sechs Monate und nahmen sie dann wieder auf. Wer die Mittel die gesamten drei Jahre ununterbrochen nahm, profitierte am stärksten: Sein Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse lag um 18 Prozent niedriger als bei Patienten mit Sulfonylharnstoffen. Das entspricht etwa vier verhinderten Ereignissen pro 100 Patienten in drei Jahren. Die Ergebnisse erschienen am 18. März 2026 in der Studie der WashU Medicine zum Absetzen von GLP-1-Mitteln in der Fachzeitschrift BMJ Medicine.

Wie schnell der Herzschutz nach dem Absetzen verschwindet

Deutlich wurde der Verlust des Schutzes bei den Patienten, die die Behandlung unterbrachen oder beendeten. Schon eine Pause von sechs Monaten, nach der die Patienten die Mittel wieder aufnahmen, verringerte den Nutzen spürbar und führte zu einem um 4 bis 8 Prozent höheren Risiko im Vergleich zur durchgehenden Behandlung. Wer die Mittel ein Jahr lang absetzte, hatte ein um 14 Prozent höheres Risiko. Nach zwei Jahren ohne Behandlung stieg es auf 22 Prozent. Patienten, die die Therapie vor Ablauf von 18 Monaten beendeten, zeigten am Ende des Beobachtungszeitraums keine nennenswerte Senkung ihres Herz-Kreislauf-Risikos mehr. Nach den Worten von Al-Aly kehrt nach dem Absetzen nicht nur das Gewicht zurück. Auch Entzündungen, Blutdruck und Cholesterin steigen wieder an. Der Forscher spricht von einer Asymmetrie: Der Nutzen baut sich über lange Zeit auf, verschwindet aber vergleichsweise schnell. Die Mittel wirken demnach nicht wie eine Kur, deren Effekt anhält, sondern nur so lange, wie sie genommen werden.

Was der Befund für die Debatte über Abnehmspritzen bedeutet

Die Ergebnisse verschärfen eine ohnehin kontroverse Frage. Wenn der Schutz nur bei dauerhafter Einnahme bestehen bleibt, müssten viele Patienten die Mittel über Jahre oder Jahrzehnte nehmen. Das hat Folgen für die Kosten, denn die Präparate sind teuer, und für die Krankenkassen, die entscheiden müssen, für wen sie die Behandlung übernehmen. Zugleich macht die Studie deutlich, dass die Mittel weit mehr leisten als eine Gewichtsabnahme. Nach Ansicht von Al-Aly unterstreichen die Ergebnisse, wie wichtig es ist, die Hürden für eine dauerhafte Behandlung zu senken, etwa durch bezahlbare Preise und eine gesicherte Versorgung. Kritiker sehen in denselben Daten eher ein Warnsignal: Eine Therapie, die ihre Wirkung beim Absetzen rasch verliert, schafft eine langfristige Abhängigkeit von einem Medikament. Für Patienten ergibt sich daraus vor allem ein praktischer Rat, der in der Studie angelegt ist: Wer die Behandlung beenden möchte, sollte das mit dem behandelnden Arzt besprechen, statt die Mittel eigenmächtig abzusetzen.

Wo die Grenzen der Studie liegen

Die Untersuchung beruht auf Beobachtungsdaten und nicht auf einem Experiment, bei dem Patienten zufällig dem Absetzen oder der Fortsetzung zugeteilt wurden. Die Forscher nutzten zwar ein statistisches Verfahren, das eine solche Studie nachahmen soll, eine sogenannte Target-Trial-Emulation. Dennoch lässt sich nicht ausschließen, dass Patienten, die die Mittel absetzen, sich in anderen Punkten von denen unterscheiden, die sie weiter nehmen. Die untersuchte Gruppe bestand zudem aus US-Veteranen mit Typ-2-Diabetes, überwiegend Männern. Ob die Ergebnisse auf Frauen, auf jüngere Menschen oder auf Nutzer ohne Diabetes übertragbar sind, die die Mittel nur zum Abnehmen nehmen, ist offen. Auch nannten die Forscher relative Risikoveränderungen, die absoluten Unterschiede fallen kleiner aus. Die Studie liefert dennoch einen der bislang deutlichsten Hinweise darauf, dass der Herzschutz der GLP-1-Mittel an die fortlaufende Einnahme gebunden ist. Weitere Studien sollen klären, wie sich ein Absetzen bei anderen Patientengruppen auswirkt.

BMJ Medicine, GLP-1RA discontinuation and risks of major adverse cardiovascular events in adults with type 2 diabetes: A target emulation trial; doi:10.1136/bmjmed-2025-002150

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