Ein Bildschirm voller Kästchen, ein roter Lichtpunkt und mehr Geld für jeden Klick weiter rechts: Mit diesem schlichten Spiel haben Forscher aus Amsterdam 750 US-Amerikaner kurz vor der Präsidentschaftswahl 2024 getestet. Sahen sie, wie ein Anhänger der eigenen Partei die Regel komplett ignorierte, verstießen sie danach selbst deutlich häufiger gegen sie. Eine kleine Minderheit ging sogar weiter als ihr Vorbild, und gerade diese wenigen Menschen könnten in größeren Gruppen den Ausschlag geben.
Am 1. November, vier Tage vor dem Duell zwischen Donald Trump und Kamala Harris, warb das Team um den Psychologen Lucas Molleman von der Universität Amsterdam seine Probanden über die Online-Plattform Prolific an. Von ihnen bezeichneten sich 371 als Republikaner und 379 als Demokraten, wobei sich jeweils gut ein Drittel dem eigenen Lager mit starker Bindung zuordnete. Teilnehmen durfte nur, wer in den USA lebte, Englisch als Muttersprache sprach und sich einer der beiden großen Parteien zurechnete. Ihre Ergebnisse veröffentlichten Molleman, Karlijn Hoyer, Gerben van Kleef, die Kommunikationswissenschaftlerin Christin Scholz und der Mikroökonom Jan Hausfeld am 21. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B.
Auf dem Bildschirm zog eine animierte Sternschnuppe von links nach rechts über eine lange Reihe aus Kästchen und ließ sie kurz rot aufglühen, erst immer kräftiger, dann wieder schwächer. Laut Anweisung sollten die Teilnehmer genau jenes Feld anklicken, das am hellsten geleuchtet hatte, und dieses Feld lag stets irgendwo in der Mitte der Reihe. Unter den Kästchen standen jedoch Zahlen, die nach rechts gleichmäßig anstiegen, und jede dieser Zahlen stand für Punkte, die später in echtes Geld umgerechnet wurden.
Jeder Punkt war einen britischen Penny wert, und am Ende wählte das Programm zufällig eine einzige Entscheidung aus, die zusätzlich zu einem festen Pfund Grundhonorar ausgezahlt wurde. Im Schnitt dauerte das Experiment rund acht Minuten und brachte den Teilnehmern insgesamt 1,70 Pfund ein. Benachbarte Felder glommen ebenfalls auf, nur schwächer, sodass kleine Abweichungen vom hellsten Kästchen als Augenmaß-Fehler durchgehen konnten, große dagegen klar als Regelbruch erkennbar waren. Klicks links vom Ziel kosteten Geld und galten deshalb nicht als eigennütziger Verstoß.
Mit dieser Anordnung wollten die Forscher abbilden, wie viele Regeln im Alltag funktionieren: Kaum jemand kontrolliert, ob ein Autofahrer leicht oder massiv zu schnell fährt oder ob in einer Steuererklärung ein wenig oder sehr viel Einkommen fehlt. Anders als im berühmten Konformitätsexperiment von Asch saß niemand in einem Raum voller Mitspieler, die Probanden reagierten allein und anonym auf einen einzelnen fremden Klick.
Nach einigen Übungsdurchgängen begannen die gewerteten Runden, in denen jeder Teilnehmer zweimal klicken durfte. Zuerst wählte er sein eigenes Feld, dann erschien unter der Reihe eine kleine Figur mit dem markierten Kästchen einer früheren Testperson, versehen mit dem Etikett Demokrat oder Republikaner. Sämtliche gezeigten Klicks stammten von echten Personen aus einem Vorversuch, sodass die Forscher ohne Täuschung auskamen. Mit beiden Markierungen vor Augen gaben die Probanden anschließend ihre zweite Antwort ab.
Jedes fremde Vorbild gehörte zu einem von drei Typen: Es klickte nahe am hellsten Feld, wählte ein Kästchen etwa ein Drittel des Weges Richtung Rand, also ungefähr Feld 66, wenn das Ziel bei Feld 50 lag, oder griff ganz rechts außen zum Höchstbetrag. Kombiniert mit der Parteizugehörigkeit des Vorbilds ergab das sechs Varianten, die jeder Teilnehmer in zufälliger Reihenfolge durchlief. Eine Kontrollfrage bestätigte, dass sich die Probanden Anhängern der eigenen Partei deutlich näher fühlten als denen des gegnerischen Lagers.
Schon die erste Wahl jeder Runde, getroffen ohne jedes Vorbild, fiel alles andere als regeltreu aus. Auf einer Skala, auf der null das hellste Feld und eins das äußerste rechte Kästchen markiert, lagen die Klicks im Mittel bei 0,34, und in 22,7 Prozent dieser Entscheidungen nahmen die Teilnehmer gleich das Maximum. Geschlecht, Alter und Parteizugehörigkeit änderten an diesem Bild nur wenig.
Ein regeltreues Vorbild bewegte kaum etwas: Die zweiten Klicks rückten im Schnitt nur um gut ein Hundertstel der Skala nach links. Ganz anders wirkte der grobe Verstoß, nach dem die Probanden ihre Wahl spürbar nach rechts verschoben, und zwar um 0,20 Skalenpunkte, wenn ein Parteifreund vorangegangen war, und um 0,15, wenn der Regelbrecher zum anderen Lager gehörte. Nach einem Verstoß aus dem gegnerischen Lager wählten 36 Prozent den Höchstbetrag.
Damit widerlegten die Daten eine der beiden Hypothesen, die das Team vorab registriert hatte. Molleman und seine Kollegen hatten erwartet, dass regeltreue Vorbilder aus der eigenen Gruppe stärker zur Ehrlichkeit anspornen und so den Sog schlechter Beispiele abschwächen. Stattdessen verstärkte die politische Nähe vor allem die Wirkung des Regelbruchs, während gute Vorbilder unabhängig vom Parteibuch wirkungslos blieben. Die Autoren sehen darin ein Risiko von Echokammern, in denen Gleichgesinnte abweichendes Verhalten gegenseitig bestärken.
Dass das Parteibuch nicht noch mehr Gewicht bekam, führen die Forscher auf die Aufgabe selbst zurück: Ein Lichtpunkt auf einer Linie hat mit Politik nichts zu tun, ein Verstoß wirkte daher eher wie ein allgemeiner Regelbruch als wie ein Konflikt zwischen den Lagern. Ob die Gruppenzugehörigkeit stärker zählt, wenn eine Regel selbst zum politischen Streitthema geworden ist, wollen sie in weiteren Studien prüfen.
Ein kleiner Verstoß des Vorbilds schob die zweiten Klicks im Mittel um 0,05 nach rechts, also um etwa ein Drittel der Wirkung, die ein vollständiger Regelbruch auslöste. Im Durchschnitt blieben die Probanden damit unterhalb der Grenze, die ihr Vorbild gezogen hatte, ein schleichendes Abrutschen ließ sich auf dieser Ebene nicht erkennen. Erst der Blick auf einzelne Runden offenbarte eine Gruppe, die über das gesehene Maß hinausging und noch weiter nach rechts klickte als die fremde Person.
In 58 Prozent der Runden blieben die Teilnehmer schlicht bei ihrer ersten Wahl, in etwa einem Viertel suchten sie einen Kompromiss zwischen eigenem Klick und Vorbild. Exakt kopiert wurde das fremde Kästchen am häufigsten nach einem groben Verstoß, nämlich in gut jeder fünften Runde. Unterschiede zwischen Menschen traten deutlich hervor: 31 Prozent der Probanden änderten ihre Wahl in keiner einzigen Runde, zwischen 18 und 23 Prozent brachen die Regel konsequent, und am stärksten schwankten jene, die zunächst irgendwo zwischen Ziel und Rand geklickt hatten.
Um zu sehen, was solche Reaktionen über längere Zeit anrichten, programmierten die Forscher eine virtuelle Gemeinschaft, in der zu Beginn fast alle Mitglieder die Regel befolgten und nur einige leicht abwichen. In jedem Schritt beobachtete ein zufällig ausgewähltes Mitglied ein anderes und passte sein Verhalten ein Stück weit an, gemittelt über 30 Durchläufe. Reagierten die virtuellen Akteure auf gute und schlechte Beispiele gleich stark, blieb das Niveau stabil; zählten Verstöße mehr, stieg der Regelbruch auf ein mittleres Maß und pendelte sich dort ein.
Fütterten die Forscher das Modell mit der im Experiment gemessenen Eskalationsrate, kippte die Gemeinschaft innerhalb kurzer Zeit in kollektiven Regelbruch, während die meisten Akteure weiterhin nur nachahmten. Gebremst wurde dieser Absturz erst, als das Team zusätzlich unbeirrbare Regelbefolger und notorische Regelbrecher in den Anteilen aus dem Versuch einbaute. Die Gruppe stabilisierte sich dann auf einem mittleren Niveau, weil die standhaften Mitglieder einen Teil der Gemeinschaft dauerhaft an der Regel hielten.
Die Regel im Experiment war willkürlich, niemand kontrollierte sie, die Teilnehmer handelten anonym, und ihre Gewinne hingen nicht voneinander ab. Mit diesen Vorgaben wollten die Autoren nur den Einfluss fremden Verhaltens messen, nicht abschätzen, wie oft Menschen im echten Leben Regeln brechen. Nach ihrer Einschätzung dürfte der Anteil der Verstöße draußen je nach Lage höher oder niedriger ausfallen, etwa niedriger beim Rasen an Stellen mit häufigen Blitzern und höher beim nächtlichen Überqueren einer Straße bei Rot.
Aus den Simulationen leiten die Forscher ab, dass es dort, wo eine Eskalation Schaden anrichten kann, helfen könnte, kleine Verstöße früh anzusprechen; als Beispiele für kollektiven Regelbruch, der sich auf diese Weise ausbreiten kann, nennen sie Hooliganismus, Vandalismus und Steuervermeidung. Zugleich warnen sie davor, jede kleine Abweichung zu unterdrücken, weil Kinder durch das Austesten von Grenzen Normen verinnerlichen und Regelverstöße auch Experimente und kreative Lösungen anstoßen.
Offen ist bislang, ob Missbilligung oder Ausschluss aus der Gruppe die Eskalation dämpfen und ob gemeinsame Gewinne sie eher befeuern, wie die Autoren vermuten. Für solche Folgestudien hat das Team seine Daten, den Programmcode der Simulation und die vorab registrierten Hypothesen auf der Plattform Open Science Framework zugänglich gemacht, sodass andere Gruppen die rot glühenden Kästchen mit Strafen oder sichtbaren Zuschauern erneut aufleuchten lassen können.
Quelle: Lucas Molleman, Karlijn Hoyer, Gerben A. van Kleef, Christin Scholz und Jan Hausfeld, „Contagion and escalation of rule violations“, Proceedings of the Royal Society B, Band 293, Nr. 2081, Artikel 20261940 (2026), doi:10.1098/rspb.2026.1940 (vollständige Studie, PMC).
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