Botanische Entdeckung

Instagram-Foto führt zu bislang unbekannter Riesenseerose

 Dennis Lenz

Instagram-Foto führt zu bislang unbekannter Riesenseerose
(Symbolbild) Eine Riesenseerose aus Kolumbien wurde nach einem Hinweis auf Instagram wissenschaftlich beschrieben. Ihre Blätter erreichen ungewöhnliche Ausmaße. Ortskenntnis und botanische Vergleiche waren für die Untersuchung entscheidend. Die bislang bekannten Bestände sind klein. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Eine Riesenseerose mit bis zu zwei Meter breiten Blättern wurde nach einem Instagram-Foto als bislang unbeschriebene Art erkannt. Auf den Bildern stand zunächst ein vertrauter Name. Doch der Fundort machte einen Experten misstrauisch. Die Suche nach den entscheidenden Belegen führte schließlich mitten in der Nacht durch einen überfluteten Regenwald in Kolumbien.

Die Pflanze heißt Victoria colombiana und wächst im oberen Einzugsgebiet des Orinoco. Ihre wissenschaftliche Beschreibung erschien am 7. Oktober 2026 in Phytotaxa zusammen mit einer Neubewertung verwandter Riesenseerosen. Zwei Tage später veröffentlichten die beteiligten Botaniker auch die ausführliche Geschichte hinter dem ungewöhnlichen Fund. Sie zeigt, weshalb selbst außergewöhnlich große Pflanzen wissenschaftlich unzureichend bekannt sein können. Die Seerose hatte sich nicht etwa erst vor Kurzem entwickelt, und ihre Existenz war vor Ort keineswegs unbekannt. Angehörige indigener Gemeinschaften kannten die auffälligen Wasserpflanzen bereits lange. Neu ist die belegte Unterscheidung von anderen Arten. Dafür mussten Beobachtungen aus sozialen Medien, geografische Informationen, Material aus dem natürlichen Lebensraum und botanische Vergleiche zusammengeführt werden. Den Anfang machte eine Aufnahme, deren ursprüngliche Beschriftung sich als fragwürdig erwies.

Carlos Magdalena wurde ungefähr fünf Jahre vor der Veröffentlichung auf Fotos von Jeremiah Harris aufmerksam. Harris betreibt in den USA eine Gärtnerei für fleischfressende Pflanzen und hatte die Riesenseerosen in Kolumbiens Region Inírida fotografiert. Er hielt sie für Victoria amazonica. Für Magdalena passte jedoch der Standort nicht zu der natürlichen Verbreitung, die er von den bekannten Arten erwartete. Damit war zunächst nur ein Verdacht entstanden. Große Blätter allein unterscheiden diese Pflanzen nicht zuverlässig voneinander. Ebenso kann ein auffälliger Fundort verschiedene Erklärungen haben und beweist noch keine neue Art. Der Botaniker brauchte deshalb nicht einfach weitere spektakuläre Fotos, sondern Angaben, die sich unabhängig voneinander überprüfen ließen. Die anschließende Recherche sollte zunächst klären, ob die Pflanzen tatsächlich an den angegebenen Gewässern wuchsen und wie sich Material für einen sorgfältigen Vergleich gewinnen ließ.

Wie Satellitenbilder die Suche nach der Riesenseerose eingrenzten

Magdalena untersuchte Karten und Satellitenbilder des Inírida und seiner benachbarten Seen. Tatsächlich waren die großen Blätter dort erkennbar. Harris bestätigte, dass es sich um Pflanzen handelte, die ihm lokale Führer gezeigt hatten. Nach dem Expeditionsbericht der Royal Botanic Gardens in Kew nahm Magdalena anschließend Kontakt mit Mauricio Bernal am Botanischen Garten in Bogotá auf. Gemeinsam mit ortskundigen Partnern bereiteten sie eine Reise in das Gebiet vor. Allein die gemeinsame Planung und Vorbereitung der Expedition beanspruchte fast zwei Jahre. Die Satellitenaufnahmen ersetzten die Feldarbeit nicht, machten aber aus einer allgemeinen Vermutung konkrete Suchorte. Aus großer Entfernung ließ sich die Anwesenheit auffälliger Schwimmblätter bestätigen. Die feinen Merkmale, mit denen sich ähnliche Arten unterscheiden lassen, blieben dagegen eine Aufgabe für die Untersuchung vor Ort.

Um ein Uhr nachts begann die entscheidende Bootsfahrt

Die fünftägige Expedition drohte ohne das benötigte Material zu enden. Das Team fand zunächst zwei Pflanzen, doch beide trugen keine Blüten. Hohe Wasserstände und eine verspätete, intensive Regenzeit erschwerten die Situation. Auch weitere Fahrten entlang der Flüsse Inírida und Guaviare brachten zunächst keinen passenden Fund. Am Abend vor dem geplanten Rückflug schilderte Magdalena dem Bootsführer Gustavo Melo das Problem. Melo kannte einen weiteren Standort. Um ein Uhr nachts brach die Gruppe erneut auf, obwohl ihr Flug nach Bogotá schon für neun Uhr am Morgen vorgesehen war. Die Fahrt führte tiefer in den überfluteten Wald und damit zunächst vom Flughafen weg. Kurz vor Sonnenaufgang erreichten sie einen kleinen See mit fünf weiteren Pflanzen. Eine davon blühte. Insgesamt dokumentierte das Team auf der Reise sieben Exemplare an zwei Seen und gewann damit das Material, das zuvor gefehlt hatte.

Weshalb eine Blüte mehr verraten kann als ein riesiges Blatt

Für die wissenschaftliche Beschreibung benötigte das Team einen geeigneten Herbarbeleg, also dokumentiertes, gepresstes und getrocknetes Pflanzenmaterial. Besonders die Blüte war wichtig, weil sich an ihren Strukturen Unterschiede überprüfen lassen, die ein Foto der Blattoberseite nicht zeigt. Die Belege wurden im Herbarium des Botanischen Gartens in Bogotá hinterlegt. Anschließend begann die taxonomische Bearbeitung unter Beteiligung von Maarten Christenhusz. Ein solcher Beleg erfüllt eine andere Aufgabe als eine eindrucksvolle Aufnahme im Regenwald. Er bleibt für spätere Vergleiche verfügbar und verbindet untersuchbare Merkmale mit einem dokumentierten Fundort. Das ist entscheidend, wenn irgendwann weitere Bestände auftauchen oder eine Einordnung erneut geprüft werden muss. Die Geschichte endet deshalb wissenschaftlich nicht mit dem Moment, in dem die Gruppe die blühende Pflanze erreichte. Erst die dokumentierte Untersuchung machte aus dem auffälligen Fund eine nachvollziehbar abgegrenzte Art.

Warum Riesenseerosen für Sammlungen schwierige Objekte sind, beschrieb bereits eine 2022 veröffentlichte Untersuchung der Gattung Victoria ausdrücklich: Die Pflanzen sind groß, fleischig, mit Stacheln besetzt und können beim Trocknen faulen. Ihre gewaltigen Blätter lassen sich zudem nicht wie die vieler kleinerer Pflanzen vollständig auf einem Herbarbogen unterbringen. Durch das Pressen gehen räumliche Informationen verloren, etwa zur Form des aufgerichteten Blattrands. Die damaligen Autoren kombinierten deshalb Sammlungsbelege mit Fotos lebender Pflanzen und weiteren Untersuchungen. Diese ältere Arbeit betraf unter anderem Victoria boliviana, nicht die jetzt beschriebene kolumbianische Art. Sie erklärt jedoch einen wichtigen Hintergrund des aktuellen Falls: Gerade besonders große und auffällige Pflanzen können in wissenschaftlichen Sammlungen überraschend lückenhaft dokumentiert sein. Ein Foto und ein getrockneter Beleg liefern unterschiedliche, sich ergänzende Informationen.

Warum Flüsse ähnliche Pflanzen voneinander trennen können

Die neue Veröffentlichung vergleicht die äußeren Merkmale der Pflanzen mit ihrer Verteilung über südamerikanische Flusseinzugsgebiete. Nach Einschätzung der Autoren verbreiten sich Victoria-Samen vor allem mit Flusswasser und Überschwemmungen. Sie reagieren empfindlich auf Austrocknung; tierische Samenverbreiter sind bislang nicht bekannt. Damit werden die Verbindungen zwischen Gewässern besonders wichtig. Die Forscher vermuten, dass getrennte Einzugsgebiete und über lange Zeit veränderte Flussläufe zur Aufgliederung der Gattung beitrugen. Für diese Erklärung zählt nicht nur die Entfernung zwischen zwei Seen, sondern auch, ob ihre Wassersysteme miteinander verbunden sind. Die geografische Besonderheit des Instagram-Funds war deshalb mehr als eine nebensächliche Ortsangabe. Sie lieferte einen Ansatzpunkt für eine Untersuchung, die Körpermerkmale und Verbreitung gemeinsam betrachtet. Die wissenschaftliche Unterscheidung beruht allerdings nicht allein darauf, dass eine Pflanze jenseits einer vermuteten Grenze wächst, sondern auf dem anschließenden Vergleich der Bestände.

Warum noch keine vollständige Bestandszahl feststeht

Nach der Expedition deuteten weitere geografische Auswertungen auf einen dritten See mit den Pflanzen hin. Der Vergleich von Satellitenbildern legt außerdem nahe, dass bei niedrigeren Wasserständen zusätzliche Exemplare sichtbar werden können. Eine solche Veränderung der Sichtbarkeit darf nicht mit einer nachgewiesenen Zunahme des Bestands verwechselt werden. Umgekehrt ist die Suche vom Boot aus bei überflutetem Wald teilweise einfacher als während trockenerer Phasen, wenn Wege zu Fuß nötig werden. Zwischen Sichtbarkeit auf einer Aufnahme und Erreichbarkeit vor Ort besteht somit ein praktischer Unterschied. Das Team schätzt die Zahl der wild lebenden Pflanzen gegenwärtig auf 30 bis 50. Diese Angabe ist keine vollständige Zählung aller möglichen Standorte. Sie begründet vielmehr den Bedarf an weiterer Suche. Zusätzliche bestätigte Vorkommen könnten die Einschätzung verändern, während das bislang sehr begrenzte bekannte Vorkommen bereits Anlass zur Sorge gibt.

Was aus dem Fund in Kolumbien werden könnte

Die Forscher arbeiten an einer formalen Bewertung für die internationale Rote Liste und halten eine Einstufung als vom Aussterben bedroht für wahrscheinlich. Eine bereits abgeschlossene offizielle Einstufung geht aus ihrer Meldung nicht hervor. Parallel werden Möglichkeiten untersucht, die Pflanze außerhalb der schwer erreichbaren Standorte zu erhalten. Dazu gehören das Sammeln von Samen, eine mögliche Kultur in Bogotá und Überlegungen zu einem zusätzlichen Bestand in einem leichter zugänglichen See innerhalb indigenen Territoriums. Solche Pläne sind noch kein Nachweis einer gelungenen Vermehrung oder einer gesicherten Zukunft. Sie zeigen aber, welche Aufgaben sich unmittelbar an die Beschreibung anschließen. Nilo Rodríguez, Jaime Hernández und Gustavo Melo, die ihr Ortswissen einbrachten, gehören auch zu den Autoren der Facharbeit. Der wissenschaftliche Name steht damit am Ende einer gemeinsamen Suche und zugleich am Anfang einer genaueren Untersuchung dieser selten dokumentierten Pflanze.

Phytotaxa, Discovery of a new species of Victoria (Nymphaeaceae) in the Orinoco watershed of Colombia; doi:10.11646/phytotaxa.778.2.1
Frontiers in Plant Science, Revised Species Delimitation in the Giant Water Lily Genus Victoria (Nymphaeaceae) Confirms a New Species and Has Implications for Its Conservation; doi:10.3389/fpls.2022.883151

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