Eine neu entdeckte Amöbe aus Kalifornien hat den Hitzerekord für komplexes Leben gebrochen. Die sogenannte Feueramöbe teilt sich noch bei 63 Grad Celsius und bleibt bis 64 Grad aktiv. Kein anderes Lebewesen mit Zellkern ist bekannt, das sich bei so hohen Temperaturen vermehren kann. Kurzzeitig übersteht sie sogar 70 Grad, indem sie sich in eine schützende Hülle zurückzieht. Die Studie erschien im Fachjournal Cell.
Dass Leben extreme Hitze aushalten kann, ist seit Langem bekannt. Bestimmte Bakterien und Archaeen wachsen in heißen Quellen und an Tiefseeschloten bei Temperaturen weit über 100 Grad. Diese Mikroben gehören jedoch zu den Prokaryoten, Lebewesen ohne Zellkern, deren einfach gebaute Zellen besonders robust sind. Für Eukaryoten, also Organismen mit Zellkern, zu denen Pflanzen, Pilze, Tiere und auch der Mensch gehören, galt eine deutlich niedrigere Grenze. Bislang lag der Rekord bei etwa 60 Grad Celsius, gehalten von einigen Pilzen und Rotalgen. Hitze setzt komplexen Zellen besonders zu, weil sie Erbgut schädigt, Eiweiße entfaltet und die Membranen zerstört, die das Zellinnere in Abteilungen gliedern. Ein Team um die Mikrobiologin Beryl Rappaport und die Biologin Angela Oliverio von der Syracuse University im US-Bundesstaat New York hat diese Grenze nun verschoben. Die Arbeit erschien am 22. September in Cell und wurde von der NASA gefördert.
Die Forscher sammelten zwischen 2023 und 2025 Proben aus den geothermischen Gewässern des Lassen-Volcanic-Nationalparks in Nordkalifornien. Der Park liegt am südlichen Ende der Kaskadenkette, eines vulkanischen Gebirgszugs, der sich bis nach Kanada zieht, und beherbergt Lassen Peak, den größten Lavadom-Vulkan der Welt. In Proben aus einem Nebenarm des Hot Springs Creek fanden die Forscher eine unbekannte Amöbe, die bei 57 Grad noch problemlos wuchs, der bisherigen Grenze für Amöben. Die Forscher erhöhten die Temperatur schrittweise weiter, wie die NASA in einer Mitteilung beschreibt. Mit einem beheizten Mikroskop beobachteten sie, wie sich die Zellen noch bei 63 Grad teilten. Bis 64 Grad bewegte sich die Amöbe weiter und suchte nach Nahrung, erst darüber stellte sie die Vermehrung ein.
Bei 70 Grad bildete die Amöbe eine schützende Hülle um sich und fiel in eine Art Starre. Nach fünf Minuten bei dieser Temperatur senkten die Forscher die Hitze wieder auf 60 Grad, und die Zellen erholten sich. Erst bei 80 Grad starben sie. Am wohlsten fühlt sich die Art bei 55 bis 57 Grad, unter 42 Grad hörte sie ganz auf zu wachsen. Sie ist also auf Hitze angewiesen und nicht bloß tolerant gegenüber ihr. Ihr Erbgut verriet, dass es sich um eine bislang unbekannte Art handelt, die den Forschern zufolge sogar eine eigene Gattung bildet. Sie tauften sie Incendiamoeba cascadensis, was sich als Feueramöbe aus der Kaskadenkette übersetzen lässt. Ihr nächster bekannter Verwandter ist eine Amöbe, die häufig in Warmwasserboilern vorkommt und nur bis etwa 40 bis 45 Grad wächst. Die Feueramöbe verträgt also rund 20 Grad mehr als ihre engsten Verwandten.
Um zu verstehen, wie die Amöbe die Hitze überlebt, verglichen die Forscher, welche Gene sie bei 48 und bei 61 Grad aktiviert. In der Nähe ihrer Obergrenze fuhr sie mehrere Programme hoch, die für den Zusammenhalt der Zelle wichtig sind, darunter Gene zur Reparatur von Erbgutschäden. Zudem besitzt sie offenbar Mechanismen, die ihre Eiweiße stabil halten, ähnlich wie bei hitzeliebenden Bakterien. Die Feueramöbe schützt damit genau die drei Bestandteile, die Hitze in komplexen Zellen am stärksten angreift: Erbgut, Eiweiße und Membranen. Welche dieser Anpassungen am wichtigsten ist, wollen die Forscher weiter untersuchen. Dass Leben an extremen Orten überrascht, zeigen auch Beobachtungen aus der Planetenforschung, etwa wie riesige Wellen die Marsatmosphäre ins All reißen und damit die Bedingungen für Leben auf dem Roten Planeten verschlechterten.
Die Feueramöbe ist womöglich kein Einzelfall. Die Forscher durchsuchten öffentliche Erbgutdatenbanken nach ähnlichen Sequenzen und stießen auf verwandte Bruchstücke aus geothermischen Proben in Neuseeland und im Yellowstone-Nationalpark. Weitere hitzeliebende Amöben könnten also rund um den Globus in heißen Quellen leben und nur darauf warten, entdeckt zu werden. Das Liveportal Live Science berichtet, dass die Proben aus einem vergleichsweise unscheinbaren Seitenarm eines Baches stammten, was die Suche an ähnlichen Orten lohnend erscheinen lässt. Eine erste Fassung der Studie war bereits im November 2025 als Vorabveröffentlichung erschienen, die begutachtete Version bestätigt nun die Befunde. Für Mikrobiologen ist der Fund ein Anlass, heiße Gewässer systematischer nach komplexen Einzellern abzusuchen, die bislang übersehen wurden.
Die NASA förderte die Studie, weil sie für die Suche nach Leben außerhalb der Erde bedeutsam ist. Wenn komplexe Zellen höhere Temperaturen aushalten als gedacht, erweitert sich der Kreis der Orte, an denen Astrobiologen nach solchen Lebensformen suchen könnten, etwa in hydrothermalen Systemen unter der Oberfläche von Eismonden. Oliverio betont, es gehe nicht nur darum, was auf der Erde möglich ist, sondern auch darum, was anderswo möglich sein könnte. Wie vielfältig die Suche nach Hinweisen auf fremde Welten inzwischen geworden ist, zeigt auch ein Exoplanet, von dem erstmals Radiosignale empfangen wurden. Der Rekord der Feueramöbe liegt zwar nur rund drei Grad über der bisherigen Grenze, doch er widerlegt eine Annahme der Biologie darüber, wie viel Hitze komplexe Zellen ertragen können. Das Temperaturlimit für Leben mit Zellkern könnte noch höher liegen.
Cell, Studie zu Incendiamoeba cascadensis (Syracuse University, 22. September 2026)