Menschen erzeugen gleiche Laute nicht mit genau denselben Mundbewegungen. Eine neue Untersuchung von Sprachaufnahmen und MRT-Bildern zeigt, wie stark sich die Bewegungen von Zunge und Kiefer zwischen Personen unterscheiden können. Ein Teil dieser Unterschiede gleicht die individuelle Anatomie aus. Vollständig verschwinden die persönlichen Eigenschaften der Aussprache dadurch nicht.
Die am 13. Oktober 2026 in PLOS Biology veröffentlichte Arbeit von Steven Moran und Kollegen verbindet hörbare Sprache mit den Bewegungen, die sie hervorbringen. Das Team analysierte vorhandene Daten von 32 Sprechern des amerikanischen Englisch, darunter jeweils 16 Männer und Frauen.
Die Aufnahmen stammen aus einer wissenschaftlichen Sammlung, in der Sprache und bewegte Magnetresonanztomografie zusammen erfasst wurden. Die neue Arbeit ist eine Auswertung dieser Daten, nicht die Behauptung, dass erst jetzt erstmals Menschen beim Sprechen im MRT beobachtet wurden.
Der Mund ist bei verschiedenen Menschen nicht identisch geformt. Auch die Beziehung zwischen Zunge, Kiefer und den übrigen Bereichen des Sprechtrakts variiert. Würden alle Menschen dieselbe Bewegung mit exakt derselben räumlichen Verschiebung ausführen, müsste daraus daher nicht automatisch dasselbe akustische Ergebnis entstehen.
Stattdessen kann eine Person ihre eigene Anatomie auf eine andere Weise nutzen. Ein bestimmter Laut wird dann nicht durch eine universelle feste Zungenposition definiert, die bei allen Menschen gleich liegt. Entscheidend ist das Ergebnis des Zusammenspiels mehrerer Strukturen.
Die neue Untersuchung macht dieses Zusammenspiel sichtbar. Ähnliche akustische Ziele können mit unterschiedlichen Bewegungen erreicht werden. Die Unterschiede sind damit nicht einfach Fehler gegenüber einer einzigen idealen Mundbewegung.
Die Auswertung konzentriert sich auf fünf Vokale. Ihre Bildung verändert die räumliche Gestalt des Sprechtrakts auf unterschiedliche Weise. Die Forscher beschrieben diese Veränderungen anhand von 95 anatomischen Markierungen.
Solche Punkte dienen dazu, Formen systematisch vergleichen zu können. Sie ersetzen nicht die Organe, sondern übersetzen ihre Lage in messbare Beziehungen. Dadurch lässt sich beispielsweise untersuchen, welche Veränderungen zwischen zwei Lauten innerhalb einer Person auftreten und welche Unterschiede unabhängig davon zwischen Personen bestehen.
Diese Trennung ist wichtig. Eine große Zungenbewegung bei einer Person kann eine andere Ausgangsform ausgleichen als eine kleinere Bewegung bei einer anderen. Ohne die jeweilige Anatomie zu berücksichtigen, würden beide Vorgänge nur unvollständig beschrieben.
Die Stimmlippen liefern bei stimmhaften Lauten eine Anregung. Auf dem Weg durch den Sprechtrakt wird das Schallsignal durch dessen Form verändert. Bestimmte Frequenzbereiche werden dabei unterschiedlich hervorgehoben.
Diese Resonanzbereiche werden als Formanten beschrieben. Sie sind für die Unterscheidung vieler Vokale wichtig. Ihre Lage ist nicht mit der Grundfrequenz gleichzusetzen, die wesentlich zur wahrgenommenen Tonhöhe einer Stimme beiträgt.
Eine Person kann deshalb denselben Vokal höher oder tiefer sprechen, ohne dass er dadurch zwangsläufig zu einem anderen Vokal wird. Ebenso können zwei Menschen für einen vergleichbaren Laut unterschiedliche anatomische Ausgangsbedingungen besitzen. Die akustische Information entsteht aus mehreren Eigenschaften zugleich.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Sprecher einen Teil ihrer anatomischen Unterschiede durch die Bewegung kompensieren. Die Kompensation ist jedoch nicht vollständig. Persönliche Unterschiede bleiben auch in den hörbaren Ergebnissen bestehen.
Das passt zu einer alltäglichen Erfahrung: Menschen können dasselbe Wort verständlich aussprechen und trotzdem unterschiedlich klingen. Die Studie erklärt davon einen körperlichen Anteil. Sie reduziert die individuelle Stimme aber nicht auf eine einzige anatomische Abmessung.
Für die weitere Forschung ist interessant, welche Unterschiede stabil mit der Anatomie zusammenhängen und welche stärker von erlernten Bewegungsabläufen geprägt werden. Beide Einflüsse können gemeinsam auftreten. Eine statistische Verbindung zwischen Form und Aussprache entscheidet noch nicht für jede Person, wie groß die jeweiligen Anteile sind.
Die Autoren diskutieren, wie individuelle Variation langfristig zur Vielfalt gesprochener Sprachen beitragen könnte. Eine mögliche Rolle körperlicher Unterschiede bedeutet jedoch nicht, dass eine bestimmte Anatomie eine bestimmte Sprache festlegt.
Die Daten stammen für die zentrale Untersuchung aus einer begrenzten Gruppe englischsprachiger Teilnehmer. Daraus lässt sich nicht unmittelbar die Entstehung aller Lautsysteme weltweit rekonstruieren. Sprachlernen, soziale Weitergabe und historische Entwicklungen bleiben eigenständige Einflussgrößen.
Die Arbeit formuliert damit einen Beitrag zu einer größeren Erklärung. Sie zeigt, dass der körperliche Ausgangspunkt nicht bei jedem Menschen gleich ist. Welche Folgen das über Generationen innerhalb einer Sprachgemeinschaft hat, benötigt zusätzliche Untersuchungen.
Eine Tonaufnahme allein zeigt, welches akustische Ergebnis entsteht. Ein Bild allein zeigt einen körperlichen Zustand. Erst ihre Verbindung erlaubt es, Bewegungen mit gleichzeitig erzeugten Lauten zusammenzubringen.
Die offenen Materialien zur Untersuchung ergänzen die veröffentlichte Analyse und machen ihre methodische Grundlage nachvollziehbar. Dadurch können andere Forscher prüfen, wie die Formen beschrieben und mit den Sprachdaten verglichen wurden.
Der neue Befund verändert vor allem die Vorstellung einer einzigen richtigen Bewegung hinter einem Laut. Verständliche Aussprache entsteht nicht dadurch, dass alle Münder dieselbe Mechanik exakt wiederholen. Menschen erreichen ähnliche akustische Ergebnisse mit individuell unterschiedlichen Bewegungen ihres eigenen Körpers.
PLOS Biology, Interindividual vocal tract diversity influences the phonetic diversification of spoken languages; doi:10.1371/journal.pbio.3004003