Gene und Glatze

Abnehmspritzen könnten bei Männern Haarausfall fördern

 Dennis Lenz

Abnehmspritzen könnten bei Männern Haarausfall fördern
(Symbolbild) Menschen, die GLP-1-Mittel wie Ozempic oder Wegovy nehmen, berichten häufig über dünner werdendes Haar. Eine genetische Studie der NYU Langone Health legt nahe, dass die Mittel bei Männern mit Veranlagung zur Glatzenbildung das Risiko für erblichen Haarausfall zusätzlich erhöhen könnten. Pro Standardabweichung höherer Rezeptoraktivität stieg das Risiko um etwa 7 Prozent. Die Forscher haben dabei keine Patienten beobachtet, die die Mittel tatsächlich einnahmen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Dünner werdendes Haar gehört zu den häufig berichteten Begleiterscheinungen von Abnehmspritzen wie Ozempic und Wegovy. Bisher galt vor allem der rasche Gewichtsverlust als Ursache. Eine genetische Studie legt nun nahe, dass die Mittel bei Männern mit entsprechender Veranlagung auch den erblichen Haarausfall fördern könnten. Der errechnete Effekt ist allerdings deutlich kleiner, als manche Schlagzeile vermuten lässt.

Viele Nutzer von GLP-1-Mitteln berichten, dass ihnen während der Behandlung mehr Haare ausfallen. Mediziner erklären das meist mit einem sogenannten telogenen Effluvium. Dabei handelt es sich um einen vorübergehenden, diffusen Haarausfall, der durch körperlichen Stress ausgelöst wird, etwa durch eine rasche Gewichtsabnahme. Der Körper schickt dann viele Haarwurzeln gleichzeitig in eine Ruhephase, und einige Monate später fallen die Haare vermehrt aus. In der Regel wächst das Haar anschließend wieder nach. Doch es gibt eine zweite, deutlich häufigere Form von Haarausfall: die androgenetische Alopezie, der erbliche Haarausfall. Er folgt einem typischen Muster mit Geheimratsecken und lichter werdendem Haar am Oberkopf. In den USA betrifft er nach Schätzungen etwa die Hälfte der weißen Männer über 50 und fast ebenso viele weiße Frauen dieses Alters, vor allem nach den Wechseljahren. Ob GLP-1-Mittel auch mit dieser Form des Haarausfalls zusammenhängen, war bislang unklar.

Die Frage ist relevant, weil die Zahl der Nutzer rasant wächst. Seit der Zulassung von Ozempic durch die US-Arzneimittelbehörde FDA hat sich die Zahl der Verschreibungen mehr als verdreifacht. Nach Umfragen hat etwa jeder achte Amerikaner schon einmal ein GLP-1-Mittel ausschließlich zum Abnehmen genommen, darunter ein Fünftel der Frauen zwischen 50 und 64 Jahren. Ein Team um die Epidemiologin Lynn Petukhova von der NYU Langone Health in New York ging der Frage nun mit einem genetischen Ansatz nach. Statt Patienten zu beobachten, die die Mittel einnehmen, nutzten die Forscher natürliche Unterschiede im Erbgut als Ersatzgröße. Manche Menschen tragen Genvarianten, durch die ihre Zellen etwas mehr GLP-1-Rezeptoren bilden, also genau jene Andockstellen, an denen die Medikamente wirken. Auf diese Weise lässt sich abschätzen, was eine dauerhaft stärkere Aktivierung dieses Signalwegs für den Haarwuchs bedeuten könnte. Veröffentlicht wurde die Arbeit am 3. September 2026 im Journal of Investigative Dermatology.

Wie die Forscher Haarausfall und Abnehmspritzen verknüpften

Die Forscher nutzten ein Verfahren namens Mendelsche Randomisierung. Dabei werden Genvarianten, die zufällig bei der Zeugung verteilt werden, wie eine natürliche Versuchsanordnung behandelt. Weil die Gene vor jeder Lebensentscheidung feststehen, lassen sich mit dieser Methode Hinweise auf ursächliche Zusammenhänge gewinnen, die in Beobachtungsstudien sonst durch andere Faktoren verzerrt würden. Das Team verglich genetische Muster, die mit einer höheren Aktivität des Gens GLP1R verbunden sind, mit Genen, die bei Männern mit erblichem Haarausfall gehäuft auftreten. Da der erbliche Haarausfall bei Männern weit besser untersucht ist als bei Frauen, konnten die Forscher einen ursächlichen Zusammenhang nur für Männer prüfen. Das Ergebnis: Mit jeder Standardabweichung höherer vorhergesagter Rezeptorkonzentration stieg die Wahrscheinlichkeit für erblichen Haarausfall um etwa 7 Prozent. Die Studie erschien als Arbeit zur Rolle des GLP-1-Rezeptors beim erblichen Haarausfall im Journal of Investigative Dermatology.

Warum der Befund für die Forschung wichtig ist

Nach den Worten von Petukhova liefert die Studie den ersten genetischen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen GLP-1 und erblichem Haarausfall, der lange vermutet, aber bislang wissenschaftlich nicht belegt war. Die Forscher fanden zudem Hinweise darauf, dass Männer mit erblichem Haarausfall von Natur aus mehr GLP-1-Rezeptoren bilden. Das spricht dafür, dass dieser Signalweg an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sein könnte. Für Nutzer der Medikamente ergibt sich daraus eine neue Sichtweise auf den Haarausfall während der Behandlung. Neben dem Stress durch den Gewichtsverlust könnte bei manchen Männern die Wirkung der Mittel selbst eine Rolle spielen, indem sie eine vorhandene Veranlagung verstärkt. Nach Ansicht von Petukhova könnten Männer und womöglich auch Frauen künftig vor der Verschreibung von GLP-1-Mitteln auf ihr Risiko für Haarausfall untersucht werden, sofern weitere Experimente die Befunde bestätigen. Das würde es ermöglichen, betroffene Patienten gezielt zu beraten oder frühzeitig zu behandeln.

Warum Männer nicht in Panik geraten sollten

So bemerkenswert der Befund ist, er hat klare Grenzen. Die Studie zeigt nicht direkt, dass die Einnahme eines GLP-1-Mittels Haarausfall verursacht. Die Forscher haben niemanden begleitet, der die Medikamente tatsächlich nahm, sondern genetische Unterschiede als Ersatzgröße genutzt. Ob die Wirkung eines Medikaments der einer lebenslang leicht erhöhten Rezeptorzahl entspricht, ist nicht gesichert. Zudem ist ein zusätzliches Risiko von 7 Prozent nach Einschätzung des britischen Arztes El Muntasar, der nicht an der Studie beteiligt war, vergleichsweise moderat. Männer sollten deshalb weder in Panik geraten noch ihre Behandlung wegen dieser Ergebnisse eigenmächtig beenden. Wer während der Behandlung starken Haarausfall bemerkt, sollte das mit seinem Arzt besprechen, der zwischen vorübergehendem und erblichem Haarausfall unterscheiden kann. Weitere Studien sollen nun prüfen, ob Menschen, die GLP-1-Mittel tatsächlich einnehmen, häufiger erblichen Haarausfall entwickeln, und ob Frauen ähnlich betroffen sind.

Journal of Investigative Dermatology, A causal effect of increased GLP1R expression on male-pattern hair loss is suggested by 2-sample Mendelian randomization; doi:10.1016/j.jid.2026.07.024

Spannend & Interessant
VGWortpixel