Je stärker sich das Internet in einem Land ausbreitet, desto mehr sinkt dort offenbar die Religiosität. Das zeigt eine Auswertung von Daten aus 81 Ländern über mehr als drei Jahrzehnte. Das Internet erwies sich dabei als stabilerer Vorhersagefaktor für den Rückgang der Religion als Bildung, Wohlstand oder Globalisierung. Doch nicht alle Seiten des Glaubens reagieren gleich.
Seit Jahrzehnten beobachten Soziologen, dass Religion in vielen Gesellschaften an Bedeutung verliert. Fachleute sprechen von Säkularisierung und meinen damit den Rückgang der sozialen und persönlichen Bedeutung von Religion. Klassische Erklärungen verweisen auf die Modernisierung: Wenn Gesellschaften wohlhabender, gebildeter und städtischer werden, sind Menschen im Alltag weniger auf religiöse Gemeinschaften angewiesen, etwa für Unterstützung in Notlagen. In jüngerer Zeit ist eine weitere mögliche Ursache in den Blick gerückt. Das Internet konfrontiert Menschen mit einer Vielzahl von Weltanschauungen, erleichtert den Zugang zu wissenschaftlichen Informationen und macht es einfacher, überlieferte Autoritäten zu hinterfragen. Online-Netzwerke können zudem örtliche Gemeinschaften ersetzen, die religiöses Leben traditionell tragen. Ob das Internet tatsächlich als eigenständige Kraft den Glauben schwächt, war allerdings kaum systematisch untersucht. Frühere Arbeiten beschränkten sich meist auf einzelne Länder oder auf Momentaufnahmen, die keine Aussagen über längere Entwicklungen erlauben.
Diese Lücke wollten die Soziologen Miran Lavrič und Tibor Rutar schließen. Lavrič ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Maribor in Slowenien. Nach eigener Schilderung hatte er vor Jahren gehört, wie der Philosoph Daniel Dennett das Internet als das Beste bezeichnete, was dem Atheismus seit Darwin passiert sei. Umso mehr überraschte ihn, wie spärlich und methodisch begrenzt die Forschung zu dieser Frage geblieben war. Gleichzeitig war ein eigenes Forschungsfeld zur digitalen Religion entstanden, das zeigt, wie anpassungsfähig religiöse Gemeinschaften sind und wie geschickt sie das Internet für ihre eigenen Zwecke nutzen. Beide Beobachtungen passen nicht ohne Weiteres zusammen. Die beiden Forscher untersuchten deshalb über viele Gesellschaften und einen langen Zeitraum hinweg, ob die Ausbreitung des Internets mit einem Rückgang der Religiosität einhergeht und wie stark dieser Zusammenhang im Vergleich zu anderen Faktoren der Modernisierung ausfällt.
Grundlage der Untersuchung ist ein Datensatz über 81 Länder aus den Jahren 1990 bis 2022. Die Forscher verbanden nationale Statistiken zur Internetnutzung mit sechs Erhebungswellen des World Values Survey, einer seit Jahrzehnten laufenden internationalen Befragung zu Werten und Überzeugungen. Die Religiosität eines Landes bildeten sie mit sechs Merkmalen ab: dem Besuch von Gottesdiensten, der persönlichen Bedeutung Gottes, der allgemeinen Bedeutung der Religion, der Selbstbezeichnung als religiöser Mensch, dem Vertrauen in die Kirchen und der formalen Religionszugehörigkeit. Außerdem erfassten sie für jedes Land die Wirtschaftsleistung pro Kopf, die durchschnittliche Schulbildung, die Verstädterung, die Globalisierung, die Alterung der Bevölkerung und die Einkommensungleichheit. Die statistischen Modelle verglichen nicht einfach reiche mit armen Ländern, sondern verfolgten die Entwicklung innerhalb jedes Landes über die Zeit. Zudem setzten die Forscher die Internetverbreitung einer Erhebungswelle in Beziehung zur Religiosität der jeweils folgenden Welle.
Das Ergebnis, veröffentlicht in der Studie zu Internetverbreitung und religiösem Niedergang in der Fachzeitschrift Sociology of Religion, zeigt ein einheitliches Muster. Ein Anstieg der Internetverbreitung in einem Land sagte zuverlässig einen späteren Rückgang der durchschnittlichen Religiosität voraus. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem die Forscher die übrigen Faktoren der Modernisierung berücksichtigt hatten. Der Effekt ist spürbar, aber nicht riesig: Ein Anstieg der Internetverbreitung um eine Standardabweichung ging mit einem Rückgang der Religiosität um rund 0,2 Standardabweichungen einher. Bemerkenswert ist vor allem der Vergleich. Unter allen geprüften Faktoren erwies sich die Verbreitung des Internets als der stabilste Vorhersagefaktor, während Bildung, wirtschaftliche Entwicklung und Globalisierung deutlich weniger konsistente Ergebnisse lieferten. Die Autoren schließen daraus, dass das Internet im untersuchten Zeitraum ein wichtiger Kanal gewesen sein könnte, über den sich die allgemeine Modernisierung in Säkularisierung übersetzte.
Der Zusammenhang fiel allerdings nicht für alle Seiten der Religion gleich aus. Am stärksten war er bei der formalen Religionszugehörigkeit und bei der Selbstbezeichnung als religiöser Mensch. Je mehr eine Bevölkerung online war, desto weniger Menschen gehörten formal einer Religionsgemeinschaft an oder bezeichneten sich selbst als religiös. Deutlich schwächer und weniger stabil waren die Zusammenhänge dagegen bei zeitintensiven Formen des Glaubens, etwa beim Besuch von Gottesdiensten oder bei der Frage, wie wichtig Gott im eigenen Leben ist. Das Internet scheint demnach eher religiöse Identität und Mitgliedschaft zu schwächen als die Gewohnheiten jener Menschen, die ihren Glauben weiterhin aktiv leben. Der Soziologe Blake Victor Kent vom Westmont College, der nicht an der Studie beteiligt war, hält die Arbeit für belastbar. Er betont aber, dass es Dutzende Möglichkeiten gibt, Religion zu messen, und dass die Studie nur sechs davon betrachtet, von denen lediglich zwei besonders starke Zusammenhänge zeigen.
Wie bei vielen Beobachtungsstudien lässt sich Ursache und Wirkung nicht vollständig trennen. Zwar sagte die Internetverbreitung von früher die spätere Religiosität voraus. Die Forscher prüften jedoch auch die umgekehrte Richtung und stellten fest, dass eine geringere Religiosität in der Vergangenheit ebenfalls eine spätere Verbreitung des Internets vorhersagte. Beide Entwicklungen könnten sich also gegenseitig verstärken. Hinzu kommt, dass die Studie mit Durchschnittswerten ganzer Länder arbeitet. Sie kann deshalb nichts darüber sagen, wie einzelne Menschen ihren Glauben erleben, wenn sie mehr Zeit online verbringen. Auch was die Menschen im Internet tun, blieb unberücksichtigt. Religiöse Gemeinschaften nutzen das Netz intensiv, um sich zu organisieren und ihren Glauben zu stärken. Eine Studie mit Daten aus den USA hatte bereits 2018 gezeigt, dass Internetnutzung mit einer geringeren Religionszugehörigkeit einherging, nicht aber zwingend mit weniger religiöser Praxis. Die neue Arbeit legt nahe, dass sich dieses Muster weltweit wiederholt.
Lavrič selbst warnt davor, die Ergebnisse einfach in die Zukunft fortzuschreiben. Die Befunde beziehen sich auf eine besondere historische Phase, in der sich das Internet rasant verbreitete. Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass sich das säkularisierende Muster fortsetzen werde. Eigene Forschungen in Slowenien deuten nach seinen Angaben darauf hin, dass Kulturen rund um Online-Influencer zunehmend mit einem neuen Interesse an Religion verbunden sind, vor allem bei jungen Männern. Auch Kent verweist darauf, dass sich Spiritualität eher wandelt, als zu verschwinden. Er erinnert an den Religionssoziologen Peter Berger, der die Welt einmal als so leidenschaftlich religiös beschrieb wie eh und je. Ländervergleiche wie dieser zeigen, wie viel sich aus großen internationalen Befragungen ablesen lässt, ähnlich wie bei einer Auswertung, in der Daten aus 66 Ländern fünf Schlüssel zum Glück offenlegten. Wohin sich der Glaube im digitalen Zeitalter entwickelt, bleibt dennoch offen.
Sociology of Religion, Internet Diffusion and Religious Decline: Evidence from 81 Countries, 1990–2022; doi:10.1093/socrel/srag013