Im Golf von Kalifornien haben Forscher ein Jagdverhalten von Orcas dokumentiert, das bislang in keiner wissenschaftlichen Beschreibung auftauchte. Ein Tier fixiert einen erbeuteten Mondfisch, ein zweites rast mit voller Geschwindigkeit heran und trifft den Körper frontal. Das Gewebe des bis zu 2000 Kilogramm schweren Beutetiers zerfällt dabei in tausende Fragmente, die anschließend frei im Wasser treiben. Zwei unabhängig gefilmte Ereignisse liegen der Erstbeschreibung zugrunde, und beide folgen demselben präzisen Ablauf. Über den Zweck dieser Rammtaktik sind sich die Beteiligten bis heute nicht einig.
Orcas gelten als die anpassungsfähigsten Jäger der Weltmeere und treten in vielen Regionen als spezialisierte Ökotypen auf, die jeweils eigene Beutetiere und eigene Techniken bevorzugen. Manche Gruppen jagen Heringe, andere reißen Robben von Eisschollen, wieder andere greifen Weiße Haie an und fressen gezielt deren Leber. Diese Techniken werden nicht instinktiv weitergegeben, sondern innerhalb der Familienverbände gelernt, und Verhaltensbiologen sprechen deshalb von kulturellen Traditionen, wenn Schwertwale ihre Methoden an die nächste Generation übertragen. Zu diesen Traditionen gehört auch eine ausgefeilte akustische Verständigung, denn wie Orcas miteinander kommunizieren, entscheidet über den Erfolg jedes koordinierten Angriffs. Im Golf von Kalifornien lebt eine Gruppe, die sich auf große Knorpel- und Knochenfische spezialisiert hat und dabei regelmäßig Beute erlegt, die dem eigenen Körpergewicht nahekommt. Genau dort wurde nun ein Ablauf beobachtet, der über das reine Töten hinausgeht.
Der Mondfisch, den die Gruppe erbeutete, gehört zur Art Masturus lanceolatus und zählt zu den schwersten Knochenfischen der Erde. Ausgewachsene Tiere erreichen mehr als drei Meter Länge und bis zu 2000 Kilogramm Masse, besitzen aber keine echte Schwanzflosse, sondern ein verwachsenes Endstück, das dem Körper eine scheibenartige Form gibt. Ihr Skelett ist stark verknöchert und ihr Gewebe vergleichsweise starr, was bei plötzlicher Krafteinwirkung kaum Spielraum lässt. Die Fische steigen regelmäßig an die Oberfläche, um sich aufzuwärmen, zu ruhen oder Parasiten abnehmen zu lassen, und genau in dieser Phase werden sie für Räuber gut erreichbar. Im Golf von Kalifornien gehören Mondfische deshalb zu den am häufigsten erbeuteten Arten der dort lebenden Schwertwale, die üblicherweise zuerst die Brustflossen abtrennen und anschließend die inneren Organe herauslösen.
Der beschriebene Ablauf folgt einem festen Muster. Ein ausgewachsenes Weibchen ergreift den bereits toten Fisch am hinteren Ende und hält ihn nahezu bewegungslos vor dem eigenen Körper, während sich ein zweites Tier aus der Distanz mit hoher Geschwindigkeit nähert. Unmittelbar vor dem Aufprall lässt das haltende Tier los, sodass die gesamte Bewegungsenergie ungebremst in den Fischkörper übergeht. Das Team um Kathryn Ayres von der Meeresschutzorganisation Beneath The Waves beschreibt die Beobachtungen im Fachjournal Frontiers in Ethology als hold to ram, also als Halten und Rammen, und trennt diesen Ablauf klar vom eigentlichen Tötungsvorgang. Der Treffer zerlegt das Gewebe in tausende kleine Stücke, die sich in einer Wolke im Wasser verteilen und nicht wieder eingesammelt werden. Die Wucht reicht aus, um auch dichte Muskelpartien aufzubrechen.
Die Erstbeschreibung stützt sich auf zwei voneinander unabhängige Ereignisse. Das erste filmte Ayres am 29. Juli 2024 vor der Küste von San José del Cabo in Baja California Sur, als sie als Tauchführerin unterwegs war. Beteiligt waren mehrere erwachsene Orcas und ein Jungtier, das anschließend die kleinen Fragmente aufnahm, während die Erwachsenen sich an den größeren Resten bedienten. Das zweite Ereignis wurde am 7. September 2025 in der Nähe von Isla Cerralvo aufgezeichnet und folgte demselben Ablauf, diesmal mit drei erwachsenen Weibchen und einem Kalb. Bemerkenswert ist der Kontext beider Begegnungen, denn dieselbe Gruppe hatte kurz zuvor bereits einen Teufelsrochen beziehungsweise einen Kurzflossen-Makohai erbeutet. Die Tiere waren also nicht hungrig im engeren Sinn, als sie den Mondfisch zerlegten. Beide Aufnahmen entstanden zufällig durch Tourenanbieter vor Ort.
Warum Orcas so vorgehen, dazu bieten die Autoren zwei Erklärungen an, die sich nicht ausschließen. Die erste ist eine Form der Brutfürsorge, denn kleine Fragmente lassen sich von Jungtieren mit noch unvollständigem Gebiss deutlich leichter aufnehmen als zähe Hautpartien eines erwachsenen Mondfischs. Die zweite Erklärung ist schlicht Spiel, denn Schwertwale hantieren nachweislich mit Beute, auch wenn kein Nahrungsbedarf besteht. Auffällig ist die Parallele zu anderen ungewöhnlichen Verhaltensmustern dieser Art, etwa zu den wiederholten Attacken auf Segelboote vor der Iberischen Halbinsel, die ebenfalls zwischen Spiel und gelernter Technik eingeordnet werden. Zusätzlich könnte die treibende Gewebewolke Nährstoffe und Mikroorganismen im Wasserkörper verteilen und damit ökologische Folgen haben, die bisher niemand quantifiziert hat. Zwei dokumentierte Fälle reichen für eine belastbare Deutung allerdings nicht aus, weshalb das Team weitere systematische Beobachtungen im Golf von Kalifornien fordert.
Frontiers in Ethology, Fragmentation of sharp-tail sunfish (Masturus lanceolatus) caused by high-impact ramming behavior in orcas (Orcinus orca); doi:10.3389/fetho.2026.1835536