Mittelalterliche Handschriften sind nicht nur Träger von Texten, sondern auch von Erbgut. Aus dem Pergament berühmter Bände wie der York Gospels und einer Abschrift der Paulusbriefe aus dem 8. Jahrhundert wurde jetzt die DNA eines Schafvirus gewonnen. Daraus rekonstruierte ein internationales Team 21 alte Genome, die bis rund 1700 vor Christus zurückreichen. Der Erreger begleitet europäische und asiatische Herden damit seit mindestens dreieinhalb Jahrtausenden. Bemerkenswert ist vor allem, wie wenig er sich in dieser Zeit verändert hat.
Pergament entsteht aus ungegerbter Tierhaut, die gewässert, entkalkt, gespannt und geschabt wird, bis eine dünne, beschreibbare Fläche übrig bleibt. Verwendet wurden vor allem Schafe, daneben Ziegen und Kälber. Für die Buchherstellung war das über Jahrhunderte der Standard, bevor sich Papier durchsetzte. Aus biologischer Sicht bedeutet das, dass in jeder Bibliothek Europas Millionen von Tierhautproben lagern, sauber datiert, geografisch zugeordnet und unter kontrollierten Bedingungen aufbewahrt. Genau diese Eigenschaft macht Handschriften zu einem Archiv, das in der Genetik erst seit wenigen Jahren systematisch genutzt wird. Bislang stand dabei das Erbgut der Nutztiere selbst im Vordergrund, nicht das ihrer Krankheitserreger.
Die Schafpocken sind eine hoch ansteckende Viruserkrankung, die sich rasch in einer Herde ausbreitet und häufig tödlich verläuft. Erkrankte Tiere entwickeln Pusteln auf Haut und Schleimhäuten, überlebende liefern weniger Milch, weniger Fleisch und beschädigte Wolle. In weiten Teilen Europas wurde die Seuche im 20. Jahrhundert zurückgedrängt, regionale Ausbrüche treten aber weiter auf, zuletzt in Griechenland mit erheblichen wirtschaftlichen Schäden. Über ihre frühere Verbreitung war dagegen fast nichts bekannt, weil historische Beschreibungen von Tierseuchen selten eindeutig sind und Knochenfunde bei einer Hautkrankheit kaum weiterhelfen.
Untersucht wurden Handschriften aus Sammlungen in Yale, Cambridge, am Corpus Christi College, im University College Dublin, in der Lambeth Palace Library und am Trinity College. Darunter befanden sich die rund tausend Jahre alten York Gospels, das um 800 entstandene Corpus Glossary, das als eines der frühesten englischen Wörterverzeichnisse gilt, sowie eine Abschrift der Paulusbriefe aus der Zeit um 700. Ergänzend entnahm das Team DNA aus den Zähnen bronzezeitlicher Schafe von Siedlungen in Russland und Zentralkasachstan. Die Ergebnisse erschienen am 2. September 2026 als Untersuchung zur Virusgeschichte aus Pergamentgenomen in Science Advances.
Die Probennahme ist dabei die heikelste Stelle. Wertvolle Handschriften dürfen nicht beschädigt werden, weshalb überwiegend mit minimalinvasiven Verfahren gearbeitet wird, etwa mit Abrieb aus Radiergummiresten, der bei der normalen Konservierung ohnehin anfällt. Aus diesem Material lässt sich DNA gewinnen, ohne dass am Objekt selbst eine Spur zurückbleibt. Anschließend wird das Erbgut sequenziert und rechnerisch von den Spuren getrennt, die im Lauf der Jahrhunderte durch Menschen, Mikroben und Lagerung hinzugekommen sind. Beteiligt waren über 30 Einrichtungen, darunter Restauratoren, Historiker, Proteinchemiker und Virologen, weil jede dieser Disziplinen einen Teil der Kontrollen beisteuert.
Die rekonstruierten Genome decken den Zeitraum von etwa 1700 vor Christus bis in die frühe Neuzeit ab. Der Vergleich mit heutigen Virusstämmen zeigt, dass sich das Schafpockenvirus vor rund 11.500 bis 3.700 Jahren von den verwandten Erregern der Ziegenpocken und der Dermatitis nodularis getrennt hat. Diese Spanne fällt zusammen mit der Ausbreitung der Schafhaltung und, am unteren Ende, mit der Zeit, in der Schafe gezielt auf Wolle gezüchtet und regelmäßig geschoren wurden. Ein Zusammenhang zwischen intensiverer Haltung und dem Erfolg des Erregers liegt damit nahe, ist aus den Daten allein aber nicht bewiesen.
Der auffälligste Befund betrifft die Stabilität. Anders als das Pockenvirus des Menschen, das sich über die Jahrhunderte deutlich verändert hat, blieb das Genom des Schafvirus über die letzten Jahrtausende weitgehend konstant. Das legt nahe, dass die entscheidenden Anpassungen an den Wirt sehr früh stattfanden und der Erreger seither kaum Anlass zur Veränderung hatte. Für die Tiermedizin ist das relevant, weil es bedeutet, dass heutige Impfstoffe es mit einem vergleichsweise unbeweglichen Ziel zu tun haben. Dass sich Stoffwechselwege und Anpassungen von Mikroorganismen überhaupt so weit zurückverfolgen lassen, zeigen auch Arbeiten, in denen Mikroben Rätsel der Evolution komplexer Lebensformen erhellten.
Nicht alle Nachweise passen zum erwarteten Bild. Das Erbgut des Schafvirus fand sich auch auf Pergament, das aus Kalbs- und Ziegenhaut hergestellt worden war. Dafür kommen zwei Erklärungen in Betracht. Entweder gab es seltene Übertragungen zwischen den Arten, was bei nah verwandten Erregern derselben Gattung grundsätzlich möglich ist. Oder das Material wurde während der Herstellung verunreinigt, etwa weil Häute unterschiedlicher Tiere in denselben Wasserbecken lagen und dieselben Werkzeuge durchliefen. Welche der beiden Möglichkeiten zutrifft, lässt sich derzeit nicht entscheiden, und beide bleiben in der Studie ausdrücklich offen.
Interessant ist auch die Frage, warum kranke Tiere überhaupt zu Buchseiten wurden. Eine naheliegende Deutung lautet, dass eine verendete oder notgeschlachtete Herde für die Ernährung ausfiel, die Häute aber weiterhin brauchbar waren. Pergamentherstellung wäre dann eine wirtschaftlich sinnvolle Zweitverwertung gewesen. Belegen lässt sich das mit genetischen Daten nicht, es passt jedoch zu dem Befund, dass in mehreren Handschriften gleich mehrere Blätter positiv getestet wurden, teilweise Blätter aus demselben Band. Das spricht dafür, dass ganze Häutepartien aus einem betroffenen Bestand stammten.
Der methodische Kern der Arbeit ist übertragbar. Wenn ein Tierpathogen im Pergament nachweisbar bleibt, dürften auch andere Erreger dort Spuren hinterlassen haben. Archive und Bibliotheken weltweit enthalten damit potenziell eine Chronik der Tiergesundheit früherer Jahrhunderte, sortiert nach Ort und Zeit, wie sie aus keiner anderen Quelle zu gewinnen ist. Historische Berichte über Viehsterben ließen sich auf diese Weise erstmals einem konkreten Erreger zuordnen, statt sie nur zu vermuten. Voraussetzung ist allerdings, dass Sammlungen die nötigen Proben freigeben und dass Konservatoren in die Untersuchungen eingebunden bleiben.
Grenzen bleiben bestehen. Ein positiver Nachweis auf einer Seite belegt nicht, wie stark ein Ausbruch war, wie viele Tiere starben oder wie weit die Seuche reichte. Er zeigt zunächst nur, dass ein einzelnes Tier zum Zeitpunkt der Schlachtung infiziert war. Aussagen über die Verbreitung ergeben sich erst aus vielen Einzelnachweisen und deren räumlicher Verteilung. Hinzu kommt, dass die Datierung einer Handschrift nicht zwingend mit dem Zeitpunkt der Häuteproduktion übereinstimmt, weil Pergament gelagert und Jahrzehnte später beschrieben werden konnte. Die Zeitreihe ist damit belastbar, aber gröber, als die einzelnen Datierungen zunächst vermuten lassen.
Science Advances, Three thousand five hundred years of sheeppox virus evolution inferred from archaeological and codicological genomes; doi:10.1126/sciadv.aeh3571