Zwei Kälber wurden gesund geboren, obwohl ihnen ein Signal fehlte, das für den Beginn einer Trächtigkeit bislang als unverzichtbar galt. Münchner Forscher hatten die entsprechenden Gene gezielt ausgeschaltet. Trotzdem entwickelte sich der Nachwuchs bis zur Geburt. Die neue Untersuchung stellt damit eine langjährige Annahme über die Verständigung zwischen Embryo und Mutter infrage.
Die beiden weiblichen Kälber kamen am 26. Februar 2026 als Zwillinge zur Welt. Neu ist die am 8. Oktober in Nature Communications veröffentlichte Facharbeit, die den Versuch und die begleitenden Untersuchungen dokumentiert. Entscheidend ist nicht eine äußerliche Besonderheit der Tiere, sondern das Fehlen sämtlicher funktionsfähiger Gene für Interferon tau. Dieser Botenstoff, kurz IFNT, wird normalerweise vom frühen Embryo beziehungsweise seinen äußeren Zellschichten gebildet. Er galt als zentrale Nachricht an den mütterlichen Organismus, die hormonellen Voraussetzungen für die weitere Entwicklung aufrechtzuerhalten. Nach der bisher verbreiteten Vorstellung hätte sein vollständiger Ausfall die Trächtigkeit schon früh verhindern müssen. Dass zwei lebende Tiere daraus hervorgingen, widerspricht dieser uneingeschränkten Annahme. Zugleich handelt es sich um eine erfolgreiche Zwillingsgeburt und nicht um zwei voneinander unabhängige vollständig ausgetragene Trächtigkeiten.
Das Team um Asghar Ali und Eckhard Wolf prüfte nicht lediglich einen Zusammenhang zwischen niedrigen Hormonwerten und dem späteren Verlauf. Es schaltete die genetische Grundlage eines bestimmten Signals gezielt aus und untersuchte anschließend, ob die Entwicklung trotzdem fortschreiten konnte. Die Ludwig-Maximilians-Universität München beschreibt diesen genetischen Eingriff als direkte Prüfung einer jahrzehntealten Vorstellung. Der Unterschied ist wissenschaftlich wichtig: Wenn ein Stoff während einer erfolgreichen Trächtigkeit regelmäßig auftritt, zeigt das zunächst seine Beteiligung. Daraus folgt noch nicht automatisch, dass ohne ihn überhaupt keine erfolgreiche Entwicklung möglich ist. Um genau diese Unverzichtbarkeit ging es in dem Versuch. Die Geburt der beiden weiblichen Tiere bildet dabei den auffälligsten Endpunkt. Für die Erklärung waren jedoch auch Messungen an frühen Embryonen, an der Gebärmutter und am Eierstock nötig.
Nach dem Eisprung entsteht im Eierstock der Gelbkörper. Er produziert Progesteron und trägt damit dazu bei, geeignete Bedingungen für eine Trächtigkeit aufrechtzuerhalten. Bleibt die entsprechende Unterstützung aus, bildet sich der Gelbkörper zurück und der Fortpflanzungszyklus setzt sich fort. Nach dem klassischen Modell greift das embryonale Interferon tau in diesen Ablauf ein: Es verändert die Reaktion der Gebärmutterschleimhaut und hemmt Signale, die sonst zur Rückbildung des Gelbkörpers beitragen würden. Wichtig sind dabei unter anderem bestimmte Prostaglandine, also körpereigene Botenstoffe. IFNT wurde deshalb nicht bloß als Begleiterscheinung einer Trächtigkeit betrachtet, sondern als unverzichtbarer Auslöser ihrer mütterlichen Erkennung. Die neue Untersuchung trennt nun zwei bislang eng miteinander verbundene Beobachtungen. Das charakteristische Interferon-Signal kann fehlen, während die Funktion des Gelbkörpers und die weitere Entwicklung trotzdem erhalten bleiben. Die entscheidende Frage lautet daher, welche anderen Wege diese Unterstützung ermöglichen.
Rinder besitzen mehrere funktionsfähige Kopien der IFNT-Gene. Es genügte deshalb nicht, nur eine einzelne Kopie zu verändern und die übrigen unangetastet zu lassen. Das Team bearbeitete zunächst Rinderzellen mit CRISPR-Cas9 und wählte anschließend Zelllinien aus, in denen alle entsprechenden funktionsfähigen Genkopien ausgeschaltet waren. Aus diesen Zellen wurden die Kerne für einen somatischen Zellkerntransfer gewonnen. Dabei kommt der Zellkern einer Körperzelle in eine Eizelle, deren eigenes Kernmaterial entfernt wurde. Auf diese Weise entstanden geklonte Embryonen mit der zuvor überprüften Veränderung. Die Forscher konnten so bereits vor der Übertragung auf Empfängertiere kontrollieren, welche genetische Ausstattung vorlag. Zum Vergleich erzeugten sie auch Embryonen aus nicht entsprechend veränderten Zellen. Das Verfahren diente der Untersuchung des Botenstoffs und ist keine neue Methode, um gewöhnliche Rinderträchtigkeiten ohne weitere Voraussetzungen zu verbessern. Der besondere Versuchsaufbau bleibt Teil der Interpretation.
Die Forscher sicherten den Ausfall auf mehreren Ebenen ab. Genetische Untersuchungen prüften die veränderten Erbgutabschnitte. Proteinanalysen suchten nach dem Botenstoff selbst, während zusätzliche Funktionstests seine biologische Aktivität erfassten. Die veränderten Embryonen bildeten dabei kein nachweisbares IFNT. Trotzdem entwickelten sie sich im Labor bis zum Stadium der Blastozyste, einer frühen Entwicklungsform mit unterschiedlichen Zellbereichen. In fünf unabhängigen Versuchsansätzen fand sich kein statistisch nachweisbarer Unterschied der untersuchten frühen Entwicklungsraten gegenüber den Vergleichsembryonen. Auch später zeigten die untersuchten frühen Fruchtanlagen die für Rinder typische starke Verlängerung ihrer Hüllen. Gleichzeitig blieb in der Gebärmutterschleimhaut die sonst erwartete Aktivierung interferonabhängiger Gene aus. Es fehlte also nicht nur ein einzelner Messwert, sondern auch die charakteristische mütterliche Reaktion. Der Organismus erhielt erkennbar eine andere Kombination von Signalen, ohne dass dadurch zwangsläufig jede weitere Entwicklung zum Stillstand kam.
In einer eigenständigen Versuchsserie erhielten zehn Empfängertiere jeweils zwei oder drei genetisch veränderte Embryonen. Bei drei Tieren bestätigten Ultraschalluntersuchungen eine Zwillingsentwicklung. Zwei dieser Trächtigkeiten wurden am 50. beziehungsweise 75. Tag für Gewebeuntersuchungen beendet. Die Empfängertiere wurden dafür eingeschläfert, sodass die Forscher auch Gebärmutter, Eierstöcke und die Verbindung zwischen mütterlichem und embryonalem Gewebe untersuchen konnten. Diese geplanten Untersuchungen dürfen nicht als spontane Fehlgeburten mitgezählt werden. Die dritte Zwillingsentwicklung wurde bis zur Geburt weitergeführt und brachte die beiden weiblichen Kälber hervor. Genetische Tests bestätigten auch bei ihnen das vollständige Fehlen funktionsfähiger IFNT-Gene. Die berichteten körperlichen Untersuchungswerte lagen im normalen Bereich. Aus der Serie ergibt sich damit ein konkreter Nachweis, dass die Entwicklung unter diesen Versuchsbedingungen bis zur Geburt reichen kann. Sie liefert noch keine verlässliche Erfolgswahrscheinlichkeit für größere Bestände oder für natürlich entstandene Embryonen.
Die früher beendeten Trächtigkeiten zeigten zugleich, weshalb die Geburt der beiden gesunden Kälber nicht mit einem durchweg unauffälligen Versuchsverlauf gleichgesetzt werden darf. In den untersuchten Zwillingspaaren wies jeweils ein Fötus Entwicklungsauffälligkeiten auf, die die Autoren als typisch für mögliche Folgen des Klonverfahrens einordnen. Diese Zuordnung beschreibt ihre Interpretation und beweist nicht für jeden Einzelfall eine bestimmte Ursache. Die Befunde gehören dennoch zur Gesamtbewertung. Auch die Zahl der Tiere ist klein, und alle Embryonen entstanden unter besonderen Laborbedingungen. Die Untersuchung beantwortet deshalb vor allem eine eng umrissene Grundsatzfrage: Ist embryonales IFNT unter allen Umständen erforderlich, damit bei Rindern eine Trächtigkeit entsteht und bis zur Geburt erhalten bleibt? Die dokumentierte Zwillingsgeburt zeigt, dass diese absolute Aussage nicht bestehen kann. Ob und wie stark das Signal unter anderen Bedingungen zum Erfolg beiträgt, ist eine weitergehende Frage.
Mehrere Embryonen könnten gemeinsam mehr alternative Botenstoffe abgeben als ein einzelner. Diesen Einwand und die geringe Fallzahl hatte bereits eine im Mai 2026 erschienene fachliche Einordnung der vorläufigen Ergebnisse hervorgehoben. Die jetzt veröffentlichte Arbeit enthält deshalb zusätzlich einen Versuch mit vier Empfängertieren, die jeweils nur einen veränderten Embryo erhielten. Bei einem Tier wurde eine Trächtigkeit am 36. Tag festgestellt und am 46. Tag erneut bestätigt. Zum in der Facharbeit berichteten Beobachtungsstand bestand sie weiter; eine zusätzliche Geburt wurde nicht dokumentiert. Dieser Versuch zeigt, dass mehrere Embryonen für die beobachtete frühe Erhaltung nicht zwingend nötig waren. Er ersetzt aber noch keine wiederholte erfolgreiche Geburt nach Einzelübertragung. Gerade diese Trennung zwischen beginnender Entwicklung, längerem Fortbestand und vollständigem Austragen hält die Aussage der Untersuchung präzise.
Als möglicher Teil eines alternativen Signalwegs kommt Prostaglandin E2 infrage. Dieser Stoff kann zur Erhaltung des Gelbkörpers beitragen. In den untersuchten frühen Fruchtanlagen war er auch ohne IFNT vorhanden. Seine gemessenen Mengen unterschieden sich nicht statistisch nachweisbar von denen der Vergleichsgruppe. Das spricht eher gegen die einfache Vorstellung, der Genverlust habe erst einen völlig neuen Ersatzmechanismus eingeschaltet. Die Autoren vermuten vielmehr einen bereits unter normalen Bedingungen vorhandenen parallelen Signalweg. Welche Rolle Prostaglandin E2 dabei genau spielt, muss jedoch gezielt geprüft werden. Seine Anwesenheit allein beweist ebenso wenig Unverzichtbarkeit wie zuvor die regelmäßige Beobachtung von IFNT. Auch Interferon tau könnte weiterhin wichtige Aufgaben erfüllen, beispielsweise bei der Regulation von Abwehrreaktionen. Die beiden Kälber zeigen deshalb nicht, dass dieser Botenstoff nutzlos wäre. Sie zeigen, dass erfolgreiche Entwicklung bei Rindern unter den untersuchten Bedingungen auch ohne seine embryonale Produktion möglich ist.
Nature Communications, Pregnancy establishment in cattle without embryonic interferon tau; doi:10.1038/s41467-026-78446-4
Journal of Reproduction and Development, Beyond a single signal: How can bovine pregnancy be established without IFNT?; doi:10.1262/jrd.2026-051