Spuren im Knochen

Kleiner Raptor fraß offenbar an einem sechs Meter langen Raubsaurier

 Dennis Lenz

Kleiner Raptor fraß offenbar an einem sechs Meter langen Raubsaurier
(Symbolbild) Ein Raptor kommt als Verursacher von Fraßspuren an einem viel größeren Raubsaurier infrage. Untersucht wurden fossile Kieferknochen aus Kanada. Zahnabstände und fehlende Heilungsspuren helfen bei der Rekonstruktion. Eine Jagd auf den lebenden großen Gegner ist damit nicht nachgewiesen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein kleiner Raptor fraß offenbar an einem Raubsaurier, der ungefähr sechs Meter lang war und mehr als eine halbe Tonne gewogen haben dürfte. Darauf deuten Zahnspuren an fossilen Kieferknochen aus Kanada hin. Wahrscheinlich nutzte das kleinere Tier einen Kadaver. Die neue Untersuchung zeigt, wie sich die Rollen großer und kleiner Räuber nach dem Tod verändern konnten.

Der angefressene Dinosaurier war ein Albertosaurus sarcophagus, ein Verwandter des Tyrannosaurus rex. Seine Überreste stammen aus der Horseshoe Canyon Formation nahe Drumheller in der kanadischen Provinz Alberta. Ein Mitglied der Öffentlichkeit meldete den Fund 2022. Anschließend barg und präparierte ein Museumsteam die Knochen. Erhalten ist kein vollständiges Skelett, sondern eine zusammengehörige Gruppe von Schädelresten und ein Stück eines Gliedmaßenknochens. Gerade diese unscheinbare Kombination erwies sich als ergiebig: Der Schädel bewahrt Hinweise auf eine Mahlzeit, das zusätzliche Knochenfragment auf das Alter des Tieres. In ihrer am 7. Oktober 2026 im Journal of Paleontology veröffentlichten Untersuchung führen Joshua Adam Doyon, Caleb Marshall Brown, François Therrien und Philip John Currie beide Spuren zusammen. Das Ergebnis beschreibt nicht nur einen großen Fleischfresser, sondern auch einen möglichen Nutzer seiner Überreste.

Die entscheidenden Beschädigungen liegen an zwei verschiedenen Knochen des Unterkiefers. Dort hinterließen Zähne längliche Rillen und feine, regelmäßig angeordnete Kratzer. Solche Spuren können mehr verraten als ein einzelner abgebrochener Zahn: Ihre Abstände geben Hinweise darauf, wie das verursachende Gebiss aufgebaut war. Nach dem Bericht der University of Alberta begann Doyon bereits während seines Studiums damit, mögliche Verursacher systematisch zu vergleichen. Die auffälligen Stellen waren Mitarbeitern des Royal Tyrrell Museum of Palaeontology bei der sorgfältigen Präparation der Knochen aufgefallen. Damit sich daraus eine belastbare Aussage ableiten ließ, musste das Team zunächst eine grundlegende Frage klären: Waren die Linien tatsächlich beim Fressen entstanden oder erst sehr viel später, etwa beim Bergen und Freilegen des Fossils? Erst danach begann die Suche nach dem passenden Tier.

Wie groß der angefressene Albertosaurus wirklich war

Die Forscher schätzen die Körperlänge auf etwa sechs Meter und die Masse auf rund 530 Kilogramm. Beide Werte wurden aus erhaltenen Schädelmaßen und bekannten Größenbeziehungen rekonstruiert, nicht an einem vollständigen Körper abgemessen. Das Tier war zudem noch nicht ausgewachsen. Eine dünne Scheibe des zugehörigen Gliedmaßenknochens zeigte wiederkehrende Wachstumsmarkierungen. Aus sechs deutlichen Wachstumslinien und zwei weiteren Wachstumszonen ergibt sich ein Mindestalter von ungefähr acht Jahren. Frühere Markierungen könnten durch Umbau im Knocheninneren verloren gegangen sein, weshalb die Autoren auch ein etwas höheres Alter für möglich halten. An der Außenseite fanden sie außerdem keine Struktur, die auf abgeschlossenes Körperwachstum hindeutet. Die Vorstellung eines hilflosen frisch geschlüpften Tieres passt somit nicht zum Fund. Der Albertosaurus war ein bereits großer, aber noch heranwachsender Räuber, dessen Körperbau zusätzlich eine selten dokumentierte Entwicklungsphase seiner Art erschließt.

Was die Zahnspuren über den Raptor verraten

Bei einem fleischfressenden Dinosaurier können zwei unterschiedliche Teile des Gebisses Spuren hinterlassen. Zum einen ziehen die Spitzen benachbarter Zähne einzelne Rillen über einen Knochen. Zum anderen besitzen viele Raubsaurierzähne gezackte Schneidkanten. Ihre kleinen Zähnchen können beim Darüberziehen mehrere wesentlich feinere Linien erzeugen. Das Team untersuchte deshalb sowohl die Abstände ganzer Zahnspuren als auch die Kratzer solcher Schneidkanten. Diese Kombination hilft, Tiere auseinanderzuhalten, deren Gebiss bei oberflächlicher Betrachtung ähnlich wirkt. Die regelmäßig verteilten feinen Spuren passen besonders gut zu einem Dromaeosaurier, also einem Raptor. Unter den regional bekannten Vertretern kommt beispielsweise Atrociraptor infrage. Die genaue Art ist damit jedoch nicht eindeutig bestimmt. Krokodile und Säugetiere ließen sich anhand andersartiger typischer Fraßspuren als Erklärung ausschließen. Auch Beschädigungen durch Präparationswerkzeuge verglichen die Autoren mit den beobachteten Mustern, bevor sie die Stellen als Zahnspuren einordneten.

Warum der Winkel eines Bisses entscheidend ist

Die Abstände der Rillen entsprechen nicht zwangsläufig dem tatsächlichen Abstand der Zähne. Wird ein Gebiss schräg über eine Knochenoberfläche gezogen, verändert die Bewegungsrichtung das entstehende Muster. Vergleichbar ist das mit einem Kamm, dessen Zinken je nach Zugrichtung unterschiedlich eng nebeneinanderliegende Linien hinterlassen. Für ihre Untersuchung entwickelten die Autoren deshalb eine geometrische Korrektur, die den möglichen Winkel zwischen Zahnreihe und Kratzrichtung berücksichtigt. Ansatzpunkte liefern unter anderem gemeinsame Anfangsstellen oder Endpunkte der Spuren. Nicht überall ist nur eine Orientierung plausibel, weshalb mehrere Varianten berechnet wurden. Auch nach dieser Korrektur passte die Kombination der Messwerte am besten zu Dromaeosauriern. Die Methode ist über den einzelnen Fund hinaus interessant: Ein sehr kleiner Abstand auf einem Knochen darf nicht automatisch einem entsprechend winzigen Gebiss zugeschrieben werden. Ohne die Bewegungsrichtung einzubeziehen, könnte ein geeigneter Verursacher vorschnell aus dem Vergleich fallen.

Warum der große Räuber wahrscheinlich schon tot war

Die betroffenen Knochen zeigen an den Zahnspuren keine Heilung. Das grenzt die Entstehung auf die Zeit um den Tod oder danach ein, unterscheidet aber allein noch nicht sicher zwischen Jagd und Aasfressen. Für die zweite Erklärung spricht vor allem der erhebliche Größenunterschied zum wahrscheinlichen Verursacher. Hinzu kommt die Lage der Spuren: Eine Gruppe befindet sich auf der Innenseite des Unterkiefers, an einer Stelle, die bei einem vollständig zusammenhängenden Schädel schwieriger zugänglich gewesen wäre. Der Kopf könnte beim Fressen bereits teilweise auseinandergefallen sein oder durch das Tier weiter zerlegt worden sein. In diesem Bereich befanden sich unter anderem Gewebe des Mundraums und Ansatzbereiche der Kaumuskulatur. Die Forscher deuten die Rillen daher als Begleitspuren beim Abtrennen von Fleisch. Ein gezieltes Zerkauen oder Verzehren des Knochens ist daraus nicht abzuleiten. Woran der Albertosaurus starb, bleibt unbekannt.

Auch der Erhaltungszustand der Oberfläche liefert einen zeitlichen Hinweis. Die Spuren besitzen klare Konturen, während der umliegende Knochen keine entsprechenden Abplatzungen durch starke Austrocknung zeigt. Das passt nach Einschätzung des Teams eher zu Zahnkontakt, bevor der Knochen vollständig ausgetrocknet und verwittert war. Ein genaues Zeitfenster in Stunden oder Tagen lässt sich daraus nicht bestimmen. Ebenso bleibt offen, ob beide Spurengruppen bei derselben Mahlzeit entstanden. Ein Kadaver kann nacheinander von mehreren Tieren genutzt werden, und unterschiedliche Körperteile werden dabei zu verschiedenen Zeiten zugänglich. Die Facharbeit berücksichtigt deshalb ausdrücklich auch mehrere Fressereignisse oder mehrere beteiligte Tiere. Gerade diese räumlichen und materiellen Details machen die Rekonstruktion belastbarer als eine allein auf Körpergröße gestützte Geschichte. Sie sprechen für eine Nutzung des toten Tieres, ohne einen bestimmten Ablauf am Kadaver nachträglich als beobachtete Szene auszugeben.

Ein sehr junger Albertosaurus bleibt ein weiterer Verdächtiger

Die auffälligste Alternative zum Raptor wäre ein sehr junger Albertosaurus. Bei einem solchen Tier könnten die Zähne und ihre Schneidkanten klein genug gewesen sein, um ähnliche Spuren zu hinterlassen. Dann hätte ein Jungtier an einem größeren Artgenossen gefressen, der Befund wäre also ein Hinweis auf Kannibalismus. Diese Möglichkeit ist weniger gut gestützt, lässt sich aber nicht vollständig ausschließen. Ein Problem des Vergleichs besteht darin, dass ausgerechnet die kleinsten Entwicklungsstadien nur lückenhaft überliefert sind. Einzelne sehr kleine Tyrannosaurierzähne besitzen zudem keine durchgehend gezackten Schneidkanten. Für die feinen Kratzmuster müsste deshalb nicht nur die Größe, sondern auch die konkrete Zahnanatomie stimmen. Die Facharbeit lässt zusätzlich einen weiteren kleinen Raubsaurier als schwächere Möglichkeit offen. Ihre Schlussfolgerung ist damit keine eindeutige Täterbestimmung. Entscheidend bleibt, dass ein erheblich kleinerer Fleischfresser den großen Albertosaurus als Nahrungsquelle genutzt haben dürfte.

Wie ein Kadaver die Rollen im Nahrungsnetz verändert

Falls die bevorzugte Raptor-Deutung zutrifft, handelt es sich nach Einschätzung der Autoren um den ersten dokumentierten direkten Hinweis auf das Fressen eines Dromaeosauriers an einem Tyrannosaurier. Das bedeutet nicht, dass Raptoren erst durch diesen Fund als mögliche Aasfresser infrage kommen. Neu ist die konkrete Verbindung zu dieser Gruppe großer Räuber. Nahrungsbeziehungen verlaufen demnach nicht ausschließlich von kleinen Tieren zu immer größeren Jägern. Ein großer Fleischfresser kann nach seinem Tod auch Arten ernähren, die ihm lebend unterlegen wären. Der Fossilfund ergänzt dieses Bild mit messbaren Spuren statt einer bloß plausiblen Annahme. Er erweitert zugleich die bekannte Nahrung der Dromaeosaurier und zeigt, wie viel Information in wenig spektakulären Knochenoberflächen steckt. Vom mutmaßlichen Raptor selbst wurde an dieser Stelle kein zugehöriges Skelett beschrieben. Seine mögliche Anwesenheit erschließt sich aus wenigen Linien am Kiefer eines anderen Tieres.

Journal of Paleontology, Evidence for dromaeosaurid scavenging on Albertosaurus (Dinosauria: Tyrannosauridae); doi:10.1017/jpa.2026.10269

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