Vermessung im Hochgebirge

Der Mont Blanc wächst zunehmend

 Dennis Lenz

Der Mont Blanc wächst zunehmend
(Symbolbild) Die neue Vermessung des Mont Blanc verändert erneut seine offizielle Höhenangabe. Die jüngsten Messwerte zeigen, wie beweglich der höchste Punkt der Alpen sein kann. Dabei untersuchen die Vermesser inzwischen mehr als nur die Höhe des Gipfels. Für die Einordnung kommt es auf den gewählten Vergleichszeitraum und den Zustand unter der Oberfläche an. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Der Mont Blanc ist bei der neuen Vermessung fast zwei Meter höher als 2023. Hinter der veränderten Gipfelhöhe steckt jedoch keine einfache Wachstumsgeschichte. Die vollständige Messreihe zeigt ein deutliches Auf und Ab. Zugleich gelang der Expedition eine Messung, die am höchsten Punkt der Alpen bisher immer gescheitert war.

4.807,47 Meter lautet die neue Höhenangabe für den Mont Blanc. Gegenüber den 4.805,59 Metern aus dem Jahr 2023 ergibt das einen Zuwachs von 1,88 Metern. Doch der Vergleich mit diesem älteren Wert erzählt nur einen Teil der Geschichte. In der vollständigen Messreihe der verantwortlichen Vermessungsingenieure stehen für 2024 bereits 4.808,51 Meter und für 2025 sogar 4.808,76 Meter. Gegenüber dem vergangenen Jahr ist der höchste Berg der Alpen damit um 1,29 Meter niedriger. Beide Vergleiche sind rechnerisch richtig, beschreiben aber unterschiedliche Zeiträume. Die neue Zahl belegt also keinen ununterbrochenen Anstieg seit 2023. Sie gehört zu einer Folge von Messungen, bei denen der höchste Punkt wiederholt nach oben und unten wanderte. Wer daraus eine Wachstumsrate für die kommenden Jahre berechnen wollte, würde eine Entwicklung voraussetzen, die diese Daten gerade nicht zeigen.

Für die Vermessung musste eine Expedition im September 2026 erneut bis auf den Gipfel steigen. Der beteiligte Technikpartner beschreibt in seinem Bericht über den Aufstieg und die Messarbeiten einen Aufbruch am Refuge du Goûter um 3.15 Uhr und einen zunächst rund 40 km/h starken Wind. Oben teilten sich die Teilnehmer auf verschiedene Messaufgaben auf. Neben der Position des höchsten Punktes interessierten sie die Form der gesamten Gipfelkappe und deren verborgener Untergrund. Hinzu kam ein Instrument zur Messung der Schwerkraft. Für diese Aufgabe hatte sich ein eigenes Team über Monate vorbereitet und vor Ort den Umgang mit Steigeisen sowie die Arbeit mit dem empfindlichen Gerät erprobt. Die anspruchsvolle Umgebung betrifft dabei nicht nur den Aufstieg: Messungen, die im Tal auf einem festen Untergrund stattfinden, müssen hier unter anderen Bedingungen gelingen. Aus dem Gipfelbesuch wurde deshalb eine Kombination aus Bergtour, präziser Vermessung und geophysikalischer Feldarbeit.

Warum der Mont Blanc höher und wieder niedriger wird

Der entscheidende Unterschied zu einem nackten Felsgipfel liegt in der Schneekappe. Vermessen wird die jeweils höchste Oberfläche aus Schnee und Eis, nicht unmittelbar die Spitze des darunterliegenden Gesteins. Schneefall kann Material hinzufügen, während Wind es von einer Stelle abträgt und an einer anderen anhäuft. Dass solche Unterschiede beträchtlich sein können, belegen ältere Untersuchungen zur Schneeverteilung im Mont-Blanc-Massiv am benachbarten Dôme du Goûter. Dort lagerten sich an windgeschützten Stellen deutlich größere Schneemengen ab als auf besonders ausgesetzten Flächen. Entscheidend ist also nicht nur, wie viel Niederschlag fällt, sondern auch, wo er liegen bleibt. Hinzu kommt die Verdichtung: Älterer Schnee wird unter der Last neuer Schichten zusammengedrückt und geht über Firn in Eis über. Eine veränderte Oberfläche lässt sich deshalb nicht unmittelbar in eine Hebung oder Senkung des Felsens übersetzen. Die zusätzlichen 1,88 Meter gegenüber 2023 sind insbesondere kein Nachweis dafür, dass geologische Kräfte den gesamten Berg innerhalb von drei Jahren entsprechend angehoben hätten.

Wie sich der höchste Punkt auf wenige Zentimeter bestimmen lässt

Die Vermessungsingenieure suchen den höchsten Punkt mit einer Messstange und einem satellitengestützten Empfänger. GNSS ist der Oberbegriff für solche globalen Satellitennavigationssysteme. Anders als bei einer gewöhnlichen Positionsanzeige werden für die präzise Vermessung zusätzliche Korrekturdaten eingesetzt. Die Organisatoren nennen für ihre verwendeten Verfahren eine Genauigkeit im Bereich von zwei bis fünf Zentimetern. Bei der aktuellen Expedition arbeiteten die Teilnehmer sowohl mit Positionsbestimmungen in Echtzeit als auch mit einem Empfänger, dessen Aufzeichnungen später nachbearbeitet werden. Das ermöglicht unterschiedliche Auswertungen derselben Messkampagne. Für die Bedeutung des Ergebnisses bleibt dennoch eine Grenze bestehen: Eine zentimetergenaue Vermessung beschreibt den Zustand während der Beobachtung. Sie garantiert nicht, dass die Schneeoberfläche nach dem nächsten Wetterwechsel auf derselben Höhe liegt. Auch eine auf zwei Nachkommastellen angegebene Gipfelhöhe ist deshalb kein für alle folgenden Jahre unveränderlicher Wert. Die Präzision des Instruments und die Beständigkeit des vermessenen Gegenstands sind zwei verschiedene Eigenschaften.

Was die Vermessung unter der weißen Kappe sucht

Zusätzlich kamen eine Drohne für photogrammetrische Aufnahmen und ein Georadar zum Einsatz. Bei der Photogrammetrie wird aus überlappenden Bildern die räumliche Form einer Oberfläche rekonstruiert. Dafür wurden am Boden Zielmarken gesetzt und deren Positionen präzise bestimmt. Das Ergebnis soll nicht lediglich eine weitere Gipfelaufnahme sein, sondern ein räumlich zugeordnetes Modell der Kappe. Das Radar verfolgt eine andere Aufgabe: Seine Profile sollen Informationen über die Eisdicke und den darunterliegenden Fels liefern. Oberflächenmodell und Untersuchung des Untergrunds ergänzen sich damit, sind aber nicht austauschbar. Eine Kamera erfasst zunächst die sichtbare Außenseite; die Form des bedeckten Gesteins lässt sich daraus nicht einfach ablesen. Ebenso wenig genügt die neu veröffentlichte Gesamthöhe, um daraus allein eine genaue Eisdicke abzuleiten. Dafür müssen obere und untere Grenzfläche am selben Ort bekannt sein. Die umfassendere Vermessung soll gerade diese räumlichen Zusammenhänge besser zugänglich machen.

Weshalb ein Messgerät 72 Stunden eingeschaltet bleiben musste

Besonders aufwendig war der Transport des 5,5 Kilogramm schweren Gravimeters. In seiner Beschreibung der technischen Vorbereitung erklärt das französische Vermessungsinstitut den empfindlichen Aufbau: Im Inneren befindet sich eine an einer Feder aufgehängte Masse, die unter Vakuum und bei gleichbleibender Temperatur gehalten wird. Änderungen der Schwerkraft verändern das Verhalten dieses Systems. Die Planung sah vor, das Gerät während der rund 72 Stunden zwischen Aufbruch und Rückkehr durchgehend eingeschaltet zu lassen. Eine Abschaltung hätte das thermische Gleichgewicht gestört und die spätere Vergleichbarkeit der Werte erschwert. Gleichzeitig müssen die Batterien in der Kälte funktionieren. Eine weitere Schwierigkeit lag im Aufstellen: Normalerweise arbeitet ein solches Instrument auf stabilem Fels oder Beton, nicht auf einer eisigen Gipfelfläche. Der Erfolg bestand deshalb nicht allein darin, das Gerät nach oben zu tragen. Es musste dort unter kontrollierten Bedingungen verwertbare Daten liefern. Frühere Versuche, ein Gravimeter bis zum höchsten Punkt zu bringen, waren in den Jahren 2001, 2003 und 2004 gescheitert.

Diesmal gelang die erste erfolgreiche Schwerkraftmessung unmittelbar auf dem Gipfel. Das französische Vermessungsinstitut IGN gibt in seinem Ergebnisbericht zur Expedition die ermittelte Schwerebeschleunigung mit 9,7944689 m/s² an. Die Gravimetrie liefert damit eine zusätzliche Information neben der geometrischen Höhenangabe. Die Stärke des Schwerefelds hängt unter anderem von der Höhe und der Verteilung der umgebenden Massen ab. Gestein und Eis tragen aufgrund ihrer unterschiedlichen Dichte verschieden dazu bei. Der neue Wert ist allerdings keine direkte Anzeige einer bestimmten verlorenen oder hinzugekommenen Eismenge. Dafür müssen die räumlichen Verhältnisse berücksichtigt und Messungen wiederholt werden. Die Teilnehmer erfassten deshalb auch Punkte entlang des Aufstiegs und dokumentierten deren Lage für spätere Vergleiche. Künftige Expeditionen sollen an solche Bezugspunkte anknüpfen können. Erst eine zeitliche Reihe erlaubt es, Veränderungen des Schwerefelds zu erkennen und gemeinsam mit den Oberflächenmodellen zu untersuchen. Die erfolgreiche Einzelmessung schafft dafür einen Ausgangspunkt, nicht bereits eine vollständige Erklärung aller bisherigen Höhenschwankungen.

Warum die neue Höhe nichts über die gesamte Eismenge sagt

Eine höhere Spitze bedeutet nicht zwangsläufig, dass der gesamte Gletscher an Masse gewonnen hat. Für seine Massenbilanz und langfristige Entwicklung zählen Zuwachs und Verlust über eine Fläche und einen festgelegten Zeitraum. Wird Schnee lediglich durch Wind umverteilt, kann sich an einer Stelle eine höhere Kuppe bilden, ohne dass dadurch insgesamt mehr Material vorhanden ist. Auch Volumen und Masse sind nicht identisch: Lockerer Neuschnee enthält bei gleichem Volumen deutlich weniger Wasser als dichtes Eis. Deshalb werden Gletscherbilanzen häufig als Wasseräquivalent angegeben. Gemeint ist die Wasserschicht, die sich ergäbe, wenn der entsprechende Schnee oder das Eis geschmolzen und über die betrachtete Fläche verteilt würde. Eine einzelne Gipfelhöhe liefert diese Information nicht. Ebenso lässt sie offen, wie sich tiefer liegende Teile desselben Gletschers entwickeln. Der Vergleich zweier Höhenangaben kann folglich eine Veränderung am höchsten Punkt belegen, aber keine umfassende Bilanz des Eises im gesamten Mont-Blanc-Massiv ersetzen.

Welche Erwärmung im Inneren des Eises verborgen bleibt

Dass sich selbst unter einer äußerlich wenig veränderten Oberfläche viel verändern kann, zeigt eine frühere Untersuchung am Dôme du Goûter anhand langjähriger Vermessungen und Temperaturmessungen in tiefen Bohrlöchern. Über den untersuchten Zeitraum von 1993 bis 2017 nahm die Eisdicke im Mittel nur um etwa 2,6 Meter ab. Die seit 1994 erhobenen Temperaturdaten zeigten dagegen eine Erwärmung um bis zu 1,5 Grad Celsius in rund 50 Metern Tiefe. Es handelt sich um Ergebnisse aus einem benachbarten Bereich des Massivs, nicht um neue Temperaturmessungen unter dem eigentlichen Mont-Blanc-Gipfel. Sie erklären jedoch, weshalb Höhe und thermischer Zustand getrennt untersucht werden müssen. Schmelzwasser kann in kalte Schichten eindringen und beim Wiedergefrieren Wärme freisetzen. So verändert sich das Eis im Inneren, bevor sich das zwingend als großer Höhenverlust zeigt. Die neue Gipfelhöhe beantwortet daher eine konkrete Vermessungsfrage. Für den Zustand und die Zukunft der Eiskappe sind zusätzlich ihre Form, ihre Masse und ihre Temperatur entscheidend.

Journal of Geophysical Research: Atmospheres, Very high-elevation Mont Blanc glaciated areas not affected by the 20th century climate change; doi:10.1029/2006JD007407
The Cryosphere, Strong changes in englacial temperatures despite insignificant changes in ice thickness at Dôme du Goûter glacier (Mont Blanc area); doi:10.5194/tc-14-925-2020

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