Ein ungewöhnlich dunkler Fleck im Dschungel auf Google Earth hat Höhlenforscher in Zentralvietnam zu einem riesigen Erdloch geführt. Es ist 120 Meter tief und wird nach unten breiter als an seiner Öffnung. Auf seinem Grund wächst ein Urwald mit alten Bäumen, am Fuß der Felswände liegen nach Schätzung des Teams Millionen Schneckenhäuser. Die Verwaltung des Nationalparks Phong Nha-Ke Bang hat den Fund am 23. Oktober 2026 öffentlich gemacht.
Das Erdloch liegt in einem streng geschützten Teil des Nationalparks Phong Nha-Ke Bang in der Provinz Quang Tri, im Gebiet Chà Nòi-Khe Gát. Seine ovale Öffnung misst etwa 190 mal 140 Meter, darunter weitet sich der Raum auf rund 250 mal 200 Meter. Die Tiefe beträgt 100 bis 120 Meter. Nach einer Vermessung auf Satellitenbildern umfasst es rund 2,2 Hektar, das entspricht etwa drei Fußballfeldern. Untersucht haben es Fachleute der US-amerikanischen National Speleological Society (NSS), Mitarbeiter des vietnamesischen Expeditionsunternehmens Jungle Boss und Ranger des Nationalparks. Die Expedition fand bereits im Juli 2025 statt, öffentlich gemacht wurde der Fund aber erst jetzt, zuerst am 22. Oktober gegenüber vietnamesischen Medien und am 23. Oktober 2026 in einer Mitteilung der Nationalparkverwaltung. Einen Namen hat das Erdloch noch nicht.
Am Anfang stand kein Fußmarsch, sondern ein Blick auf den Bildschirm. Kevin Ditamore, ein langjähriges Mitglied der NSS, durchsuchte Satellitenbilder auf Google Earth nach geologischen Hinweisen auf Höhlen. Dabei fiel ihm im dichten Waldgebiet ein ungewöhnlich großer, dunkler Fleck auf. Von oben ist das Loch kaum zu erkennen, weil die Baumkronen am Rand und am Grund es fast vollständig verdecken. Auf den unscharfen Bildern sah es eher aus wie ein Schatten im Wald.
Ditamore zeigte die Aufnahmen weiteren US-Höhlenforschern und Nguyen Van Uy, dem stellvertretenden Direktor und Sicherheitschef von Jungle Boss. Gemeinsam schickten sie Drohnen los. Erst beim dritten Anlauf ließ sich die genaue Lage des Erdlochs bestimmen. Zu der Stelle führte kein Weg, und niemand wusste, ob man sie zu Fuß überhaupt erreichen kann.
Ein erster Versuch scheiterte. Am 27. April 2025 brach ein zehnköpfiges Team auf, darunter zwei Ranger, die das Gebiet von ihren Patrouillen kennen. Es war Trockenzeit, und in der Gegend gibt es kaum Bäche. Am dritten Tag erreichte die Gruppe zwar den Rand des Lochs, doch Essen und Trinkwasser waren aufgebraucht. Sie musste umkehren, ohne hinabzusteigen.
Vom 23. bis zum 29. Juli 2025 folgte die eigentliche Expedition mit 24 Teilnehmern. Höhlenexperten, Techniker, Sicherheits- und Logistikleute sowie Ranger liefen in drei Tagen mehr als 20 Kilometer durch dichten Wald und über messerscharfe Karstfelsen, die in Vietnam wegen ihrer spitzen Formen Katzenohren heißen. Wasser lieferte unterwegs nur eine kleine Sickerstelle in einer Felswand, es reichte gerade zum Kochen. Am Rand des Lochs spannte das Team ein Sicherungssystem und seilte sich einzeln an den fast senkrechten Wänden ab, bis zu 120 Meter tief. Das entspricht etwa der Höhe eines Hochhauses mit 40 Stockwerken.
Schon beim Abstieg zeigte sich eine Besonderheit. Das Erdloch wird nach unten hin breiter. Während die Öffnung oben etwa 190 mal 140 Meter misst, ist der Boden nach ersten Messungen etwa 250 Meter lang und 200 Meter breit. Die Forscher beschreiben die Form als umgedrehte Schüssel. Die Wände sind voller Hohlräume und scharfer Felskanten. An mehreren Stellen ist Gestein abgerutscht, Schutt und große Kalksteinblöcke liegen am Fuß der Wände.
Unten wächst ein dichter Wald mit großen, alten Bäumen. Nach Einschätzung der beteiligten Fachleute spricht dieser Urwald dafür, dass das Erdloch schon vor Millionen von Jahren entstanden ist. Sie vermuten außerdem, dass unter einem so großen Einsturz einst ein kräftiger unterirdischer Fluss geflossen ist. An den Felswänden fanden die Forscher zudem Spuren von Tropfsteinen.
Am Fuß der Wände stießen die Höhlenforscher auf riesige Mengen von Schneckenhäusern und Muschelschalen. Das Team schätzt ihre Zahl auf mehrere Millionen. Dazwischen lagen Knochen und Schädel von Affen. Vom Rand des Lochs her hörten die Forscher Affenrufe, Affen leben also bis heute in der Gegend. Welche Tier- und Pflanzenarten in dem abgeschiedenen Wald vorkommen, ist noch offen. Dafür seien eigene biologische Untersuchungen nötig, heißt es in der Mitteilung der Nationalparkverwaltung.
Gesucht hat das Team vor allem nach einem Eingang zu einer Höhle. Meter für Meter suchten die Forscher die Wände ab. Sie fanden aber nur einen kleinen Felsspalt, etwa fünf Meter hoch und zwölf bis 15 Meter tief. Durch ihn strömte keine Luft. Ein Luftzug wäre ein Hinweis auf größere Hohlräume dahinter gewesen. „Das Wasser fließt hier durch Hunderte winziger Löcher und Spalten ab, statt sich an einer Stelle zu sammeln“, erklärt Ditamore. Eine Öffnung von nennenswerter Größe oder Luft, die vom Grund aufsteigt, habe man nicht gefunden. Möglich ist, dass ein früherer Höhleneingang unter dem abgerutschten Schutt am Fuß der Wände begraben liegt. Das lässt sich bisher aber weder belegen noch ausschließen.
Fachleute nennen solche Erdlöcher Dolinen, große Einsturztrichter wie dieser werden auch Einsturzdolinen genannt. Sie entstehen in Landschaften aus Kalkstein, dem sogenannten Karst. Regenwasser nimmt aus der Luft und dem Boden Kohlendioxid auf und wird dadurch leicht sauer. Über lange Zeiträume löst es den Kalk und frisst Spalten, Gänge und Hohlräume in den Untergrund. Wo ein unterirdischer Fluss eine große Halle ausgewaschen hat, kann die Decke irgendwann ihren Halt verlieren und einbrechen. Zurück bleibt ein Trichter mit steilen Wänden.
Das Kalkgebirge von Phong Nha-Ke Bang gehört zu den ältesten großen Karstgebieten Asiens. Nationalparkdirektor Pham Hong Thai sprach von einem neuen Beleg für das rund 400 Millionen Jahre alte Karstsystem der Region und betonte die Bedeutung des Fundes für die geologische Forschung. Weil das Gelände so unzugänglich ist, sind große Teile des Gebiets bis heute kaum erforscht.
Der Nationalpark ist seit 2003 Weltnaturerbe der UNESCO, 2015 wurde das Schutzgebiet erweitert. Nach Angaben der Verwaltung sind dort 472 Höhlen mit einer vermessenen Gesamtlänge von mehr als 254 Kilometern bekannt. Am berühmtesten ist Son Doong, die als größte bekannte Höhle der Welt gilt. In ihren riesigen Hallen bilden sich sogar Wolken unter der Erde. Auch dort ist die Decke an zwei Stellen eingestürzt, und durch die Öffnungen fällt Licht auf einen Wald im Inneren der Höhle.
In der Region Phong Nha-Ke Bang sind bisher fünf große Einsturzdolinen dokumentiert, darunter eine, die unter dem Namen Kong bekannt ist. Das neu vermessene Erdloch ist kleiner und weniger tief als Kong. Nguyen Van Uy, der seit mehr als 20 Jahren in den Wäldern des Nationalparks unterwegs ist, zählt es dennoch zu den größten, die er je gesehen hat.
Jungle Boss hat seine Messdaten und einen ausführlichen Bericht an die Nationalparkverwaltung übergeben. Die Verwaltung will das Erdloch nun gemeinsam mit Geologen und Höhlenexperten genauer untersuchen lassen. Geklärt werden sollen die genaue Größe, die Form und der geologische Aufbau, außerdem die Spalten, die abgerutschten Bereiche und mögliche verschüttete Hohlräume darunter. Auch Pflanzen und Tiere sollen erfasst werden. Jungle Boss schlägt außerdem vor, nach weiteren Zugangswegen von außen zu suchen.
Für Besucher ist das Erdloch nicht zugänglich, es liegt in einem streng geschützten Teil des Parks. Der Fund zeigt, dass selbst in einem der bekanntesten Höhlengebiete der Welt noch große Formen der Landschaft unentdeckt sein können. Manchmal genügt ein aufmerksamer Blick auf frei zugängliche Satellitenbilder, um sie aufzuspüren.
Nationalpark Phong Nha-Ke Bang (Ban quản lý Vườn quốc gia Phong Nha – Kẻ Bàng), Mitteilung vom 23. Oktober 2026: Phát hiện hố sụt khổng lồ giữa lòng di sản thế giới Vườn quốc gia Phong Nha – Kẻ Bàng; Expeditionsbericht Jungle Boss/National Speleological Society
Mit KI-Unterstützung erstellt
Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.