Späte Artbestimmung

Museumsfossil entpuppt sich nach 102 Jahren als unbekannter Raubsaurier

 Dennis Lenz

Museumsfossil entpuppt sich nach 102 Jahren als unbekannter Raubsaurier
(Symbolbild) Ein Museumsfossil erweitert die bekannte Dinosaurierwelt Europas. Die neue Zuordnung betrifft einen Schädelrest und nicht ein vollständig erhaltenes Skelett. Sein Besitzer gehörte zu einer bislang auf dem Kontinent nicht nachgewiesenen Raubsauriergruppe. Moderne Untersuchungsverfahren machen dabei Merkmale zugänglich, die für den Vergleich mit anderen Arten entscheidend sind. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein Museumsfossil, das 1924 nach London gelangte, gehört zu einem bislang unbekannten Raubsaurier. Die neue Art lebte vor etwa 120 Millionen Jahren auf dem Gebiet der heutigen Isle of Wight. Sie liefert den ersten bekannten europäischen Nachweis der Megaraptoren. Damit erhält ein lange aufbewahrtes Schädelstück eine Bedeutung, die weit über die Benennung einer weiteren Dinosaurierart hinausgeht.

Das Natural History Museum stellte Invictibellatrix amberina am 14. Oktober 2026 vor und verwies auf die ungewöhnliche Geschichte des Fundes. Gesammelt hatte ihn Reginald Walter Tooley am Fuß einer Klippe an der Südwestküste der Isle of Wight. Nach seinem Tod übernahm das Museum mehr als 1.000 seiner Fundstücke. Eines davon bewahrte den hinteren Teil eines Dinosaurierschädels.

Eine solche Sammlung ist nicht einfach ein Lager bereits vollständig verstandener Gegenstände. Die wissenschaftliche Aussage eines Fossils verändert sich, wenn neue Vergleichsfunde bekannt werden oder andere Untersuchungsverfahren zur Verfügung stehen. Ein Knochen kann deshalb seit Jahrzehnten katalogisiert sein und trotzdem erst viel später einer eigenständigen Art zugeordnet werden.

Wie das Museumsfossil seine Besonderheit verriet

Das Team um Cassius Morrison untersuchte das Schädelstück mit Computertomografie. Daraus entstanden dreidimensionale Modelle der erhaltenen Knochen und des Innenraums. Die Kombination bestimmter Merkmale, darunter eine ovale Öffnung und ein charakteristisch geformter Knochenkamm, unterschied den Fund von bekannten Arten.

Die Auswertung eines solchen Modells ist nicht mit dem Fund eines erhaltenen Gehirns gleichzusetzen. Rekonstruiert werden die Begrenzungen des Hohlraums, den Weichteile einst einnahmen. Diese Form kann anatomische Vergleiche ermöglichen. Sie verrät aber nicht unmittelbar, wie intelligent das Tier war oder wie es sich in einer konkreten Situation verhielt.

In der veröffentlichten Artbeschreibung in Royal Society Open Science vergleichen die Autoren den Fund mit anderen zweibeinigen Raubsauriern. Entscheidend ist dabei nicht, ob ein einzelnes Merkmal ähnlich aussieht. Erst die gemeinsame Verteilung mehrerer Eigenschaften erlaubt eine begründete Zuordnung im Stammbaum.

Ein Schädelstück ist noch kein vollständiges Tier

Das Aussehen des gesamten Raubsauriers muss teilweise aus verwandten Arten erschlossen werden. Angaben zu Körpergröße, Befiederung oder Krallen sind deshalb nicht mit am Fund erhaltenen Körperteilen zu verwechseln. Gerade bei einer neuen Art ist diese Trennung wichtig: Das Schädelstück bildet den direkten Beleg, die Darstellung eines lebenden Tieres enthält zusätzlich wissenschaftlich begründete Rekonstruktion.

Auch der Gruppenname kann zu falschen Vorstellungen führen. Megaraptoren waren nicht einfach besonders große Ausgaben der aus Filmen bekannten kleinen Raubsaurier. Ihre Einordnung ergibt sich aus anatomischen Vergleichen. Eine ähnliche Bezeichnung ersetzt keine Untersuchung der Verwandtschaft.

Der Fund ergänzt die Landkarte der frühen Kreidezeit

Die europäische Zuordnung ist deshalb interessant, weil Fossilien nicht nur Körperbau dokumentieren. Zusammen mit ihrem Alter und Fundort begrenzen sie auch, wo eine Tiergruppe zu einer bestimmten Zeit bereits vorkam. Ein sicher bestimmter Fund kann damit zwischen mehreren vorgeschlagenen Ausbreitungswegen unterscheiden helfen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass der Weg eines einzelnen Tieres rekonstruiert wurde. Aus der Anwesenheit einer Gruppe in Europa folgt keine vollständig bekannte Wanderroute von Asien bis in südliche Kontinente. Solche größeren Zusammenhänge entstehen aus mehreren Fundorten, zeitlichen Einordnungen und Modellen der damaligen Geografie.

Der neue Raubsaurier macht eine bislang fehlende Station dieser Geschichte greifbarer. Zugleich bleibt offen, weshalb die Gruppe in manchen Regionen später verschwand und in anderen weiterbestand. Ein zusätzliches Fossil verbessert die Grundlage für diese Frage, ohne sie bereits allein zu beantworten.

Warum alte Sammlungen weitere Entdeckungen ermöglichen

Der Fall zeigt einen Vorteil dauerhaft zugänglicher Originale. Eine veröffentlichte Beschreibung hält fest, was zum Zeitpunkt einer Untersuchung erkannt wurde. Das aufbewahrte Fossil erlaubt dagegen, später neue Fragen an denselben Gegenstand zu richten. Dafür müssen Herkunft, Sammlungsweg und Erhaltungszustand nachvollziehbar bleiben.

Die Entdeckung von Invictibellatrix amberina begann deshalb nicht mit einer neuen Expedition. Sie entstand aus dem erneuten Blick auf einen vorhandenen Fund. Nach 102 Jahren im Museum liefert das Schädelstück einen zusätzlichen Bewohner der europäischen Kreidezeit und einen neuen Anhaltspunkt dafür, wie weit seine Verwandtschaft einst verbreitet war.

Royal Society Open Science, A new megaraptoran dinosaur from the Lower Cretaceous Wessex Formation, UK, and its implications for theropod evolution and biogeography; doi:10.1098/rsos.260937

Spannend & Interessant
VGWortpixel