Jagd im Urmeer

Riesige Meeressaurier lauerten ihrer Beute offenbar im Flachwasser auf

 Dennis Lenz

Riesige Meeressaurier lauerten ihrer Beute offenbar im Flachwasser auf
(Symbolbild) Meeressaurier besaßen unterschiedlich gebaute Schwänze. Neue Berechnungen untersuchen, was das für einen plötzlichen Vorstoß auf Beute bedeutete. Die Ergebnisse sprechen für unterschiedliche Jagdweisen. Grundlage sind fossile Skelette und biomechanische Rekonstruktionen, keine direkt beobachteten Schwimmgeschwindigkeiten. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Einige riesige Meeressaurier waren offenbar besser für einen plötzlichen Angriff aus dem Hinterhalt gebaut als für lange Verfolgungsjagden. Neue Berechnungen anhand fossiler Skelette zeigen deutliche Unterschiede zwischen vier Mosasauriergruppen. Entscheidend war dabei nicht nur die Größe der Tiere. Die Beweglichkeit ihres Schwanzes könnte bestimmt haben, wie überraschend sie auf ihre Beute losschossen.

Der Vergleich betrifft Platecarpus, Tylosaurus, Mosasaurus und Plotosaurus. Für ihre Körpergröße erreichten die beiden erstgenannten im Modell die höheren Geschwindigkeiten beim einzelnen Vorstoß. Die anderen waren offenbar eher auf ausdauerndes Schwimmen ausgerichtet. Daraus leitet das Team unterschiedliche Jagdweisen ab: schnelle Überraschungsangriffe in flacheren Meeren auf der einen, Verfolgung im offenen Wasser auf der anderen Seite.

Die am 7. Oktober 2026 in Current Biology veröffentlichte Arbeit rekonstruiert Bewegungen ausgestorbener Tiere. Sie berichtet weder über einen neu beobachteten Jagdvorgang noch über eine direkt gemessene historische Schwimmgeschwindigkeit. Ihr Ausgangspunkt sind nahezu vollständige fossile Skelette und ein physikalisches Modell.

Ein kräftiger Schwanzschlag entscheidet über den Start

Untersucht wurde ein kurzer Bewegungsablauf: Das Tier biegt den Schwanz zunächst zu einer Seite und schlägt ihn anschließend kraftvoll zurück. Dabei drückt es gegen das Wasser und beschleunigt seinen Körper nach vorn. Für einen solchen Start gelten andere Anforderungen als für gleichmäßiges Schwimmen über eine längere Strecke.

Ein Räuber muss bei einem Überraschungsangriff vor allem die erste Distanz zur Beute rasch überwinden. Bei einer Verfolgung zählt dagegen, wie lange er sich effizient bewegen kann. Deshalb ist eine schwächere Startleistung nicht automatisch ein Nachteil in jeder Jagdsituation. Sie kann zu einem Körperbau gehören, der bei einer anderen Bewegungsaufgabe günstiger ist.

Die Form der Schwanzflosse ist nicht frei erfunden

Wie viel fossile Überreste über den Körper verraten können, zeigte bereits eine 2010 veröffentlichte Untersuchung eines Platecarpus-Skeletts. Das 5,67 Meter lange Exemplar LACM 128319 bewahrt neben Knochen auch Weichteilspuren und einen charakteristisch nach unten gebogenen Schwanzabschnitt. Es half, ältere Vorstellungen eines langgezogenen, überwiegend schlängelnden Meerestiers zu korrigieren.

Ein weiteres, 2013 beschriebenes Fossil aus Jordanien lieferte bei einem anderen Mosasaurier besonders direkte Hinweise auf eine zweilappige Schwanzflosse. Diese älteren Funde sind nicht die neue Nachricht. Sie erklären aber, warum sich heutige Rekonstruktionen auf mehr stützen können als auf eine Reihe nackter Wirbel.

Bewegliche Schwänze brachten einen Vorteil

Nach dem Bericht der beteiligten Rutgers University besaßen Platecarpus und Tylosaurus einen längeren beweglichen Schwanzbereich. Dadurch konnten sie vor dem Vorstoß weiter ausholen. Die Forscher variierten in ihren Berechnungen unter anderem Muskelkraft, Beweglichkeit und Wasserwiderstand. Wie weit sich der Schwanz biegen ließ, beeinflusste das Ergebnis besonders stark.

Für einen besonders großen Tylosaurus ergab sich unter den Modellannahmen eine kurze Beschleunigung auf ungefähr 24 Kilometer pro Stunde mit einem kräftigen Schwanzschlag. Diese Zahl bezeichnet keinen gesicherten Dauerrekord. Die fehlende Muskulatur musste aus anatomischen Vergleichen rekonstruiert werden. Aussagekräftiger als eine einzelne Geschwindigkeitszahl ist deshalb der Unterschied, der zwischen den Körperformen unter verschiedenen Annahmen bestehen blieb.

Kein gemeinsamer Jagdstil für alle Meeressaurier

Mosasaurier waren an das Meer angepasste Echsen, keine Dinosaurier. Schon die untersuchten vier Formen zeigen, warum sich ihr Verhalten nicht sinnvoll auf einen einzigen Typ von riesigem Meeresjäger reduzieren lässt. Ein beweglicher Schwanz kann einen explosiven Start begünstigen, eine andere Gestalt länger anhaltenden Vortrieb. Beides kann für ein Raubtier erfolgreich sein.

Die vermuteten Angriffe aus dem Hinterhalt sind eine ökologische Deutung dieser mechanischen Unterschiede. Ob ein bestimmtes Tier tatsächlich im Flachwasser lauerte, lässt sich aus seinem Schwanz allein nicht beweisen. Die neue Arbeit macht aber eine überprüfbare Verbindung zwischen Körperbau und Jagdmöglichkeit sichtbar. Nicht jeder große Räuber musste seine Beute lange verfolgen. Für manche könnte der entscheidende Vorteil in den ersten Augenblicken gelegen haben.

Current Biology, Mosasaur tail morphology reveals burst swimming performance and ecological diversity; doi:10.1016/j.cub.2026.09.036
PLOS ONE, Convergent Evolution in Aquatic Tetrapods: Insights from an Exceptional Fossil Mosasaur; doi:10.1371/journal.pone.0011998
Nature Communications, Soft tissue preservation in a fossil marine lizard with a bilobed tail fin; doi:10.1038/ncomms3423

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