Belastung im Mutterleib

109 Industriechemikalien im Blut neugeborener Babys

Robert Klatt

Babys werden bereits mit Mutterleib mit einer Vielzahl unterschiedlicher Industriechemikalien belastet.

San Francisco (U.S.A.). Ungeborene Kinder, deren Gehirn und Organe noch nicht voll entwickelt sind, werden durch die mütterliche Plazenta vor vielen Schadstoffen geschützt. Studien zeigen jedoch, dass hormonähnlich wirkende Chemikalien, die in Plastik, Schwermetallen und sogar unserer Nahrung enthalten sind, diese natürliche Schutzbarriere durchdringen können.

Ein Team der University of California in San Francisco hat deshalb untersucht, ob und wie stark neugeborene Babys mit Schadstoffen belastet sind. Das Team um Aolin Wang untersuchte dazu laut ihrer Publikation im Fachmagazin Environmental Science and Technology das Nabelschnurblut sowie das Blut von 30 Mutter-Kind-Paaren mithilfe einer speziellen Massenspektrometrie. Die dabei entdeckten chemischen Grundbausteine wurden mit einer Datenbank von rund 3.500 häufig verwendeten Industrie-Chemikalien verglichen.

109 Industriechemikalien im Nabelschnurblut nachgewiesen

Dabei konnten die Forscher 109 verschiedene Chemikalien im Blut der Babys und der Mütter nachweisen. 40 davon stammen aus Weichmachern, 29 aus Medikamenten, 28 aus Kosmetikprodukten und 25 aus typischen Haushaltsmitteln. Außerdem entdeckten die Wissenschaftler 23 Pestizide, sieben polyfluorierte Alkylverbindungen und drei Flammschutzmittel.

„Es ist alarmierend, dass wir immer wieder Chemikalien finden, die von schwangeren Frauen an ihre Kinder weitergegeben werden. Wahrscheinlich gelangen diese Chemikalien schon seit einiger Zeit ins Blut des Menschen, aber erst mit neuer Technologie können wir immer mehr von ihnen identifizieren“, erklärt Tracey Woodruff.

42 Chemikalien unbekannter Herkunft

55 der 109 erkannten Chemikalien wurden zuvor noch nie in menschlichen Blutproben nachgewiesen, darunter zehn Weichmacher, zwei perfluorierte Alkyle und ein Pestizid. Als besonders kritisch beurteilen die Wissenschaftler die perfluorierten Alkyle. Dies sind fluorhaltige organische Verbindungen, die als langlebige Umweltschadstoffe gelten und sich in den Geweben des Menschen anreichern. Laut ersten Studien sind haben perfluorierte im Körper eine karzinogene Wirkung.

42 der 109 Chemikalien konnten die Wissenschaftler hingegen nicht zuordnen. Es ist bisher nicht bekannt, in welchen Produkten diese eingesetzt werden. Die Datenlage erlaubt außerdem keine Rückschlüsse auf deren medizinische und biologische. Laut Woodruff ist „es beunruhigend, dass wir für so viele dieser Chemikalien die Quellen und Anwendungen nicht ermitteln können.“ Die Wissenschaftler verlangen daher von den Umweltbehörden strengere Richtlinien zur Dokumentation von Chemieprodukten. „Sie müssen sicherstellen, dass wir adäquate Informationen haben, um potenzielle Gesundheitsrisiken bewerten zu können“, erklärt Woodruff.

Environmental Science and Technology, doi: 10.1021/acs.est.0c05984

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