Vernachlässigung

Zahl der Kindeswohlgefährdungen erreicht neuen Höchststand

 Dennis Lenz

Zahl der Kindeswohlgefährdungen erreicht neuen Höchststand
(Symbolbild) Die Zahl der festgestellten Kindeswohlgefährdung hat in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. Die Jugendämter registrierten für das Jahr 2024 rund 72.800 betroffene Kinder und Jugendliche. Am häufigsten ging es dabei um Vernachlässigung sowie psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt. (Foto: © Forschung und Wissen)

Die Jugendämter in Deutschland haben so viele Fälle von Kindeswohlgefährdung festgestellt wie nie zuvor. Für das Jahr 2024 registrierten sie bei rund 72.800 Kindern und Jugendlichen eine akute oder latente Gefährdung. Damit stieg die Zahl das dritte Jahr in Folge und lag deutlich über dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Auch die Zahl der eingeleiteten Prüfverfahren erreichte einen Rekordwert. Welche Formen der Gefährdung im Vordergrund stehen und woher die Hinweise stammen, zeigen die amtlichen Zahlen.

Der Begriff Kindeswohlgefährdung bezeichnet Situationen, in denen das körperliche, seelische oder geistige Wohl eines Kindes erheblich bedroht ist. Die Jugendämter sind gesetzlich verpflichtet, Hinweisen nachzugehen und in einem festgelegten Verfahren einzuschätzen, ob tatsächlich eine Gefährdung vorliegt. Erfasst werden dabei Vernachlässigung sowie psychische, körperliche und sexuelle Gewalt. Für das Jahr 2024 stellten die Behörden bei rund 72.800 Minderjährigen eine Gefährdung fest. Gegenüber dem Jahr 2019, dem Jahr vor der Pandemie, bedeutet das einen Anstieg um fast ein Drittel oder rund 17.300 Fälle. Solche Zahlen sind schwer einzuordnen, weil ein Anstieg sowohl eine tatsächliche Zunahme von Gefährdungen als auch eine höhere Aufmerksamkeit und bessere Meldewege widerspiegeln kann.

Noch stärker als die festgestellten Gefährdungen stieg die Zahl der Prüfverfahren. Im Vorfeld gingen die Jugendämter im Jahr 2024 rund 239.400 Verdachtsfällen durch eine sogenannte Gefährdungseinschätzung nach. Binnen fünf Jahren nahm diese Zahl um 38 Prozent zu und erreichte damit ebenfalls einen Höchststand. In rund 78.000 weiteren Fällen stellten die Behörden zwar keine Gefährdung fest, erkannten aber einen Hilfebedarf der Familien. Das zeigt, dass die Jugendämter nicht nur akute Notlagen bearbeiten, sondern in vielen Fällen unterstützend tätig werden. Die steigende Zahl der Verfahren deutet auf eine höhere Sensibilität in Gesellschaft und Institutionen hin, bedeutet aber auch eine wachsende Arbeitsbelastung für die zuständigen Stellen.

Woher die Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung stammen

Aufschlussreich ist, wer die Jugendämter auf mögliche Gefährdungen aufmerksam macht, wie die amtliche Statistik des Statistischen Bundesamtes die Herkunft der Hinweise im Detail aufschlüsselt. Die meisten Meldungen kamen 2024 von Polizei und Justiz, die knapp ein Drittel der Hinweise ausmachten. Danach folgten Hinweise aus der Bevölkerung, also von Verwandten, Bekannten, Nachbarn oder anonym, mit rund einem Fünftel. Weitere Meldungen stammten aus der Kinder-, Jugend- und Erziehungshilfe sowie aus den Schulen. Nur in einem kleinen Teil der Fälle wandten sich die betroffenen Familien selbst an die Jugendämter. Dieses Muster verdeutlicht, wie wichtig ein aufmerksames Umfeld und funktionierende Institutionen für den Kinderschutz sind, weil viele Gefährdungen sonst unentdeckt blieben.

Was hinter dem anhaltenden Anstieg stehen könnte

Der dritte Höchststand in Folge wirft die Frage nach den Ursachen auf. Fachleute nennen mehrere Faktoren, ohne sich auf eine einzelne Erklärung festzulegen. Eine Rolle spielen soziale und wirtschaftliche Belastungen von Familien, die Nachwirkungen der Pandemie sowie eine gestiegene gesellschaftliche Aufmerksamkeit, durch die mehr Fälle überhaupt gemeldet werden. Die Kinder- und Jugendhilfe steht damit vor einer doppelten Aufgabe. Sie muss einerseits akute Gefährdungen abwenden und andererseits Familien früh unterstützen, bevor Situationen eskalieren. Der anhaltende Anstieg der Kindeswohlgefährdung macht deutlich, dass Kinderschutz dauerhaft ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen erfordert. Die Zahlen sind damit weniger ein abgeschlossenes Ergebnis als ein Auftrag an Politik, Behörden und Gesellschaft.

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