Zwergriednattern aus Südostasien rollen mit bis zu 3,69 Metern pro Sekunde über den Waldboden. Die kleinen Schlangen halten dabei ihren Kopf erstaunlich ruhig, während sich große Teile ihres Körpers um die eigene Längsachse drehen. Neue Videoanalysen zeigen, wie die Tiere den ungewöhnlichen Fluchtgang ausführen. Wie sie dabei die Orientierung behalten, war lange ungeklärt.
Zwischen feuchtem Laub und Wurzeln kann eine Gefahr für eine Zwergriednatter innerhalb eines Augenblicks auftauchen. Statt sich wie die meisten Schlangen in seitlichen Wellen davonzuschlängeln, krümmt das Tier seinen Körper, hebt den Kopf und beginnt eine Folge schneller Rollen. Für einen Beobachter sieht das aus, als würde sich die Schlange in ein lebendes Rad verwandeln. Die Bewegung war lange vor allem aus einzelnen Beobachtungen bekannt.
Yosuke Kojima von der Toho-Universität in Japan und seine Kollegen untersuchten den ungewöhnlichen Fluchtgang. Ihre Ergebnisse erschienen in Current Biology. Die Forschungsmitteilung der Toho-Universität zu den rollenden Schlangen fasst den Versuchsaufbau und die wichtigsten Befunde zusammen.
Die untersuchten Tiere stammen aus der Gattung Pseudorabdion, deren Vertreter in Südostasien leben und sich häufig im Laub, unter Steinen oder in anderen Verstecken aufhalten. Für die Feldarbeit suchten die Forscher im Kubah-Nationalpark auf Borneo nach den kleinen Reptilien. Ihre Körper sind so schmal und unauffällig, dass sie zwischen abgestorbenen Blättern leicht übersehen werden. Genau diese Tarnung erschwert es, das seltene Verhalten draußen systematisch zu filmen.
Das Team brachte die Tiere deshalb in eine kontrollierte Versuchsumgebung und setzte sie einzeln auf eine eigens eingerichtete Laufbahn. Ein leichter Reiz sollte sie zur Bewegung veranlassen, während Kameras von oben und von der Seite jede Phase aufzeichneten. So konnten die Wissenschaftler erkennen, wann der Körper den Bodenkontakt wechselte, wie sich die Krümmung veränderte und welche Haltung der Kopf währenddessen einnahm. Die Aufnahmen machten aus einer auffälligen Einzelbeobachtung eine messbare Bewegungssequenz.
In die Auswertung gingen dreizehn Zwergriednattern aus drei Arten ein: Pseudorabdion saravacense, Pseudorabdion collaris und Pseudorabdion longiceps. Alle zeigten die rollende Fortbewegung. Als Vergleich dienten Tiere aus der verwandten Gattung Calamaria, die bei den Versuchen auf die gewöhnliche schlängelnde Bewegung zurückgriffen. Dieser Vergleich ist wichtig, weil er zeigt, dass das Rollen nicht automatisch bei jeder ähnlich gebauten, schlanken Schlange auftritt.
Der Ablauf beginnt mit einer deutlichen Krümmung des Körpers. Die Schlange hebt den Kopf vom Boden und richtet ihn in die gewünschte Bewegungsrichtung aus. Während der hintere Körperabschnitt eine starke Drehung vollführt, bleibt der vordere Bereich vergleichsweise stabil. Dadurch muss der Kopf nicht jede Rotation mitmachen, obwohl der übrige Körper eine radartige Bewegung ausführt.
Entscheidend ist eine Bewegung, die die Forscher als „stroke“ beschreiben. Dabei schwingt ein gebogener Körperabschnitt neben dem Kopf nach unten und berührt den Boden. Anschließend wechselt die Schlange die Seite: Der Kontakt erfolgt nun auf der anderen Körperseite, und die Bewegung läuft in die entgegengesetzte Richtung. Durch diesen Wechsel entsteht eine fortlaufende Rollbewegung, die den Körper nach vorn transportiert.
Die Schlange dreht also nicht einfach ihren gesamten Körper wie einen starren Zylinder. Vielmehr übernehmen verschiedene Abschnitte unterschiedliche Aufgaben. Der hintere Teil erzeugt durch seine Rotation den Vortrieb, während der vordere Bereich die Richtung vorgibt und den Kopf stabilisiert. Gerade diese funktionelle Trennung macht das Manöver bemerkenswert, denn dem Tier fehlt eine feste Achse, um die sich ein Rad drehen könnte.
Bei einem gewöhnlichen Rad bleibt die Nabe ausgerichtet, während der äußere Umfang rotiert. Eine Schlange besitzt keine solche mechanische Trennung zwischen Kopf und Rumpf. Würde sie ihren gesamten Körper gleichmäßig drehen, müssten auch Augen, Geruchsorgane und andere Sinnesstrukturen ständig ihre Lage verändern. Die beobachtete Koordination umgeht dieses Problem durch eine aktive Steuerung der Körperform.
Aufnahmen aus dem Versuch zeigen, dass die Tiere ihre Bewegung nicht nur beschleunigen, sondern auch kontrollieren können. Sie rollten auf einer nur zwanzig Zentimeter breiten Bahn, ohne ständig seitlich abzukommen. Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Drehungen einer wiederholbaren Bewegungsstrategie folgen und nicht aus zufälligem Taumeln bestehen. Der Kopf bleibt dabei nach vorn gerichtet und verändert seine Höhe deutlich weniger als der rotierende Körperabschnitt.
Bei den Messungen ergaben sich während des Rollens deutlich höhere Vorwärtsgeschwindigkeiten als beim üblichen seitlichen Schlängeln. Im direkten Vergleich lag das Tempo ungefähr viermal so hoch wie bei der normalen Fortbewegung. Die Werte beschreiben kurze Beschleunigungsphasen und keine dauerhaft gehaltene Reisegeschwindigkeit. Die ausgeprägte Körperrotation macht das Rollen zu einem ungewöhnlich schnellen Fortbewegungsmodus.
Weitere Versuchsaufnahmen zeigen zudem, dass sich die Bewegung aus wiederkehrenden Teilaktionen zusammensetzt. Die Schlange krümmt den Körper, dreht den hinteren Abschnitt, setzt die jeweils andere Seite auf und wiederholt den Ablauf. Die Abfolge lässt sich in Zeitlupe nachvollziehen, obwohl sie für das bloße Auge wie ein einziger rasanter Überschlag wirken kann. Erst die getrennten Perspektiven machten sichtbar, wie stark sich die Bewegungen von Kopf und Rumpf unterscheiden.
Als Kontrollgruppe dienten sechs Calamaria-Schlangen, die ein anderes Bewegungsmuster zeigten. Diese Tiere rollten in der Versuchsanordnung nicht, sondern bewegten sich mit der typischen seitlichen Körperwelle fort. Der Vergleich legt nahe, dass die Fähigkeit zum aktiven Rollen innerhalb der untersuchten Schlangengruppen unterschiedlich ausgeprägt ist. Er beantwortet allerdings noch nicht, welche anatomischen oder physiologischen Unterschiede dafür verantwortlich sind.
Noch offen bleibt, ob die rollenden Arten besondere Eigenschaften ihrer Muskulatur, ihrer Wirbelsäule oder ihrer Bewegungssteuerung besitzen. Ebenso ist nicht geklärt, ob verwandte Arten das Verhalten grundsätzlich ausführen könnten, es aber unter natürlichen Bedingungen kaum einsetzen. Die Studie beschreibt vor allem die sichtbare Mechanik und zeigt, wie die Tiere ihre Körperteile koordinieren. Eine vollständige Erklärung der evolutionären Entstehung des Manövers liefert sie noch nicht.
Auch die Rolle des Rollens bei einer tatsächlichen Flucht ist noch nicht in allen Einzelheiten geklärt. Die Beobachtungen sprechen dafür, dass es als Reaktion auf eine Bedrohung eingesetzt wird. Wie häufig die Schlangen diese Technik in freier Natur nutzen, welche Feinde sie damit abschütteln und ob sie auf jedem Untergrund ähnlich gut funktioniert, muss weitere Feldarbeit zeigen. Auf weichem Laub kann der Bodenkontakt anders ausfallen als auf festem oder glattem Untergrund.
Die erste wissenschaftliche Beschreibung des ungewöhnlichen Verhaltens geht auf eine Beobachtung in Malaysia zurück, bei der eine Zwergriednatter nach einer Störung über den Boden rollte. Spätere Berichte erweiterten den Kreis der bekannten Arten, die dieses Verhalten zeigen. Die neue Untersuchung geht über die Beschreibung hinaus, weil sie den Bewegungsablauf aus mehreren Perspektiven rekonstruiert und mit einer Vergleichsgruppe überprüft.
In der Tierwelt gibt es weitere Beispiele für Fortbewegung, bei denen ein Organismus seine Körperform ungewöhnlich einsetzt. Manche Tiere springen, gleiten oder nutzen gespannte Körperstrukturen, um sich schnell von einem Ort zum anderen zu bewegen. Das Rollen der Zwergriednattern ist jedoch besonders auffällig, weil ein langgestreckter Körper dabei eine Bewegung ausführt, die normalerweise mit kompakten, radähnlichen Formen verbunden wird. Die Schlange löst das mechanische Problem nicht durch einen besonderen Körperanhang, sondern durch das abgestimmte Zusammenspiel ihrer Abschnitte.
Für die weitere Forschung stellt sich deshalb die Frage, ob das Rollen eine seltene Spezialisierung einzelner Arten ist oder ob es in der Verwandtschaft der Zwergriednattern häufiger vorkommt. Auch die Bedingungen, unter denen die Tiere vom Schlängeln zum Rollen wechseln, sind noch offen. Eine systematische Beobachtung im natürlichen Lebensraum könnte zeigen, welche Reize den Wechsel auslösen und wie die Tiere nach dem Manöver in ihre Verstecke gelangen.
Nach Ansicht der Autoren zeigen die Ergebnisse, wie Verhalten körperliche Grenzen überwinden kann. Die Form eines Tieres legt zwar nahe, welche Bewegungen leicht oder schwierig sind, sie bestimmt aber nicht jede mögliche Fortbewegungsweise. Bei den Zwergriednattern entsteht die ungewöhnliche Geschwindigkeit aus einer präzisen zeitlichen Abstimmung: Ein Körperabschnitt rotiert, ein anderer stabilisiert den Kopf, und der Bodenkontakt wechselt fortlaufend die Seite. Welche anatomischen Voraussetzungen diese Abstimmung ermöglichen, bleibt Gegenstand weiterer Untersuchungen.
Künftige Vergleiche sollen klären, wie weit das Verhalten innerhalb der Gattung verbreitet ist und ob es auch bei wild lebenden Tieren unter natürlichen Fluchtbedingungen regelmäßig auftritt. Dafür müssen Forscher die Schlangen in ihrem Lebensraum beobachten, ohne den entscheidenden Moment durch Annäherung oder künstliche Reize selbst auszulösen.
Yosuke Kojima et al., Current Biology, „Locomotor kinematics and head stabilization in rolling snakes“; doi:10.1016/j.cub.2026.08.057
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