Nur wenige Arten überlebten

Schnecke mit winzigem Computer löst Rätsel um Massensterben

Conny Zschage

In den 1970ern starben mehr als 50 Schneckenarten in Französisch-Polynesien aufgrund eines neuen Fressfeindes aus. Die Partula hyalina Schnecke war eine der wenigen überlebenden Arten. Warum genau sie weiterhin eine stabile Population aufweist, während so viele andere Arten verschwanden, war bisher nicht eindeutig klar. Nun hat eine neue Studie mithilfe eines winzigen Computers herausgefunden, dass ihr weißes Haus sie wahrscheinlich entscheidend schützt.

Tahiti (Französisch-Polynesien). Mitte des 20. Jahrhunderts beschließen die Gesellschaftsinseln, eine Inselgruppe, die zu Französisch-Polynesien gehört, dass eine neue Schneckenart angesiedelt werden soll: die Große Achatschnecke. Sie kommt ursprünglich aus Afrika, aber in vielen Teilen der Erde ist sie zu diesem Zeitpunkt eine geschätzte Delikatesse.  Mehrere Länder auf der ganzen Welt haben die Schnecke bereits kultiviert und können auf dem Weltmarkt hohe Preise für die rund 30 Zentimeter lange Schnecke verlangen.

Für die Gesellschaftsinseln, die wie viele Inseln im Pazifik hauptsächlich von Fischfang leben und deren Bevölkerung sehr arm ist, könnte der Handel von Schnecken als Delikatesse entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung sein. Zudem verfolgt die französische Regierung, welche die Inseln zu diesem Zeitpunkt bereits beansprucht, auch ein eigennütziges Ziel: Wenn das eigene Überseegebiet die begehrte Schnecke kultiviert, muss sie nicht teuer aus Asien importiert werden.

Plan misslingt fürchterlich

Die Große Achatschnecke, welche die trockenen und harten Wetterbedingungen aus Afrika gewohnt ist, entwickelt sich prächtig im pazifischen Klima. Zu prächtig. Denn gelegentlich schafft es die ein oder andere Schnecke in die freie Wildbahn, wo sie sich ebenfalls rasend schnell vermehrt. So schnell, dass nur nach einigen Jahren die gesamte Vegetation und die Agrarindustrie der Inseln gefährdet sind und eine Hungersnot droht. Andere Länder haben mittlerweile ein ähnliches Problem, da sich die Große Achatschnecke fast überall ungehindert ausbreitet.

Doch die Achatschnecke hat einen natürlichen Fressfeind: Die Rosige Wolfsschnecke. Sie stammt ursprünglich aus Nordamerika, wird bis zu 10 Zentimeter lang und ernährt sich ausschließlich von anderen Schnecken. Kleinere werden mitsamt ihrem Gehäuse verspeist, größeren beißt die Wolfschnecke einfach Fleischstücke heraus. Zudem ist sie dafür bekannt, dass sie bis in die hintersten Ecken vordringt, um ihre Beute vollständig zu fressen.

1973 wird die Rosige Wolfsschnecke in Französisch-Polynesien angesiedelt, um die Große Achatschnecke zu vernichten, welche sich stark ausgebreitet hat. Anfangs ist der Plan ein voller Erfolg: Die Wolfschnecke vernichtet jede Achatschnecke, die sie finden kann. Doch damit nicht genug: Auch eigentlich heimische nicht invasive Schneckenarten fallen der Wolfsschnecke zu Opfer. Ihr Hunger ist so groß, dass von den 61 ursprünglichen Arten nach einigen Jahren nur noch fünf übrig sind.

Einzelne Arten überleben durch Glück

Das Massenaussterben von Schnecken im artenreichen Französisch-Polynesien war eine Katastrophe für die gesamte Wissenschaft. Die Analyse von Schnecken kann wichtige Informationen zur gesamten Erdgeschichte beinhalten, da einige Arten bereits seit Millionen von Jahren die Erde bevölkern. Ihr Verschwinden bedeutet auch das Verschwinden vieler potenzieller Erkenntnisse. Auch das gesamte pazifische Ökosystem wird gefährdet, möglicherweise starben einige Vogelarten aufgrund des Schneckensterbens ebenfalls aus.

Nur einige wenige Arten überleben durch Glück. Davon besiedeln die meisten kleinere Inseln, auf welchen die Rosige Wolfschnecke nicht eingeführt wurde. Doch einige Arten haben auch in direkter Nachbarschaft mit der Raubschnecke stabile Populationen. Eine davon ist Partula hyalina. Sie wird nur einige Zentimeter groß, verfügt aber über ein strahlend helles, weißes Gehäuse. Viele Wissenschaftler vermuteten deshalb, dass das weiße Schneckenhaus Sonne sehr effektiv absorbiert und die Schnecke so in besonders Sonnenreichen Gebieten überleben kann. Dies könnte sie vor der Rosigen Wolfschnecke schützen

Minicomputer gibt Antwort

Bis vor Kurzem konnte diese Theorie aber nicht überprüft werden, da die Wissenschaft nicht über die benötigte Technologie verfügte. Doch dann wurde an der Universität Pittsburgh ein Computer entwickelt, welcher nur 2x5x2 Millimeter groß ist. Ursprünglich verfügte dieser nur über einige Sensoren, ein Solardach und eine Batterie. Nach einigen Modifikationen konnte durch Messen des Füllstandes der Batterie ermittelt werden, wie stark die Sonneneinstrahlung war.

Die neue Technologie wurde dann von einer eigenen Forschungsgruppe bei den Schnecken eingesetzt. Der Minicomputer konnte einfach an die Rosige Wolfschnecke befestigt werden, um von ihr rumgetragen zu werden und das Lichtlevel zu messen. Bei Partula hyalina mussten die Wissenschaftler vorsichtiger sein, da die Spezies trotz ihrer Überlebensfähigkeiten stark gefährdet ist. Sie beschlossen, die Computer mit Magneten auszurüsten, um sie an Blätter von Partula hyalina zu befestigen.

Partula hyalina lebt viel sonniger

Die Auswertung der gesammelten Daten ergab, dass Partula hyalina fast zehnmal mehr Licht abbekommt als die Rosige Wolfsschnecke. Dadurch kann sie in Gebieten überleben, in denen die Wolfsschnecke austrocknen würde. Nachts ist sie zwar trotzdem gefährdet, jedoch kann die Wolfschnecke über Nacht meist keine sonderlich großen Distanzen zurücklegen, wodurch Partula hyalina vor ihr geschützt ist.

Die Wissenschaftler hoffen nun, dass mithilfe des Minicomputers neue Lebensweisen vieler wirbelloser Tiere studiert werden können. Die Analyse von Partula hyalina, welche im Fachjournal Communications Biology veröffentlicht wurde, ist höchstwahrscheinlich erst der Anfang der neuen Technik. In Zukunft können hoffentlich weitere Erkenntnisse zu winzigen Lebewesen gemacht werden.

Communications Biology, doi: 10.1038/s42003-021-02124-y

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