Wer heute von Sizilien nach Malta will, muss mehr als 90 Kilometer offenes Meer überqueren. Am Höhepunkt der letzten Eiszeit lag zwischen beiden Inseln dagegen trockenes Land, eine Landbrücke, die rund dreimal so groß war wie Malta selbst. Italienische und maltesische Meeresforscher haben diesen versunkenen Landstrich nun erstmals in hoher Auflösung vermessen und Bohrkerne vom Meeresgrund geholt. Was sie in mehr als 100 Metern Tiefe entdeckt haben, passt nicht zu dem Bild einer schlichten Brücke aus Fels.
Malta, Gozo und Comino gehören zu den beliebtesten Reisezielen im Mittelmeer. Die kleinen Inseln liegen südlich von Sizilien mitten im Meer und wirken heute wie isolierte Felsplateaus, umgeben von tiefblauem Wasser. Geologisch war das keineswegs immer so. Während der Eiszeiten war so viel Wasser in den gewaltigen Eisschilden der Nordhalbkugel gebunden, dass der Meeresspiegel im Mittelmeer um rund 120 bis 130 Meter tiefer lag als heute. Weite Flächen des heutigen Meeresbodens fielen trocken, Küsten verschoben sich um viele Kilometer, und Inseln wuchsen mit Nachbarinseln oder dem Festland zusammen. Am Höhepunkt der letzten Eiszeit vor etwa 22.000 Jahren verband eine solche Landbrücke den Südosten Siziliens mit Malta und Gozo. Tiere konnten über diesen Korridor wandern, und die Frage, ob auch Menschen ihn nutzten, beschäftigt Archäologen seit Jahrzehnten.
Dass es diese Landverbindung gab, ist grundsätzlich seit Langem bekannt. Standardmessungen des Meeresbodens hatten den versunkenen Landrücken zwischen Malta und Sizilien bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts erfasst. Die Daten waren allerdings viel zu grob, um die einstige Landschaft genauer zu rekonstruieren. Wie sah die Oberfläche aus, gab es Hügel, Täler, Seen oder Sümpfe, und wie lange blieb die Verbindung überhaupt bestehen? Diese Fragen konnte bislang niemand beantworten. Genau hier setzt das Projekt BRIDGES an, eine Zusammenarbeit des Instituts für Meereswissenschaften des italienischen Nationalen Forschungsrats, des Nationalen Instituts für Ozeanografie und angewandte Geophysik in Triest und der Universität Malta. Ihr Ziel ist es, das verlorene Land unter dem Meer Stück für Stück wieder sichtbar zu machen und zu verstehen, welche Rolle es für Tiere und Menschen gespielt haben könnte.
Die Dimensionen des versunkenen Landes sind beachtlich. Nach Angaben der beteiligten Forscher umfasste die Landbrücke eine Fläche, die etwa dreimal so groß war wie die Insel Malta heute. Geologische Rekonstruktionen früherer Studien zeigen, dass die Landbrücke vor rund 13.000 bis 14.000 Jahren weitgehend im Meer verschwand, als der Meeresspiegel nach dem Ende der Eiszeit rasch anstieg. Selbst danach war der maltesische Archipel noch deutlich größer als heute: Vor etwa 12.900 Jahren umfasste er eine Landfläche von rund 720 Quadratkilometern und damit mehr als doppelt so viel wie heute. Malta, Gozo und Comino hingen noch bis vor etwa 8.600 Jahren zusammen, erst danach trennte der weiter steigende Meeresspiegel die Inseln voneinander. Das vertraute Bild der drei Inseln ist also geologisch betrachtet erst wenige Jahrtausende alt.
Um diese verschwundene Landschaft sichtbar zu machen, setzten die Forscher auf moderne Messtechnik an Bord des italienischen Forschungsschiffs Gaia Blu. Mit hochauflösenden Echoloten kartierten sie die Form des Meeresbodens, akustische Verfahren durchleuchteten zusätzlich die obersten Dutzend Meter der Sedimente unter dem Grund. Mit Schwerelot-Bohrungen holten sie Sedimentkerne an Bord, in denen Spuren früherer Lebensräume konserviert sein können. Kleine fossile Bruchstücke daraus sollen mit der Radiokarbonmethode datiert werden, um zu klären, wann welche Bereiche trocken lagen und wann das Meer sie zurückeroberte. Nach Angaben von Emanuele Lodolo, einem der beiden wissenschaftlichen Leiter der Kampagne, gelang es in rund einer Woche, etwa die Hälfte der Landbrücke zu kartieren. Das gesamte Gebiet zu erfassen sei in so kurzer Zeit unmöglich gewesen. Bereits zum Jahreswechsel 2025 auf 2026 war die Gaia Blu zu einer ersten Fahrt in das Gebiet aufgebrochen, die jüngste Kampagne endete im September im Hafen von Catania.
Die ersten Auswertungen zeichnen ein überraschend vielfältiges Bild. Die Karte des Meeresbodens zeigt nach Angaben von Lodolo eine komplexe Landschaft mit oft unterbrochenen Höhenrücken, die sich über Dutzende Kilometer erstrecken und Lagunen sowie Senken einschließen. Der Forscher vom Nationalen Institut für Ozeanografie in Triest vergleicht sie mit heutigen tropischen Plattformen: relativ flache Bereiche, getrennt durch Kämme und Barrieren, hinter denen geschützte Becken und Lagunen liegen. Die Landbrücke war demnach keine eintönige Felsfläche, sondern ein abwechslungsreiches Mosaik aus Anhöhen, flachen Gewässern und Niederungen. Solche Landschaften bieten Lebensraum für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren und damit auch eine mögliche Nahrungsquelle für Menschen. Dass sich diese Strukturen nach Jahrtausenden unter Wasser noch so deutlich abzeichnen, liegt an der geringen Sedimentbedeckung in weiten Teilen des Gebiets, die das alte Relief bis heute erkennen lässt.
Genau darauf weist auch ein Bericht im Fachmagazin Science über die jüngste Expedition hin. Die ersten Ergebnisse zeigten flache, sumpfige Bereiche auf der Landbrücke, in denen Fische, Algen und Pflanzen vorkommen konnten, die Jägern und Sammlern als Nahrung dienten. Die an der Kampagne nicht beteiligte Geoarchäologin Ilaria Patania von der Washington University in St. Louis hält es deshalb für denkbar, dass die Landbrücke weniger ein Weg war, den man durchquerte, als ein Ort, an den Menschen gingen, um etwa Muscheln zu sammeln, bevor sie nach Sizilien zurückkehrten. Diese Sichtweise verändert die Frage grundlegend: Nicht nur wer über die Brücke lief, sondern wer auf ihr lebte und wirtschaftete, rückt in den Mittelpunkt. Für die Archäologie ist das ein wichtiger Perspektivwechsel, denn Lagunen und Sümpfe gehören zu den ergiebigsten Lebensräumen für Jäger und Sammler.
Die naheliegende Frage, ob die ersten Menschen trockenen Fußes nach Malta gelangten, lässt sich nach heutigem Stand eher verneinen. Lange galt Malta als eine der letzten Mittelmeerinseln, die dauerhaft besiedelt wurden, erst in der Jungsteinzeit vor rund 7.500 Jahren. Neuere Funde deuten jedoch darauf hin, dass Jäger und Sammler bereits vor etwa 8.500 bis 9.000 Jahren auf der Insel lebten und sie per Boot erreichten. Zu diesem Zeitpunkt war die Landverbindung zu Sizilien allerdings schon seit Jahrtausenden überflutet. Die Karte der versunkenen Landbrücke lässt sich deshalb nicht einfach als Wanderroute der ersten Malteser deuten. Umso spannender ist die Frage, ob es auf dem damals noch trockenen Land bereits früher menschliche Aktivitäten gab, deren Spuren heute unter Sediment und Wasser verborgen liegen. Die Forscher betonen deshalb, dass es weniger um einen einzigen Übergang geht, sondern darum, wie frühe Gemeinschaften mit einem Land umgingen, das sich über Jahrtausende Stück für Stück in Meer verwandelte.
Sizilien selbst wurde nach bisherigen Erkenntnissen erst um den Höhepunkt der letzten Eiszeit von modernen Menschen besiedelt, als auch die Meerenge von Messina zeitweise trocken lag. Wer damals im Südosten Siziliens lebte, hatte die flachen Lagunen und Sümpfe der Landbrücke praktisch vor der Haustür. Vergleichbare Fragen stellen sich an vielen Küsten Europas, denn die Meeresspiegel stiegen nach der letzten Eiszeit teils in raschen Schüben und verschluckten fruchtbare Küstenebenen. Viele frühe Siedlungsplätze dürften deshalb heute unter Wasser liegen. Archäologen gehen davon aus, dass Menschen damals wie heute bevorzugt an ressourcenreichen Küsten lebten, die nun Dutzende Meter tief auf dem Meeresgrund ruhen und nur mit Schiffen, Echoloten und Tauchrobotern erreichbar sind. Das Meer zwischen Sizilien und Malta war für diese Menschen womöglich weniger eine Grenze als ein Raum für Austausch und Bewegung.
Die Geschichte der maltesischen Inseln ist voller Rätsel. Die ersten dauerhaften Gemeinschaften bauten später einige der ältesten freistehenden Steintempel der Welt, doch wie die Inseln davor genutzt wurden, ist kaum bekannt. Die Archäologin Eleanor Scerri vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie, die frühe Spuren von Menschen auf Malta untersucht hat, beschreibt die Lage so, dass es über das frühe Malta mehr offene Fragen als gesicherte Antworten gebe. Waren die bislang bekannten Jäger und Sammler wirklich die ersten Menschen auf der Insel? Wie sahen die Ökosysteme aus, in denen sie lebten? Die Sedimentkerne der aktuellen Kampagne könnten hier wichtige Hinweise liefern, denn sie enthalten Informationen über Vegetation, Wasserstand und Umweltbedingungen zu einer Zeit, in der die Landbrücke noch existierte oder gerade versank.
Auch andere Mittelmeerinseln zeigen, wie sehr sich das Bild früher Besiedlung durch neue Methoden verschieben kann. Auf Mallorca etwa belegte eine versunkene Steinbrücke in einer Höhle, dass Menschen die Insel früher bewohnten als lange angenommen. Solche Befunde zeigen, dass Wasser Spuren nicht nur verbirgt, sondern oft auch außergewöhnlich gut bewahrt. Für die versunkene Landbrücke zwischen Sizilien und Malta gilt das umso mehr, weil sie nie überbaut oder beackert wurde. Ob dort Werkzeuge, Feuerstellen oder Knochen von Tieren liegen, die Menschen gejagt haben, lässt sich nur durch gezielte Probennahmen und Tauchroboter klären. Konkrete Funde dieser Art nennen die bisherigen Berichte zur Kampagne nicht. Die Forscher sehen ihre Karten vielmehr als Wegweiser, der zeigt, an welchen Stellen sich eine gezielte Suche lohnen könnte, etwa an einstigen Seeufern oder am Rand früherer Lagunen.
Die Forscher wollen die Arbeit fortsetzen, sobald die Finanzierung gesichert ist. Geplant ist unter anderem, die noch nicht kartierte Hälfte der Landbrücke zu vermessen und dabei auch autonome Unterwasserfahrzeuge einzusetzen, die den Meeresgrund selbstständig und in großer Detailtiefe abfahren können. Parallel werden im Labor die Sedimentkerne ausgewertet. Aus winzigen Schalen von Meeresorganismen, Pflanzenresten und der Zusammensetzung der Ablagerungen lässt sich ablesen, wann ein Gebiet Süßwassersee, Lagune oder offenes Meer war. Damit könnten die Forscher erstmals detailliert rekonstruieren, wie schnell sich die Landschaft beim Anstieg des Meeresspiegels veränderte und wie viel Zeit Menschen und Tiere hatten, sich anzupassen, bevor ihr Lebensraum verschwand. Lodolo betont, dass die Rekonstruktion solcher Umwelten auch für die Erforschung der mittel- und jungsteinzeitlichen Bevölkerung, ihrer Wanderwege und Siedlungen von großer Bedeutung ist.
Ein bemerkenswertes Detail der Expedition hat übrigens einen deutschen Bezug: Das Forschungsschiff Gaia Blu wurde 1981 in Lübeck als Fischereischutzboot Seefalke gebaut und diente später jahrelang als Expeditionsschiff eines amerikanischen Meeresforschungsinstituts, bevor es an den italienischen Forschungsrat überging. Heute tastet es sich über einen Teil des Mittelmeers, der trotz jahrtausendelanger Schifffahrt noch immer kaum erforscht ist. Genau das macht das Gebiet so reizvoll: Unter der Route, die heute Fähren und Ausflugsboote zwischen Sizilien und Malta befahren, liegt eine ganze Landschaft mit Hügeln, Lagunen und Sümpfen verborgen. Wie viele Geheimnisse sie noch preisgibt, hängt davon ab, wie viel der verbleibenden Fläche die Forscher in den kommenden Jahren kartieren und beproben können. Sicher ist bereits jetzt, dass Malta einst kein einsamer Felsen im Meer war, sondern Teil eines weiten, von Wasser durchzogenen Landes.