Stadtvögel lassen Männer im Durchschnitt näher herankommen als Frauen. In einer Untersuchung aus fünf europäischen Ländern begann ihre Flucht bei der Annäherung einer Frau etwa einen Meter früher. Der Unterschied zeigte sich trotz angeglichener Körpergröße und Kleidung der Beobachter. Welche Signale die Tiere tatsächlich wahrnahmen, konnte die Studie nicht klären.
Das Team um Federico Morelli von der Universität Turin und Kollegen untersuchte die Reaktionen frei lebender Vögel in sieben Städten. Die in People and Nature veröffentlichte Auswertung umfasst 2.581 Beobachtungen von 37 Vogelarten. Die Standorte lagen in Deutschland, Frankreich, Polen, Spanien und Tschechien. Stadtvögel wurden dabei nicht eingefangen, sondern während einer standardisierten Annäherung im Freiland beobachtet.
Ein Beobachter ging mit gleichmäßiger Geschwindigkeit auf einen ausgewählten Vogel zu. Er erfasste die Entfernung zu Beginn, eine gegebenenfalls erkennbare erste Aufmerksamkeit und den Abstand beim Ausweichen. Die Fluchtdistanz bezeichnet somit den Punkt, an dem das Tier den bisherigen Aufenthaltsort verlässt. Dabei kann es auffliegen oder sich auf andere Weise entfernen. Das Maß beschreibt ein beobachtbares Verhalten und keine direkte Messung eines inneren Angstgefühls.
Die Entscheidung zur Flucht hat für einen Vogel mehrere Seiten. Frühes Ausweichen kann ein Risiko verringern, unterbricht aber die Nahrungssuche und kostet Energie. Zu langes Abwarten kann dagegen gefährlich werden. Die jeweilige Umgebung verändert diese Abwägung zusätzlich. Nähe zu Verstecken, frühere Erfahrungen und die Ausgangsentfernung gehören deshalb zu den möglichen Einflussgrößen solcher Untersuchungen.
Über die erfassten Beobachtungen hinweg betrug die mittlere Fluchtdistanz bei Frauen etwa 8,5 Meter und bei Männern etwa 7,5 Meter. Das sind zusammengefasste Werte aus unterschiedlichen Arten und Situationen. Sie bedeuten nicht, dass jeder Vogel vor jeder Frau früher flieht als vor jedem Mann. Einzelne Begegnungen können erheblich vom Durchschnitt abweichen. Die statistische Auswertung berücksichtigt solche Unterschiede zwischen Arten und Städten.
Zusätzlich erfassten die Forscher Merkmale wie die Größe einer Vogelgruppe und die Vegetation in der Umgebung. Weibliche und männliche Beobachter wurden hinsichtlich Körpergröße und Kleidung möglichst vergleichbar ausgewählt. Dadurch sollten naheliegende äußere Unterschiede vermindert werden. Vollständig identisch waren die sich nähernden Personen dennoch nicht. Eine Freilanduntersuchung kann nicht sämtliche individuellen Merkmale gleichzeitig angleichen.
Aus dem Ergebnis folgt zunächst, dass die untersuchten Annäherungen unterschiedlich beantwortet wurden. Es zeigt nicht, ob die Vögel Menschen in denselben Kategorien einordnen wie Menschen selbst. Denkbar sind Unterschiede im Bewegungsmuster, in der Körperform oder in anderen Sinneseindrücken. Solche Erklärungen bleiben Hypothesen, solange die entsprechenden Merkmale nicht gezielt voneinander getrennt werden. Eine Aussage über eine besondere Absicht oder vermeintliche Abneigung der Tiere wäre daher unbegründet.
Dass Vögel visuelle Informationen rasch verarbeiten können, zeigen beispielsweise Experimente zu schnellen Sehentscheidungen bei Krähen. Diese Versuche beantworten jedoch eine andere Frage. Sie erklären nicht den Unterschied zwischen den Beobachtergruppen in der aktuellen Studie. Wahrnehmungsleistung, gelernte Erfahrungen und die Entscheidung zur Flucht müssen getrennt untersucht werden, bevor sich ein genauer Mechanismus benennen lässt.
Für Verhaltensstudien ist der Befund vor allem ein methodischer Hinweis. Werden an verschiedenen Orten unterschiedliche Beobachter eingesetzt, können persönliche Merkmale einen Teil der gemessenen Unterschiede mitverursachen. Angaben zur Durchführung und zur Zusammensetzung des Teams helfen deshalb bei der Einordnung. Wiederholungen mit weiteren Personen wären besonders aufschlussreich. Erst damit lässt sich prüfen, wie allgemein der Zusammenhang über die untersuchten Beobachter hinaus gilt.
Die Reaktion auf einzelne Fußgänger darf außerdem nicht mit langfristiger Lebensraumvermeidung verwechselt werden. Veränderte Verteilungen von Wasservögeln um Offshore-Windparks betreffen etwa andere Arten, Störreize und Zeiträume. Ein einheitlicher Maßstab für sämtliche menschlichen Einflüsse ergibt sich daraus nicht. Die aktuelle Studie beschreibt einen begrenzten, aber über mehrere europäische Standorte wiederkehrenden Unterschied im unmittelbaren Ausweichverhalten.
People and Nature, Sex matters: European urban birds flee approaching women sooner than approaching men; doi:10.1002/pan3.70226
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