Lange Kindheit

Orang-Utans brauchen acht Jahre, um 250 Nahrungsmittel zu lernen

 Dennis Lenz

Orang-Utans brauchen acht Jahre, um 250 Nahrungsmittel zu lernen
(Symbolbild) Junge Sumatra-Orang-Utans bleiben rund achteinhalb Jahre bei ihrer Mutter. In dieser Zeit lernen sie durch Beobachten und eigenes Ausprobieren, rund 250 Nahrungsmittel zu finden und zu verarbeiten. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Kein anderes Tier kümmert sich so lange um seinen Nachwuchs wie Orang-Utans. Rund achteinhalb Jahre bleiben die Jungtiere bei ihrer Mutter und lernen in dieser Zeit, etwa 250 verschiedene Nahrungsmittel im Regenwald zu finden und zu verarbeiten. Eine in Science veröffentlichte Langzeitstudie zeigt nun, wie unterschiedlich die jungen Menschenaffen dabei vorgehen. Welche Mischung aus Lernformen am Ende zum Erfolg führt, überrascht selbst die Forscher.

Der Speiseplan eines erwachsenen Orang-Utans ist beeindruckend vielfältig. Er umfasst Früchte, Blätter, Rinde, Blüten, Insekten und Honig, ausgewählt aus Tausenden Möglichkeiten im Regenwald, von denen manche giftig sind. Viele dieser Nahrungsmittel sind nur mit Geschick zu erreichen. Rinde muss vom Stamm gelöst und abgeschabt werden, Ameisen und Honig holen die Tiere mit Stöckchen aus Baumhöhlen. Zudem müssen die Tiere wissen, wann welche Früchte reif sind und wo im weitläufigen Wald sie sie finden. Wer mit rund achteinhalb Jahren selbstständig wird, muss dieses Wissen weitgehend beherrschen, denn Orang-Utans leben als Erwachsene überwiegend als Einzelgänger. Ob Tiere vor allem durch Nachahmung von Artgenossen lernen oder durch eigenes Ausprobieren, ist in der Verhaltensforschung seit Langem umstritten. Für Orang-Utans hat ein internationales Team diese Frage nun mit einem außergewöhnlich umfangreichen Datensatz untersucht und die beiden Lernformen erstmals über die gesamte Kindheit hinweg verglichen.

Die Studie entstand unter der Leitung von Revathe Thillaikumar und Caroline Schuppli vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz, gemeinsam mit Forschern der University of St Andrews in Schottland, der Universitas Nasional in Indonesien und Partnern in der Schweiz. Grundlage waren Beobachtungen aus dem Forschungsgebiet Suaq Balimbing im Gunung-Leuser-Nationalpark auf Sumatra, wo wild lebende Sumatra-Orang-Utans in einem Torfsumpfwald leben. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren begleiteten Feldforscher 21 junge Orang-Utans von der Geburt bis zur Selbstständigkeit. Insgesamt werteten sie rund 7.000 dokumentierte Lernereignisse aus. Dabei unterschieden sie zwei Verhaltensweisen: das sogenannte Peering, bei dem ein Jungtier aus nächster Nähe beobachtet, wie die Mutter oder ein anderer Orang-Utan mit Nahrung umgeht, und das eigenständige Erkunden, bei dem es Nahrung und Gegenstände selbst untersucht und ausprobiert. Die Ergebnisse erschienen am 24. September in der Fachzeitschrift Science.

Wie junge Orang-Utans ihren Speiseplan lernen

Die Forscher waren nach eigenen Angaben verblüfft, wie stark sich die Jungtiere in ihren Lerngewohnheiten unterschieden. Manche beobachteten sehr häufig, andere erkundeten lieber selbst, wieder andere taten beides nur selten. Entscheidend war, wie sich diese Neigungen auf den Speiseplan auswirkten, den ein Tier bis zur Selbstständigkeit ohne Hilfe bewältigen konnte. Jungtiere, die häufiger andere beobachteten und zugleich mehr eigenständig erkundeten, entwickelten den breitesten Speiseplan. Beide Lernformen verstärkten sich gegenseitig. Beobachtete ein Jungtier einen Artgenossen, folgte darauf oft eine Phase eigener Erkundung, die bis zu zweieinhalb Stunden andauern konnte. Wer von sich aus wenig ausprobierte, konnte diesen Nachteil teilweise ausgleichen, indem er genauer hinsah, wie andere Orang-Utans ihre Nahrung auswählten. Einzelheiten zu diesen Zusammenhängen beschreibt die Mitteilung der University of St Andrews, die den Umfang des kulturell weitergegebenen Wissens als größer einschätzt als bei jedem anderen bislang untersuchten Tier.

Warum Beobachten sicherer ist als Ausprobieren

Nach Einschätzung von Caroline Schuppli hat die Bevorzugung des Beobachtens einen einfachen Grund. Ein unerfahrener Orang-Utan, der sich nur auf eigene Versuche verlässt, geht ein erhebliches Risiko ein. Er könnte giftige Pflanzenteile probieren oder viel Zeit mit Nahrung verschwenden, die kaum Energie liefert. Für wachsende Jungtiere, die keine Mahlzeit verpassen dürfen, ist das gefährlich. Der sicherere Weg besteht darin, sich an erfahrenen Vorbildern wie der eigenen Mutter zu orientieren. Die Mutter liefert gewissermaßen den Lehrplan, das Jungtier übt anschließend selbst. Diese Verbindung aus sozialem Lernen und eigener Übung beeindruckte auch die Primatenforscherin Elizabeth Lonsdorf von der Duke University, die an der Studie nicht beteiligt war. Sie hob hervor, wie oft auf eine Beobachtung eine eigene Übungsphase folgte. Das deute darauf hin, dass keine der beiden Lernformen allein die Entwicklung der jungen Menschenaffen erklären kann.

Kultur bei Menschenaffen reicht weiter als gedacht

Die Arbeit knüpft an frühere Untersuchungen desselben Forschungsumfelds an. Im vergangenen Jahr hatten Computersimulationen auf Basis der Beobachtungsdaten aus Suaq gezeigt, dass ein auf sich allein gestellter Orang-Utan den vollständigen Speiseplan eines Erwachsenen nicht selbst erlernen könnte. Das Wissen über rund 250 Nahrungsmittel ist demnach ein kultureller Schatz, den Generationen von Orang-Utans erschlossen und weitergegeben haben. Die neue Studie liefert dazu die Beobachtungen aus dem Alltag der Tiere: Sie zeigt, wie die Weitergabe im Laufe einer langen Kindheit konkret abläuft und wie stark sie sich von Tier zu Tier unterscheidet. Für die Forschung zur Evolution des Menschen ist das von großer Bedeutung. Auch beim Menschen gilt die lange Kindheit als Voraussetzung dafür, das umfangreiche Wissen der Gemeinschaft zu erwerben. Nach Ansicht der Autoren könnten die Grundlagen dieser Lernweise schon bei gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Menschenaffen entstanden sein.

Warum das Wissen bedrohter Orang-Utans schützenswert ist

Die Ergebnisse haben auch eine Bedeutung für den Artenschutz. Der Sumatra-Orang-Utan gilt als vom Aussterben bedroht, vor allem weil sein Lebensraum durch Abholzung und die Umwandlung von Wald in Plantagen schrumpft. Wenn ein großer Teil des Überlebenswissens kulturell weitergegeben wird, verschwindet mit jeder zerstörten Population nicht nur eine Gruppe von Tieren, sondern auch ein über Generationen gewachsener Wissensschatz. Zudem stellt die Studie die Auswilderung verwaister Jungtiere vor Herausforderungen, denn ohne Mutter fehlt ihnen das wichtigste Vorbild. Auffangstationen versuchen deshalb, den Tieren in einer Art Waldschule die nötigen Fertigkeiten beizubringen. Einschränkend ist anzumerken, dass die Studie auf 21 Jungtiere aus einem einzigen Gebiet beschränkt ist. Ob Orang-Utans in anderen Wäldern ähnlich lernen, muss sich noch zeigen. Die vollständigen Daten und Analysen enthält die Originalstudie in Science.

Science, How 8 years of social and individual learning interact to shape ecological competence in orangutans; doi:10.1126/science.adz6415

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