Verborgene Riffe

Neue Zwerggrundel aus dem Roten Meer ist nur von zwei Exemplaren bekannt

 Dennis Lenz

Neue Zwerggrundel aus dem Roten Meer ist nur von zwei Exemplaren bekannt
Kopf und Vorderkörper eines lebenden Exemplars der Zwerggrundel Trimma charon kurz nach dem Fang. Der fotografierte Paratyp misst 12,1 Millimeter Standardlänge ohne Schwanzflosse. (Foto: © V. N. Peinemann (Ausschnitt), Peinemann et al., ZooKeys 1293 (2026), Abb. 2, CC BY 4.0)

Eine nur wenige Millimeter große Zwerggrundel ist bislang wissenschaftlich durch zwei Exemplare belegt. Die Art Trimma charon stammt aus dem nördlichen Roten Meer vor Saudi-Arabien und fällt durch ihren durchscheinenden Körper, einen orange-roten Seitenstreifen und eine ungewöhnlich gegliederte Iris auf. Nach weiteren Suchen fanden die Forscher keine zusätzlichen Tiere. Das bedeutet jedoch nicht, dass weltweit nur zwei Exemplare leben: Die Beobachtungen lassen ebenso offen, ob der Fisch selten ist oder vor allem in tieferen, kaum untersuchten Riffbereichen vorkommt.

Beschrieben wurde die neue Art von einem Team um Viktor Nunes Peinemann aus dem Marine Science Program der King Abdullah University of Science and Technology in Saudi-Arabien. Zu den Mitautoren gehören Sergey V. Bogorodsky vom Senckenberg-Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt sowie Matthew D. Tietbohl Talas und Michael L. Berumen von der KAUST. Eine Mitteilung des Verlags Pensoft stellt den Fund und die offenen Fragen zu seinem Lebensraum vor.

Der Fundort liegt bei Walih Island im nördlichen Roten Meer auf dem Gebiet Saudi-Arabiens. Die Taucher sammelten die beiden Tiere am 15. Mai 2023 am Eingang einer Höhle in 30 Metern Tiefe. Die Originalarbeit in ZooKeys dokumentiert die Art anhand dieser Exemplare und ergänzt einen Bestimmungsschlüssel für die Gattung im Roten Meer. Der steile Außenriffhang fällt an der Fundstelle weiter bis in mehr als 100 Meter Tiefe ab; daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die Grundel selbst in diesen größeren Tiefen nachgewiesen wurde.

Zwei Exemplare aus einer Höhle am Riffhang

Die beiden Tiere stammen aus derselben Begegnung. Die Forscher betäubten sie mit Nelkenöl und sammelten sie anschließend mit einem Handnetz. Beide hielten sich am Boden des Höhleneingangs auf und bewegten sich über eine horizontale Fläche aus abgestorbenem Karbonatgestein. Für ein Riffgebiet ist dieser Untergrund bemerkenswert: An der Fundstelle gab es nur wenige Strukturen aus lebenden oder erst kürzlich abgestorbenen Korallen. Die Beobachtung beschreibt damit einen konkreten Mikrostandort und nicht einfach ein beliebiges Korallenriff.

Mit der Angabe von 30 Metern lässt sich der Fund genauer einordnen. Sie markiert die größte Tiefe, bis zu der das Forschungsteam bei seinen wissenschaftlichen Tauchgängen in diesem Zusammenhang arbeitete. Sie ist weder eine bekannte Tiefengrenze der Art noch ein allgemeines Limit für Sporttaucher. Auch der steile Hang, der unterhalb des Fundorts weiter abfällt, ist kein Beleg dafür, dass Trimma charon dort unten lebt. Die bislang gesicherten Daten beschränken sich auf die zwei Tiere aus 30 Metern Tiefe.

Nach dem Fang suchten die Forscher an vergleichbaren Riffstellen weiter, fanden aber kein zusätzliches Exemplar. Die Art ist deshalb bislang nur aus einer einzigen Begegnung bekannt. Diese Formulierung beschreibt den Stand der wissenschaftlichen Belege: Sie sagt, wie viele Tiere gesammelt und untersucht wurden, nicht, wie viele Individuen tatsächlich im Roten Meer oder weltweit existieren. Eine kleine, versteckt lebende Fischart kann bei üblichen Erhebungen leicht unentdeckt bleiben, besonders wenn sie nur einen eng begrenzten Lebensraum nutzt.

Durchscheinender Körper mit vierfarbiger Iris

Die beiden bekannten Exemplare sind winzig. Das größere, als Holotyp festgelegte Tier besitzt eine Standardlänge von 16,8 Millimetern, das zweite Exemplar eine Standardlänge von 12,1 Millimetern. Die Standardlänge reicht von der Schnauzenspitze bis zum Ansatz der Schwanzflosse; die Schwanzflosse selbst wird nicht mitgemessen. Die Zahlen sind daher keine vollständigen Körperlängen und belegen auch kein maximales ausgewachsenes Maß. Aus zwei Exemplaren lässt sich weder das typische Endmaß der Art noch ein Rekord als kleinster Fisch ableiten.

Im Leben ist der Körper durchscheinend. Ein breiter orange-roter Streifen zieht sich seitlich vom Auge bis zum Ansatz der Schwanzflosse und wird von drei schmalen hellen Querbinden unterbrochen. Die Schnauze und der obere Kiefer sind ebenfalls orange-rot gefärbt, während Unterkiefer und Wangen weißlich bis transparent erscheinen. Gerade die Kombination aus Transparenz und kräftigem Seitenstreifen unterscheidet den Fisch optisch von vielen unauffälligen kleinen Rifffischen. Die Färbung ist allerdings nur ein Teil der Merkmale, anhand derer die Forscher die Art abgrenzen.

Besonders ungewöhnlich ist die Iris. Sie ist in vier ungleich große Farbsektoren gegliedert: Der obere und der untere Bereich sind weiß, der vordere und der hintere Bereich orange. Der hintere orangefarbene Abschnitt ist kleiner als der vordere. Das bedeutet nicht, dass der Fisch vier Augen oder vier Pupillen besitzt. Die vier Bereiche gehören zur Iris des Auges und bilden ein auffälliges Farbmuster. Die Studie weist damit ein charakteristisches Merkmal nach, aber weder ein neues Sehsystem noch eine besondere Sehleistung.

Goldfarbene Flecken sitzen vor allem auf der Schwanzflosse und reichen bis auf den Schwanzstiel, also den schmalen Körperabschnitt vor der Schwanzflosse. Weitere diffuse goldene Punkte kommen auf den Rückenflossen vor. Die Bezeichnung „goldfarben“ beschreibt ihr Aussehen und kein Metall im Körper. Auch ein Leuchten oder Biolumineszenz ist damit nicht gemeint. Die Flecken auf der Schwanzflosse erinnern an kleine Münzen und gaben den Ausschlag für den wissenschaftlichen Namen Charon.

Der Name erinnert an den Fährmann Charon

In der griechischen Mythologie bringt Charon die Seelen der Verstorbenen über den Fluss in die Unterwelt. Nach antiker Vorstellung erhielten Tote eine Münze als Bezahlung für die Überfahrt. Die goldfarbenen Punkte auf der Schwanzflosse erinnerten die Forscher an solche Münzen. Der Name verbindet damit ein sichtbares Merkmal des Fisches mit einer mythologischen Figur. Die Bezeichnung ist ein Namensmotiv und kein Hinweis darauf, dass der Lebensraum des Tieres gefährlich oder unheimlich wäre.

Auch die Vorstellung einer Unterwelt spielt in der Beschreibung des Lebensraums eine Rolle, allerdings als Metapher. Die Forscher vermuten, dass die Art häufiger auf tieferen Riffen vorkommen könnte, die unterhalb der üblichen Erkundungstiefen liegen. Solche mesophotischen Riffe erhalten weniger Licht als flache Riffbereiche und sind vielerorts deutlich schlechter untersucht. Die Metapher beschreibt somit die Wissenslücke zwischen gut erforschten, lichtreichen Riffzonen und tieferen Bereichen, nicht eine besondere Eigenschaft des Fisches.

Woran sich die neue Zwerggrundel erkennen lässt

Eine neue Fischart wird nicht allein deshalb anerkannt, weil sie anders gefärbt ist. Die Forscher verglichen mehrere Merkmale des Körpers, der Schuppen, der Flossenstrahlen und der kleinen Sinnespapillen am Kopf mit denen bereits beschriebener Arten. Solche Papillen sind winzige Strukturen, deren Anordnung in der Fischsystematik als Bestimmungsmerkmal dient. Bei Trimma charon ergibt erst die Kombination verschiedener Eigenschaften ein unterscheidbares Muster. Dadurch lässt sich die Art auch dann einordnen, wenn die Färbung bei konservierten Tieren verblasst.

Besonders ähnlich ist Trimma charon der Art Trimma anaima. Diese Zwerggrundel ist im Indopazifik weit verbreitet, wurde im Roten Meer bislang aber nicht nachgewiesen. Beide Arten besitzen einen orange-roten Seitenstreifen und ungeteilte Brustflossenstrahlen. Trimma charon hat davon 14, während bei Trimma anaima meist 16 vorkommen; für diese Art wird eine Spanne von 15 bis 17 angegeben. Auch die Schuppen entlang der Rückenmittellinie und die unterbrochene Seitenzeichnung helfen bei der Unterscheidung. Bei Trimma anaima verläuft der Streifen anders und die Iris zeigt ein anderes Muster.

Die Zahl der Flossenstrahlen ist für Laien kein leicht erkennbares Merkmal, für die taxonomische Bestimmung aber nützlich. Die Forscher dokumentierten außerdem, dass beim größeren Exemplar Schuppen entlang der Rückenmittellinie vorhanden sind, während sie beim kleineren Tier fehlen. Das kann mit Abrieb oder mit der Entwicklung zusammenhängen und zeigt, warum einzelne Merkmale nicht isoliert bewertet werden dürfen. Entscheidend ist, dass mehrere voneinander unabhängige Eigenschaften zusammenpassen. Die Art wurde also nicht nur wegen ihres auffälligen orange-roten Streifens als neu beschrieben.

Genetische Nähe zu Trimma anaima bleibt vorläufig

Neben den äußeren Merkmalen betrachtete das Forschungsteam genetische Daten. Als Vergleich diente unter anderem das mitochondriale COI-Gen, das bei vielen Tieren für genetische Artvergleiche genutzt wird. Unter den verfügbaren COI-Sequenzen von 93 beschriebenen Trimma-Arten lag Trimma anaima genetisch am nächsten bei Trimma charon. Die paarweise Sequenzidentität betrug 85 bis 86 Prozent. Diese Zahl bezieht sich auf den untersuchten Genabschnitt und darf nicht als Übereinstimmung des gesamten Erbguts verstanden werden.

Die genetische Nähe passt zur äußerlichen Ähnlichkeit, beantwortet aber nicht abschließend, wie die beiden Arten evolutionär zueinander stehen. Für eine belastbare Rekonstruktion der Verwandtschaft wären breitere genetische Analysen und mehr Vergleichsmaterial nötig. Denkbar ist, dass beide Arten eng verwandte Linien bilden und sich über lange Zeit getrennt entwickelten. Ebenso bleibt möglich, dass Trimma charon weiter verbreitet ist oder dass eine noch nicht beprobte Linie ihr näher steht. Aus dem COI-Vergleich allein lässt sich deshalb kein genaues Alter einer Artaufspaltung ableiten.

Tiefere Riffe könnten weitere Arten verbergen

Offen bleibt vor allem, in welchem Lebensraum die Art tatsächlich vorkommt. Die Forscher halten zwei Erklärungen für möglich: Trimma charon könnte tatsächlich selten sein, oder die 30 Meter tiefe Fundstelle markiert nur den flachsten Bereich eines Verbreitungsgebiets, das überwiegend tiefer liegt. Keine dieser Möglichkeiten ist bislang bewiesen. Die zweite Hypothese ist plausibel, weil viele Erhebungen im Roten Meer auf Tiefen bis etwa 30 Meter begrenzt waren. Was darunter lebt, lässt sich aus solchen Untersuchungen nur eingeschränkt beurteilen.

Mesophotische Riffe sind für die Forschung schwerer zugänglich als flache Riffdächer und Lagunen. Mit zunehmender Tiefe nimmt das verfügbare Licht ab, und die Lebensgemeinschaften können sich von denen in den oberen Riffzonen unterscheiden. Kleine, am Untergrund lebende Fische sind dort zusätzlich schwer zu entdecken, weil sie sich nahe an Höhlen, Spalten und anderen Strukturen aufhalten. Der Fachbegriff „cryptobenthisch“ beschreibt genau diese verborgene Lebensweise am oder unmittelbar über dem Meeresboden. Eine geringe Zahl beobachteter Tiere kann daher sowohl auf Seltenheit als auch auf unzureichende Erfassung zurückgehen.

Die Beschreibung von Trimma charon erhöht die Zahl der bekannten Arten der Gattung Trimma im Roten Meer von zehn auf elf. Mindestens neun davon scheinen regional endemisch zu sein, kommen also nach bisherigem Kenntnisstand nur in dieser Region vor. Diese Zahl bezieht sich ausschließlich auf die Gattung Trimma und nicht auf sämtliche Fische oder Grundeln des Roten Meeres. Innerhalb der regionalen Grundeln ist Trimma damit derzeit die artenreichste beschriebene Gattung; andere Gattungen liegen allerdings nahe und könnten bei weiteren Neubeschreibungen aufholen.

Zur neuen Art gehört auch ein dichotomer Bestimmungsschlüssel, mit dem sich die elf bekannten Trimma-Arten des Roten Meeres anhand aufeinanderfolgender Merkmale unterscheiden lassen. Die Arbeit ergänzt ihn um Fotografien und Feldnotizen zu Lebensraum und Tiefe. Solche Hilfen sind eine Grundlage, um bei künftigen Erhebungen ähnliche kleine Fische korrekt zuzuordnen, ihre Verbreitung zu dokumentieren und die Biodiversität der Riffe genauer zu kartieren. Die beiden Typusexemplare sind in der Fischsammlung des Royal Ontario Museum hinterlegt: Der Holotyp ist das maßgebliche Belegexemplar, der Paratyp ein weiteres Exemplar aus derselben ursprünglichen Typusserie.

ZooKeys, Peinemann VN, Bogorodsky SV, Tietbohl Talas MD, Berumen ML: Trimma charon, a new species of pygmygoby (Teleostei, Gobiidae) from the Red Sea with a key to the Red Sea species of the genus; doi:10.3897/zookeys.1293.204097

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