Kinder und Jugendliche, die heute eine ADHS- oder Autismus-Diagnose erhalten, ähneln der Allgemeinbevölkerung deutlich stärker als jene, die vor zehn Jahren dieselbe Diagnose bekamen. Das zeigt eine Auswertung von 2,1 Millionen Kindern und Jugendlichen in Dänemark. Bekannte Risikomerkmale wie ein niedriges Geburtsgewicht sagen eine spätere Diagnose heute weit schwächer voraus als noch 2012. Die Forscher schließen daraus, dass der starke Anstieg der Diagnosen zum Teil damit zusammenhängt, wer überhaupt erkannt und diagnostiziert wird.
Die Zahl der ADHS- und Autismus-Diagnosen steigt seit Jahren in fast allen wohlhabenden Ländern, und kaum ein Thema aus der Kinderpsychiatrie wird so emotional diskutiert. In Dänemark erhielten 2013 rund 1,3 Prozent der unter 18-Jährigen eine ADHS-Diagnose, binnen zehn Jahren stieg der Anteil auf 2,4 Prozent; bei Autismus verdoppelte er sich im selben Zeitraum von 0,9 auf 2 Prozent. In Deutschland berichteten Eltern in der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts bei 4,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen von einer ärztlich gestellten ADHS-Diagnose. Ob hinter solchen Zahlen tatsächlich mehr betroffene Kinder stehen, ob Ärzte und Schulen heute genauer hinsehen oder ob zu leichtfertig diagnostiziert wird, ist umstritten. Ein Forscherteam des Barcelona Institute for Global Health und der Universität Aarhus hat die Frage nun von einer anderen Seite angepackt, wie aus einer Mitteilung zur Studie im Fachblatt JAMA Psychiatry hervorgeht, und untersucht, ob sich die Gruppe der diagnostizierten Kinder selbst verändert hat.
Für ihre Analyse nutzten die Forscher die dänischen Bevölkerungsregister, in denen Geburtsdaten, Diagnosen, Bildung und Einkommen der Eltern sowie Arztkontakte für alle Einwohner erfasst sind. Daraus verglichen sie mehr als 71.000 Kinder und Jugendliche, die zwischen 2012 und 2022 eine ADHS- oder Autismus-Diagnose erhielten, mit mehr als 713.000 Gleichaltrigen ohne eine solche Diagnose. Insgesamt flossen Daten von über 2,1 Millionen jungen Menschen in die Auswertung ein. Die Leitfrage lautete nicht, warum die Diagnosen zunehmen, sondern ob die diagnostizierten Kinder von heute noch dieselben Merkmale tragen wie die von vor zehn Jahren. Aus früheren Studien ist bekannt, dass bestimmte Lebensumstände eine spätere Diagnose wahrscheinlicher machen. Wenn diese Merkmale bei den neu Diagnostizierten seltener werden, spricht das dafür, dass sich der Kreis der Kinder, die eine Diagnose erhalten, erweitert hat und heute Gruppen einschließt, die früher kaum auffielen.
Zu den Merkmalen, die in der Vergangenheit häufiger bei Kindern mit ADHS oder Autismus auftraten als in der Allgemeinbevölkerung, zählen eine Frühgeburt, ein niedriges Geburtsgewicht, Eltern mit geringerer Bildung oder niedrigem Haushaltseinkommen, psychische Erkrankungen bei einem Elternteil und eine überdurchschnittliche Zahl von Arztbesuchen in den Jahren vor der Diagnose. Keines dieser Merkmale verursacht die Störungen für sich genommen, sie erhöhen aber statistisch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind später eine Diagnose erhält. Genau diese Verknüpfungen prüften die Forscher Jahr für Jahr zwischen 2012 und 2022. Das Ergebnis: Kinder mit ADHS- oder Autismus-Diagnose wiesen die genannten Merkmale zwar weiterhin häufiger auf als ihre Altersgenossen. Der Abstand zur Allgemeinbevölkerung schrumpfte im Verlauf des Jahrzehnts jedoch stetig, und zwar bei nahezu allen untersuchten Merkmalen gleichzeitig. Die Gruppe der Diagnostizierten wurde damit Jahr für Jahr durchschnittlicher.
Am deutlichsten wird der Wandel beim Geburtsgewicht. Zu Beginn des Untersuchungszeitraums hatten Kinder, die mit niedrigem Geburtsgewicht zur Welt kamen, eine um 54 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, später eine ADHS- oder Autismus-Diagnose zu erhalten, als Kinder mit normalem Geburtsgewicht. Bis zum Ende des Zeitraums war dieser Unterschied auf 17 Prozent gesunken. Vergleichbare Rückgänge fanden die Forscher bei Frühgeburten und bei mehreren Maßen für soziale Benachteiligung der Familien. „Die Kernbotschaft ist nicht, dass diese Risikofaktoren nicht mehr wichtig sind“, sagt Erstautor Magnus Elias Tarp von der Universität Aarhus. Vielmehr ähnelten die in den letzten Jahren diagnostizierten Kinder der Allgemeinbevölkerung stärker als jene, die ein Jahrzehnt zuvor dieselbe Diagnose erhalten hatten. Anders gesagt: Eine Diagnose trifft heute häufiger Kinder aus Familien und Lebensumständen, in denen sie früher seltener gestellt wurde, etwa Kinder gut ausgebildeter Eltern ohne Komplikationen bei der Geburt.
Die Forscher nennen mehrere Entwicklungen, die zu dieser Verschiebung beigetragen haben könnten. Das Wissen über ADHS und Autismus ist in der Bevölkerung gewachsen, Gesundheits- und Bildungssysteme erkennen Fälle womöglich zuverlässiger, der Zugang zu diagnostischen Untersuchungen hat sich ausgeweitet, und die Schwelle, ab der Auffälligkeiten als klinisch bedeutsam gelten, kann sich verschoben haben. Wie viel jeder einzelne Faktor beiträgt, lässt sich aus den Registerdaten nicht ablesen. Die Studie zeigt aber, dass steigende Diagnosezahlen nicht automatisch bedeuten, dass ADHS oder Autismus im gleichen Maß häufiger geworden sind. Seniorautor Oleguer Plana-Ripoll betont, die Ergebnisse belegten weder eine Überdiagnose noch mildere Verläufe. Sie zeigten lediglich, dass sich die Gruppe der diagnostizierten Menschen im Lauf der Zeit verändert habe, und das müsse bei der Bewertung aktueller Trends berücksichtigt werden. Ob sich das Muster auch in anderen Ländern findet, sollen weitere Studien klären.
Der Befund passt zu einer Untersuchung der Universität Kopenhagen vom Sommer 2026, die dieselbe Frage mit genetischen Daten angegangen war. Dort hatten Forscher das Erbgut von mehr als 37.000 Menschen analysiert, die zwischen 1994 und 2016 in Dänemark eine ADHS- oder Autismus-Diagnose erhielten. Je später die Diagnose gestellt wurde, desto niedriger fiel im Schnitt die genetische Risikolast für die jeweilige Störung aus, wie die Universität Kopenhagen in einer Mitteilung zusammenfasste, und dieser Trend zog sich über zwei Jahrzehnte. Die Autoren erklärten den Anstieg der Diagnosen damit, dass heute mehr Menschen mit milderen, aber ähnlichen Symptomen erkannt werden. Auch sie warnten davor, daraus eine Überdiagnose abzuleiten: Diagnostizierte tragen weiterhin ein höheres genetisches Risiko als die Allgemeinbevölkerung. Um das Jahr 2000 hatte in Dänemark rund 0,1 Prozent der Bevölkerung eine ADHS-Diagnose, 2022 waren es mehr als 3 Prozent.
Dass Zählregeln und Diagnosekriterien die Statistik stark prägen, ist für Dänemark schon länger belegt. Eine Studie der Universität Aarhus aus dem Jahr 2015 verfolgte fast 678.000 Menschen der Geburtsjahrgänge 1980 bis 1991 und kam zu dem Schluss, dass rund 60 Prozent des damaligen Anstiegs der Autismus-Diagnosen auf zwei Änderungen zurückgingen: 1994 wurden die Diagnosekriterien überarbeitet, und ab 1995 nahm das psychiatrische Register auch ambulant gestellte Diagnosen auf, nicht nur solche nach einem Klinikaufenthalt. Die neue Untersuchung setzt diese Linie fort, betrachtet aber ein Jahrzehnt, in dem Dänemark durchgehend nach denselben Kriterien der Klassifikation ICD-10 diagnostizierte. Der Wandel muss also an anderer Stelle stattgefunden haben: bei Eltern, Lehrern und Ärzten, die Auffälligkeiten früher ansprechen, und bei einem Versorgungssystem, das mehr Untersuchungen ermöglicht. In Deutschland gibt es kein zentrales Diagnoseregister; Aussagen zur Häufigkeit stützen sich auf Krankenkassendaten und Befragungen wie die KiGGS-Studie.
Die deutschen Daten zeichnen ein widersprüchliches Bild. In der KiGGS-Befragung des Robert Koch-Instituts lag die von Eltern berichtete Lebenszeithäufigkeit einer ADHS-Diagnose bei 3- bis 17-Jährigen zwischen 2014 und 2017 bei 4,4 Prozent und damit rund einen Prozentpunkt niedriger als bei der ersten Erhebung 2003 bis 2006. Auswertungen von Versichertendaten meldeten dagegen zwischen 2009 und 2014 einen Anstieg der ADHS-Diagnosen bei 0- bis 17-Jährigen von 5,0 auf 6,1 Prozent und bei Erwachsenen eine Verdopplung von 0,2 auf 0,4 Prozent. Die dänische Studie liefert für solche Unterschiede einen möglichen Erklärungsrahmen: Wer gezählt wird, hängt davon ab, wer untersucht wird, und dieser Kreis verändert sich mit gesellschaftlicher Aufmerksamkeit und Versorgungsangeboten. Für Eltern bedeutet das weder, dass eine Diagnose heute weniger ernst zu nehmen wäre, noch, dass sie leichtfertig vergeben wird. Es bedeutet, dass Diagnosezahlen allein wenig darüber aussagen, wie viele Kinder tatsächlich beeinträchtigt sind.
Unabhängige Fachleute bewerten die Arbeit unterschiedlich. Steven Kapp, Psychologe an der University of Portsmouth, hält den Erkenntnisgewinn für begrenzt, weil die Studie weder die Ausprägung der Kernsymptome noch den Grad der Beeinträchtigung gemessen habe, wie er gegenüber dem britischen Science Media Centre erklärte, und zudem auf der älteren Klassifikation ICD-10 beruhe. Ein weiterer Experte lobte dagegen die robuste Methodik und die repräsentative Stichprobe und sieht die Ergebnisse als Beleg dafür, dass in reichen Ländern heute eine breitere Gruppe von Kindern klinisch erkannt wird. Die Folge wäre ein wachsender Anteil milder Fälle, während schwer betroffene Kinder in der Statistik weniger sichtbar werden. Ob das zutrifft, ließe sich nur mit Daten zur Symptomschwere prüfen, die in den Registern fehlen. Die Studienautoren selbst fordern deshalb Untersuchungen in anderen Ländern, bevor sich die dänischen Befunde verallgemeinern lassen.