Gruppendynamik

Social Distancing - Kranke Fledermäuse halten Abstand

Robert Klatt

Social Distancing ist keine Erfindung des Menschen, sondern wird auch von kranken Vampirfledermäusen befolgt.

Berlin (Deutschland). In der Medizin unterscheidet man zwei Formen des Social Distancing. Beim sogenannten aktivem Distanzieren werden kranken Individuen entweder von der Gemeinschaft gemieden oder sie ziehen sich wie Menschen während der aktuellen Covid-19-Pandemie selbst zurück, um eine Ansteckung von Artgenossen zu vermeiden. Passives Distanzieren ist hingegen eine Form des Social Distancing, bei der Individuen durch Müdigkeit, Lethargie oder andere Auswirkungen ihrer Krankheit weniger soziale Kontakte haben.

Wissenschaftler vom Naturkundemuseum Berlin, der Ohio State University und der University of Texas haben nun untersucht, ob sich das Sozialverhalten infizierter Vampirfledermäuse ändert, um eine Ausbreitung der Krankheit in ihrer Population zu verlangsamen. Laut der im Fachmagazin Behavioral Ecology publizierten Studie fingen die Forscher dazu 31 Weibchen in Lamanai, Belize.

Bakterielle Infektion simuliert

Anschließend simulierten sie bei der Hälfte der Fledermäuse eine bakterielle Infektion. Dazu benutzten sie einen Wirkstoff, der sechs bis zwölf Stunden Krankheitssymptome auslöst. Um zu untersuchen, ob die „kranken“ Tiere ihr Sozialverhalten anpassen, wurden sie mit Näherungssensoren ausgestattet und dann mit den übrigen Fledermäusen wieder freigelassen.

Hightech-Sensoren dokumentieren Sozialverhalten

Die kleinen Sensoren auf dem Rücken der Tiere dokumentierten dann für drei Tage, welche Tiere sich in der Nähe anderer Fledermäuse aufhielten. Es konnte so ein dynamisches soziales Netzwerk erstellt werden, das es ermöglicht Veränderung des Sozialverhaltens zwischen gesunden und kranken Tieren sichtbar zu machen.

Laut Simon Ripperger „eröffnen diese Hightech-Sensoren aus Eigenbau völlig neue Perspektiven auf das höchst dynamische Sozialverhalten dieser Fledermäuse. Derartige Experimente in freier Wildbahn durchzuführen und zeitgleich Veränderungen im sozialen Netzwerk einer ganzen Kolonie im Sekundentakt beobachten zu können, war bisher undenkbar.“

Weniger Kontakt zu Gruppenmitgliedern

Die Beobachtungsdaten zeigen klar, dass die Krankheitssymptome das Sozialverhalten der Tiere tiefgreifend beeinflusst. Kranke Tiere reduzieren sowohl die Anzahl der Kontakte als auch die mit ihnen verbrachte Zeit. Außerdem nimmt die Wahrscheinlichkeit stark ab, dass eine gesunde Vampirfledermaus Kontakt mit einem infizierten Tier hat. Social Distancing ist also auch unter Fledermäusen ein wirkungsvoller Mechanismus, um die Ausbreitung von Krankheiten zu stoppen.

Behavioral Ecology, doi: doi.org/10.1093/beheco/araa111

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