Hunde mit der POMC-Mutation sind deutlich öfter übergewichtig, weil ihr Hungergefühl gestört ist. Sie werden zwar durch dieselbe Futtermenge satt wie Hunde ohne die Mutation, sind aber deutlich schneller wieder hungrig.
Cambridge (England). In Deutschland leben etwa 10 Millionen Hunde, von denen 5,2 Millionen (52 %) übergewichtig sind. Die Tiere leiden oft an Gelenkbeschwerden, Atemproblemen, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, also an ähnlichen Gesundheitsproblemen wie Menschen mit Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas). Übergewicht entsteht bei Hunden vor allem durch zu große Futterportionen, unzureichende Bewegung und eine falsche Einschätzung des Normalgewichts durch die Besitzer, kann aber auch durch das Alter, eine Kastration und bestimmte Krankheiten entstehen.
Es ist zudem bekannt, dass Hunde mit einer POMC-Mutation ein erhöhtes Interesse an Futter haben und deshalb zu Übergewicht neigen. Forscher der University of Cambridge um Dr. Eleanor Raffan haben nun eine Studie publiziert, laut der viele Labrador Retriever (25 %) und Flat-Coated Retriever (66 %) diese Mutation besitzen. Die Studie hat zudem untersucht, wie die Mutation bei den beiden Hunderassen das Verhalten im Zusammenhang mit Nahrung beeinflusst. Labrador Retriever und Flat-Coated Retriever mit der POMC-Mutation müssen demnach nicht mehr fressen als ähnlich große Hunderassen, um satt zu werden, haben zwischen den üblichen Mahlzeiten aber ein deutlich stärkeres Hungergefühl.
„Wir haben herausgefunden, dass eine Mutation im POMC-Gen Hunde hungriger zu machen scheint. Betroffene Hunde neigen dazu, zu viel zu fressen, weil sie zwischen den Mahlzeiten schneller hungrig werden als Hunde ohne die Mutation“, erklärt Dr. Eleanor Raffan.
Laut der Studie besitzen Hunde mit der POMC-Mutation zudem einen geringeren Energieverbrauch im Ruhezustand (25 %). Sie müssen also weniger Kalorien aufnehmen als Hunde ohne diese Mutation, um ihr Gewicht zu halten.
„Alle Besitzer von Labradoren und Flat-Coated Retrievern müssen darauf achten, womit sie diese stark futtermotivierten Hunde füttern, damit sie ein gesundes Gewicht behalten. Aber Hunde mit dieser genetischen Mutation sind doppelt benachteiligt: Sie wollen nicht nur mehr fressen, sondern brauchen auch weniger Kalorien, weil sie diese nicht so schnell verbrennen“, so Dr. Eleanor Raffan.
Wie Dr. Eleanor Raffan erklärt, basieren die neuen Erkenntnisse auf Experimenten mit 87 ausgewachsenen Labradoren, die teilweise ein gesundes Gewicht und teilweise moderates Übergewicht hatten. Im ersten Test haben die Hunde alle 20 Minuten eine Dose Hundefutter erhalten, bis sie nichts mehr fressen wollten. Die Hunde mit der POMC-Mutation haben dabei etwa gleich viel gefressen wie die Hunde ohne diese Mutation. Die POMC-Mutation beeinflusst also nicht, wie groß die Futtermenge sein muss, damit sich ein Hund satt fühlt.
Beim zweiten Text, am Folgetag, haben die Hunde eine standardisierte Futterportion erhalten. Nach drei Stunden wurde mit ihnen der sogenannte „Wurst-in-der-Box“-Test durchgeführt, bei dem eine Wurst in einer durchsichtigen Box mit einem perforierten Deckel positioniert wurde. Die Tiere können die Wurst also sehen und riechen, aber nicht fressen. Hunde mit der POMC-Mutation haben sich bei diesem Test deutlich mehr bemüht, an die Wurst zu kommen, was auf ein stärkeres Hungergefühl hindeutet.
„Menschen sind oft unhöflich gegenüber den Besitzern dicker Hunde und geben ihnen die Schuld, weil sie die Ernährung und Bewegung ihrer Hunde angeblich nicht richtig steuern. Aber wir haben gezeigt, dass Labradore mit dieser genetischen Mutation ständig nach Futter suchen und versuchen, ihre Energieaufnahme zu erhöhen. Es ist sehr schwierig, diese Hunde schlank zu halten, aber es ist möglich“, erläutert Dr. Eleanor Raffan.
Wie die Experten von hundefroh.de erklären, liefert die Studie somit neues Wissen dazu, wieso manche Hunde, vor allem Labrador Retriever und Flat-Coated Retriever, bei denen die POMC-Mutation oft auftritt, trotz der Bemühungen ihrer Besitzer stärker zu Übergewicht neigen.
Laut den Wissenschaftlern um Dr. Eleanor Raffan beeinflusst das POMC-Gen Signalwege im Gehirn, die auch beim Menschen mit Übergewicht in Verbindung stehen. Bei Hunden sorgt die POMC-Mutation dafür, dass die Botenstoffe Beta-Melanozyten-stimulierendes Hormon (β-MSH) und Beta-Endorphin im Gehirn kaum oder gar nicht gebildet werden. Analysen deuten darauf hin, dass β-MSH und Beta-Endorphin eine essenzielle Rolle bei der Kontrolle des Hungergefühls und der Regulierung des Energieverbrauchs spielen.
Quellen:
Studie im Fachmagazin Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.adj3823